«Tatort» aus München Verdächtiger ohne Gedächtnis

Gutes Timing beim Tatort: Im aktuellen Fall von Batic und Leitmayr leidet einer der Mordverdächtigen an Demenz - ein Thema, das durch den Selbstmord von Gunter Sachs wieder in den Blickpunkt geraten ist. Und an das sich die Kommissare erst gewöhnen müssen.

Münchern «Tatort» (Foto)
Miroslav Nemec und Günther Maria Halmer Bild: BR/Barbara Bauriedl

Max Lasinger (Günther Maria Halmer) ist einer von 1,2 Millionen. So viele Menschen leiden in Deutschland an Demenz, dieser für Patienten wie Angehörige enorm belastenden Hirnerkrankung, gegen die es kein Heilmittel gibt. «Ich nehme drei von denen da», sagt Lasinger am Küchentisch. «Knödel. Die heißen Knödel», entgegnet sein Enkel Tobias (Kai Malina). «Ja, Hauptsache drei davon», kommt prompt Lasingers Antwort. Es ist ein kurzer Anflug von Humor in einem Krimi, der sonst ernste Töne anschlägt. Mehr Moll statt Dur. Daran muss man sich bei den Münchner Ermittlern Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) erst einmal gewöhnen.

Kann einer wie Lasinger ein Mörder sein? Seinen eigenen Sohn umgebracht haben? Bernd Lasinger liegt erschlagen in seiner Glaser-Werkstatt. Die Familie ist heillos überschuldet. Seine Glaserei hat Lasinger junior schon vor Jahren aufgeben müssen. Er habe seinen Sohn getötet, weil er ihn für einen Einbrecher hielt, sagt der alte Lasinger den Polizisten. Ein Geständnis. Doch keines, das glaubwürdig ist. Wenigstens nicht für Batic. Kollege Leitmayr ist da anderer Meinung. Man könne sich auch hinter seiner Krankheit verstecken, glaubt er.

Münchner «Tatort»: Gestern war kein Tag
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Vorstadtelend statt Verbalscharmützel

Christian Görlitz (Regie) und Pim Richter (Buch) verquicken zwei große Themen miteinander. In der Wohnung des Toten finden Batic und Leitmayr Fotos bulgarischer Frauen. Sie wurden offenbar als billige Pflegekräfte für Demenzkranke nach Deutschland geschleust. Lasinger junior selbst war an dem Geschäft beteiligt, kassierte bei den Damen monatlich Vermittlungsgebühr ab. Auch seinen Vater ließ er von einer Bulgarin pflegen. Die junge Dana (Vesela Kazakova) hatte zuletzt heftigen Streit mit Bernd Lasinger, ist seitdem wie vom Erdboden verschluckt.

Der Fall ist komplex, manchmal zu komplex, um Spannung zu erzeugen. Die Verbindung des Themas Demenz mit der schwierigen Pflegesituation in Deutschland gelingt nicht immer überzeugend, vieles in diesem Tatort bleibt Stückwerk. Erstaunlich auch, wie müde und farblos das Ermittler-Duo diesmal wirkt. Zeit für die sonst üblichen Verbalscharmützel bleibt nicht. Zu groß ist die Betroffenheit in den Augen der beiden, wenn sie das Vorstadtelend durchleuchten, hinter die Fassade einer zerrütteten Familie blicken.

Dem Kranken die Würde gelassen

Gerettet wird dieser Tatort durch die starken Leistungen der Episodendarsteller. Da ist zum einen die im Tatort zuletzt deutlich überpräsente Johanna Gastdorf, die sich als Bernd Lasingers entfremdete Ehefrau Karin für die Familie und speziell ihren Schwiegervater aufopfert. Bemerkenswert auch Jürgen Tarrach als schmieriger Anwalt. Dass er beim Geschäft mit den Frauen aus Osteuropa die Finger im Spiel hat, ist schnell klar. Wie überhaupt allzu bald deutlich wird, wie hier der Hase läuft.

Dass dieser eher schwächere Münchner Tatort im Gedächtnis bleibt, liegt aber in erster Linie an Günther Maria Halmer. Er belässt dem alten Lasinger seine Würde, gibt ihn auch dann nicht der Lächerlichkeit preis, wenn er mit heruntergelassener Hose aus der Toilette flüchtet, bei einer medizinischen Untersuchung Twist tanzt oder in einer überlaufenden Badewanne steht.

Im Interview mit news.de äußert Halmer Verständnis für die illegale Beschäftigung von Pflegern im häuslichen Bereich. «Jemand, der an Alzheimer erkrankt ist, muss 24 Stunden beobachtet werden, was wahnsinnig anstrengend ist. Daher ist es für mich verständlich, dass die Familie jemanden holt, der das mit Liebe macht und wenig kostet», sagt er.

Die Realitätsnähe dieses Falls wirkt auf den Zuschauer bisweilen bedrückend. Und die Demenz-Problematik wird sich in Zukunft noch deutlich verschärfen. Experten prognostizieren, dass die Zahl der Kranken bis 2050 auf 2,6 Millionen steigt. Wer diese Menschen betreuen soll, ist völlig ungewiss. 800 Euro gibt es von der Pflegeversicherung, bis zu 10.000 Euro kostet ein Pflegefall pro Monat. Welche Familie kann sich das schon leisten.

Bestes Zitat: «Gestern war kein Tag» (Günther Maria Halmer in seiner Rolle als demenzkranker Max Lasinger)

Titel: Tatort - Gestern war kein Tag
Regie: Christian Görlitzalzhi
Darsteller: Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl, Johanna Gastdorf, Günther Maria Halmer und andere
Sendetermin: Sonntag, 5. Juni 2011, 20.15 Uhr, das Erste

Hier geht es zum Intervew mit Günther Maria Halmer.

car/news.de

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