«Die Tiefseetaucher» Familientherapie im U-Boot

Was sieht aus wie ein Bilderbuch aus den 1960er Jahren und halb Hollywood will mitmachen? Ein Wes-Anderson-Film. Der kauzige Texaner dreht famos schräge Familienkomödien. Kabel Eins zeigt Die Tiefseetaucher heute Abend.

Mit lärmenden Effektspektakeln um Comicfiguren, Freizeitpark-Attraktionen oder Spielzeugroboter verdient Hollywood viel Geld. Deshalb ist es möglich, einem Kauz im Cordanzug mal eben 50 Millionen Dollar in die Hand zu drücken, damit der seine wunderlichen Ideen verfilmen kann.

Bei dem angesprochenen Kauz handelt es sich um Wes Anderson und seine wunderlichen Ideen heißen Die Royal Tenenbaums, Der fantastische Mr. Fox oder Die Tiefseetaucher. In letzterem geht es um den Meeresforscher und Tierfilmer Steve Zissou (Bill Murray). Mit der rot bemützten Crew seines Fortschungsschiffs «Belafonte» will er den sagenumwobenen Jaguarhai finden, der einst seinen besten Freund verschlang. An Bord befinden sich neben dem Drehteam noch Zissous möglicher unehelicher Sohn, ein Versicherungsangestellter und eine schwangere Journalistin.

Im Grunde handeln alle Filme Andersons von gestörten Familien, in denen exzentrische Väter, Mütter, Söhne und Töchter miteinander auszukommen versuchen. Um sie gruppieren sich zahllose Kollegen und Freunde, Hausangestellte und Therapeuten, Konkurrenten und Günstlinge. Für Rollen in diesen Familienensembles stehen die Stars bei Anderson Schlange. Bill Murray und Owen Wilson spielen immer wieder mit, bei den Tiefseetauchern tummeln sich unter anderem Cate Blanchett, Willem Dafoe und Michael «Dumbledore» Gambon.

Grandiose Bilderbuchästhetik

Die «Belafonte» ist nicht nur eingerichtet wie eine Puppenstube, Anderson filmt sie auch wie ein zweidimensionales Kinderbuch. Am Bug klampft Seu Jorge David-Bowie-Lieder auf Portugiesisch und unter Deck lugt Willem Dafoe misstrauisch durch Bullaugen. Die Tiefseetaucher bestehen im Grunde aus lauter liebevoll arrangierten Standbildern. Die einzige Actionsequenz des Films ist die schreiend komische Parodie einer Inselerstürmung. Das finale Feuergefecht sieht man als Zuschauer lediglich durch einen Türspalt - als hätte Loriot einen Bondfilm gedreht.

Seine Unterwasserwelt bestellte Anderson nicht bei den großen Effektschmieden wie ILM (Star Wars, Transformers) oder Weta (Der Herr der Ringe, Avatar), sondern bei Henry Selick. Selick machte sich mit den Stop-Motion-Meisterwerken Nightmare Before Christmas und Coraline einen Namen. So zuckeln dann ungelenke Fabeltiere am U-Boot vorbei. Mit realistischer Unterwasserfauna haben die zwar so viel gemein wie Tolkiens Bücher mit der englischen Geschichte. Den submarinen Zauber fangen Selicks Figuren jedoch überzeugender ein als jede Computeranimation. Und darauf kommt es letztlich an. Die Szene mit dem Jaguarhai gehört zu den ergreifendsten Kinoaugenblicken der vergangenen zehn Jahre.

Andersons Film ist natürlich in hohem Maße kurios, lebt aber eben nicht nur von seiner bloßen Andersartigkeit gegenüber dem Unterhaltungs-Mainstream. Der Texaner inszeniert seine exzentrischen, neurotischen und vernagelten Charaktere mit heiligem Ernst und verleiht ihnen so Würde. Man möchte sich nach dem Anschauen der Tiefseetaucher auch eine rote Wollmütze aufsetzen. Und sie mit Stolz tragen. Selbst im Hochsommer.

Titel: Die Tiefseetaucher
Regie: Wes Anderson
Darsteller: Bill Murray, Owen Wilson, Cate Blanchett, Willem Dafoe, Anjelica Huston, Michael Gambon, Jeff Goldblum
Sendetermin: Mittwoch, 29. Juni 2011, 20.15 Uhr, Kabel Eins

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