Western-Drama Psychogramm zweier Mörder

Von news.de-Redakteur Sven Wiebeck
Gar kein richtiger Western: Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford verzichtet aufs Duell in der staubigen Prärie und wilde Ritte durch felsige Schluchten. Statt dessen gibt's heute abend auf Kabel Eins eine schwermütige Studie über die Beziehung zweier Männer. Einschalten.

Er ist eine amerikanische Legende, ein Mythos des Wilden Westen: Jesse Woodson James. Er war einer der gefürchtetsten Banditen seiner Zeit, gemeinsam mit seinem Bruder Frank Anführer einer skrupellosen Räuberbande. Zwischen 1867 und 1881 haben sie mehr als 25 Banken, Postkutschen und Züge überfallen. Er starb am 3. April 1882 im Alter von 34 Jahren. Erschossen von Robert Ford, einem Mitglied seiner Bande.

Um Jesse James ranken sich unzählige Geschichten. Gezeichnet vom Sezessionskrieg sah er sich selbst auch nach dem Ende der Kämpfe zwischen den Nord- und Südstaaten Amerikas noch als «Guerilla in einem Bürgerkrieg, der niemals endet». So erzählt es das Western-Drama Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford. Heute Abend zu sehen, um 20.15 Uhr auf Kabel Eins. Regie führte Andrew Dominik, der auch das Drehbuch geschrieben hat - anhand der gleichnamigen literarischen Vorlage von Ron Hansen. Die Handlung kennt der Zuschauer angesichts des aussagekräftigen Titels ja eigentlich bereits. Trotzdem nimmt sich der Regisseur rund zweieinhalb Stunden Zeit, die Geschichte vor dessen Augen auszubreiten. Keinesfalls verschenkte Zeit.

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Krankhafte Verehrung

Unter falschem Namen lebt Jesse James (Brad Pitt) mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Kansas City, Missouri. Da alle Mitglieder der alten Bande tot sind oder im Gefängnis sitzen, heuern er und sein Bruder Frank (Sam Sheperd) für einen weiteren, letzten Zugüberfall einige einheimische Strauchdiebe und Kleinganoven an. Unter ihnen ist auch der erst 19-jährige Robert Ford, genannt Bob. Das Jüngelchen ist fasziniert von dem charismatischen Verbrecher, den er aus Groschenromanen seiner Kindheit kennt. Er bewundert ihn, verehrt ihn auf fast schon krankhafte Weise. Er will so sein wie er. Nein, Robert Ford will Jesse James sein.

Mehr und mehr buhlt er um dessen Anerkennung, drängt sich der seltsame, verschüchterte Niemand, dem stets lässig-eleganten und zugleich Angst einflößenden Gesetzlosen auf. Und muss letztlich erkennen, dass sein Idol nicht derart edelmütig ist, wie gedacht: Wenn Bob ihm mit gebrochen-zittriger Stimme ihre zahlreichen Gemeinsamkeiten aufzählt, tut der erbarmungslose Bandenchef dies nur mit einem Lachen gelangweilt ab. Jesse James verhöhnt seinen Bewunderer, verspottet und demütigt ihn.

Dabei ist er selbst ein Wrack: müde, krank, depressiv, verwirrt und übervorsichtig. Doch dabei noch immer stets gefährlich und unberechenbar. «Ja, es gibt keinen Frieden, wenn der alte Jesse in der Nähe ist», merkt Brad Pitt in Gestalt des melancholischen Banditen an.

Eine ekelhaft beängstigende Aura

Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford ist ein untypischer Western. Vielmehr eine Beziehungsstudie voller Schwermut. Es gibt keine Duelle in den staubigen Straßen whiskeygetränkter Städte, keine wilden Ritte durch die Prärie. Das Drama entspinnt seine Geschichte bedächtig und bedacht. In sehr ruhigen, überaus ästhetischen Bildern. Karge Landschaften und müde Gesichter kreieren eine dichte Atmosphäre, in die sich das gleichermaßen intensive wie seltsame Zwiegespräch der beiden Männer einbettet. Gemeinsam mit der unterstützenden Erzählung aus dem Off sowie der wunderbaren Musik von Warren Ellis und Nick Cave, der unverkennbar auch als Barsänger in Erscheinung tritt.

Und dem grandios agierenden Staraufgebot an Darstellern - allen voran Brad Pitt und Casey Affleck. Sie brillieren als kaputter, gespaltener, düsterer Zyniker und nervöses, unsicheres Bürschlein. Insbesondere Affleck verleiht dem verräterischen Schwächling - und letztlich zentralen Charakter - auf beeindruckende Weise eine ekelhaft beängstigende Aura.

Dafür wurde er 2008 sowohl für den Oscar als auch für den Golden Globe als Bester Nebendarsteller nominiert. Brad Pitt wurde während der 64. Filmfestspiele von Venedig für seine Rolle als Outlaw mit dem Darstellerpreis, der Coppa Volpi, ausgezeichnet. Weitere Preise für Casey Afflecks Verkörperung des Robert Ford sowie diverse Nominierungen für die Musik und Kameraarbeit kommen hinzu. Und das vollkommen zu Recht.

Bestes Zitat: «Ich sage Dir, eines ist ganz sicher: Sterben macht dir nichts aus, wenn du mal nah dran warst. In deinen Körper willst du genauso wenig zurück, wie deine eigene Kotze aufwischen.» (Jesse James zu Charley Ford)

Titel: Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford
Regie: Andrew Dominik
Darsteller: Brad Pitt, Casey Affleck, Sam Rockwell, Sam Sheperd, Jeremy Renner, Paul Schneider, Mary-Louise Parker, Zooey Deschanel, Ted Levine
Spieldauer: zirka 160 Minuten
Sendetermin: Samstag, 4. Juni 2011, 20.15 Uhr, Kabel Eins

Weitere Informationen auf der Sender-Homepage kabeleins.de.

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pfj/news.de

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