«Hart aber fair» Deutschland sucht den Super-Landarzt

Wie bekommt man mehr Ärzte aufs Land? In einer illustren Runde sorgte sich ARD-Chefarzt Frank Plasberg um die medizinische Versorgung in der Provinz. Er rührte kräftig die Werbetrommel für den Landarzt-Job. Aber was hilft das dem Patienten?

Plasberg (Foto)
Keine Hektik: Frank Plasberg hatte die Ruhe weg. Bild: ARD

Wenn man krank ist, geht man zum Arzt. Klingt logisch? Ist es auch, zumindest wenn ein Mediziner da ist, der einen behandeln kann. Laut einem aktuellen Bericht der Bundesärztekammer stehen knapp 2000 Hausarztpraxen leer. Besonders düster sieht es in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen aus. Trauriger Spitzenreiter der Republik ist in dieser Tabelle der Saalkreis. Grund genug für Talker Frank Plasberg, die verfahrene Situation unter dem Titel Der Doktor und das liebe Geld - wer rettet den Hausarzt von nebenan? mit seinen Gästen zu diskutieren.

Eingeladen hat er dazu den Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP), den gesundheitspolitischen Sprecher der SPD-Fraktion Karl Lauterbach, die Vorsitzende des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenkassen Doris Pfeiffer, den Gastroenterologe und Facharzt für Innere Medizin Arno Theilmeier und den passionierten Landarzt Jörg Oberheim.

Besuch beim Doktor: Das macht einen guten Arzt aus

Letzterer darf die Runde auch eröffnen und räumt vor seinen verdutzt scheinenden Talk-Kollegen erst einmal mit allen Klisches auf, die auf ein harmonisches Landarzt-Idyll im Stil der gleichnamigen ZDF-Familienserie hindeuten könnten. Nun ja, Oberheim sieht auch nicht aus wie Wayne Carpendale. Dafür nimmt man ihm seine Leidenschaft für diesen Beruf ohne jeden Zweifel ab. Die erste und leider auch einzige Erkenntnis des Abends lautet also: Landarzt zu sein, ist ein Knochenjob. Von 8 Uhr morgens bis 21 Uhr am Abend. An guten Tagen versteht sich. Soweit herrscht auch Einigkeit in der Runde, eifriges Kopfnicken von Minister Bahr soll dies wohl bestätigen.

Belächelte Landärzte brauchen Anreize

Auch SPD-Fachmann Lauterbach hat nichts auszusetzen, im Gegenteil: Er bedauert, dass der normale Allgemeinmediziner von seinen Kollegen lange Zeit, und auch noch heute, mit einem leichten Lächeln abgetan wird. Der Beruf ist nicht so prestigeträchtig wie etwa eine Forschungsstelle an einem Universitätsklinikum. Auch hier nickt Bahr und legt sogar noch einen drauf: Es müssen Anreize geschaffen werden, damit vor allem junge Fachkräfte aufs Land ziehen.

So wie bei dem Wort «Anreiz» Bahrs Augen funkelten, für die FDP übrigens seit jeher ein bewährtes Mittel in Zeiten des Umfragtiefs, verspürte Doris Pfeiffer ein nervöses Zucken im Lid. Für sie stand den ganzen Abend nur eine Frage im Vordergrund: Wer soll die Pläne der Bundesregierung zur Landarzthilfe bezahlen? Bahr hat auch dazu die passende Antwort, nur beruhigend wirkt die ganz und gar nicht. Man müsse eben mal 300 Millionen Euro in die Hand nehmen, um dem Problem der Landflucht entgegenzuwirken. Und weiterhin verspricht der Minister, dass dafür keine weiteren Beitragserhöhungen fällig würden. Zumindest fast keine, wie er dann doch revidiert. Auch die Begründung kann sich sehen lassen: Allgemeinmediziner würden eine leistungsfeindliche Vergütung erhalten.

Dass es den meisten Mediziniern in erster Linie gar nicht um Prestige und finanzielle Einbuße geht, handelt Plasberg in zwei Halbsätzen ab. Genau da hätte es sich gelohnt, kräftig nachzubohren. Chance vertan. Denn die eigentliche Problematik besteht doch darin, und darauf weist ausdrücklich SPD-Mann Lauterbach hin, dass es auf dem Land hinsichtlich Kultur, Infrastruktur und Freizeitangebot deutlich schlechter bestellt ist als im städtischen Raum. Doch das ist kein spezielles Problem der Landärzte. Und so fragt Facharzt Arno Theilmeier zu Recht, was denn ein Anreiz nütze, wenn erstens nach Feierabend nichts los ist und zweitens der Kollege in der Stadt mit einem Halbtagsjob am Monatsende den gleichen Gewinn erzielt.

Später Disput und friedliches Ende

Die Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung, die Minister Bahr mit seiner Ich-habe-das-Gesetz-schon-in-der-Tasche-Laune verbreitet, endet erst, als Plasberg die Frage nach den Verantwortlichen für die gegenwärtige Misere einfällt. Doch mehr als parteipolitische Scharmützel mit dem beliebten Spruch: «Lassen Sie mich doch ausreden!» kommen dabei nicht herum. Am ehesten kann man es noch auf Ulla Schmidt schieben. Die war laut einer Umfrage im Ärzteblatt sowieso viel unbeliebter als Daniel Bahr. Von Plasberg darauf angesprochen, ob er nur ein Minster der Ärzte wäre, kann sich Bahr ein Schmunzeln nicht verkneifen, antwortet dann aber doch sehr staatsmännisch mit einem klaren «Nein!» und schiebt ein «Um Gottes Willen!» hinterher.

Statt dieses netten Plauschs hätte ja geklärt werden können, warum ein junger Mediziner nun den schwierigen Weg aufs Land antreten soll. Aus reiner Nächstenliebe? Weil man als Arzt besonders engagiert ist? Auch wer die Kosten für das Gesetz zur Landarzthilfe nun wirklich aufgehalst bekommt - Arbeitnehmer, Arbeitgeber oder alle Krankenkassenmitglieder mittels Zusatzbeiträgen - konnte Plasberg nicht orakeln. Wie man gegen das Imageproblem des Allgemeinmediziners vorgehen will, blieb ebenso schleierhaft.

Gemessen an diesen Ansprüchen war Plasbergs Talkrunde einfach unbefriedigend, mehr als dehnbare Floskeln und altbekannte Beteuerungen wurden nicht kommuniziert. Vielleicht war der Moderator mit seinen Gedanken auch schon bei der nächsten Vorsorgeuntersuchung. Obwohl, er als Privatpatient kann sich die Termine sicher aussuchen und muss nicht im überfüllten Wartezimmer einen Sitz-Marathon hinlegen. Und auf dem Land schon gar nicht.

Bestes Zitat: «Arzt sein, wo was los ist und wo Moos ist.» (Frank Plasberg in Bezug auf die Vorstellungen junger Medizinstudenten bei der Arbeitsplatzwahl.)

oro/news.de

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Leserkommentare (5) Jetzt Artikel kommentieren
  • Bernd K
  • Kommentar 5
  • 24.06.2011 13:47

Mal eine Sendung bei der nicht nur gebrüllt und gepöbelt wurde, außer ansatzweise vom SPD-Professor, der es dann zunehmend nicht ertragen wollte, dass sich der Minister nicht aus der Reserve locken konnte und dieser ihm immer einen Schritt voraus war. Daniel Bahr war in der Sendung überragend komeptent und zeigte einen detailierten Sachverstand.

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  • Wähler
  • Kommentar 4
  • 24.06.2011 10:37

Unerträgliches "Kuschelgequatsche" und ein Moderator Plasberg der sich dem politischen Mainstream mehr und mehr anpasst. Schade um Fernsehzeit und Produktionskosten. Einzigartig auch die Unverfrorenheit der Obersten Kassenaufseherin. So verkauft man den Zuschauer für dumm. Da Lob ich mir die Sendung "Pelzig hält sich" vom 21.06.2011 und dessen Interview mit Herrn Dobrindt. Schauen Sie sich`s an Herr Plasberg.

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  • Igelin
  • Kommentar 3
  • 23.06.2011 18:12

Oh - wie ich in einer Statistik gelesen habe, sterben die Menschen schneller, je dichter die Arztangebote sind. Wahrscheinlich ist das chemische Pillenangebot im Fließband Akkord verschrieben doch nicht so heilsam für die Patienten.

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