«Harald Schmidt Show» Sang- und klaglos

Harald Schmidt  (Foto)
Harald Schmidt war zum letzten Mal mit seiner Late Night im Ersten zu sehen. Bild: ARD

Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Harald Schmidt verabschiedet sich aus dem Ersten. Seine letzte Sendung bot viel Routine, einen schrägen Gast und alles, was Dirty Harry ausmacht. Eine höchst elegante Art, dem Noch-Arbeitgeber zu zeigen: Ihr werdet mich bald schon vermissen!

«Den Satz ‹Früher war alles besser› sage ich nur deshalb nicht, weil ich weiß, dass man dadurch so alt wirkt», hat Harald Schmidt einmal im Gespräch mit Günter Gaus zugegeben. Das war vor zehn Jahren. Inzwischen sind viele Late-Night-Shows dazu gekommen - und vielleicht noch ein Grund, diesen Satz nicht mehr auszusprechen: Es gibt nicht wenige, die der Ansicht sind, die Aussage treffe auch auf Harald Schmidt zu. Der einstige Chefzyniker scheint zahm geworden zu sein.

Die letzte Show, die Schmidt für die ARD produziert hat, bestätigt zumindest an der Oberfläche diesen Eindruck. Schmidt verkneift sich jedes Nachtreten, es gibt ganz viel Late Night as usual und am Ende nach sechs Jahren im Ersten nicht einmal einen Blumenstrauß. Fast könnte man sagen: Diese Sendung war genauso sang- und klanglos wie Schmidts Abgang bei den Öffentlich-Rechtlichen, den er selbst damit begründet, man habe sich seitens der Programmmacher nicht mehr intensiv genug um ihn gekümmert.

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Verschmolzen mit der Show

Dass man ihm vielleicht schon bald nachtrauern wird, ist dennoch gut möglich. Denn auch die letzte Folge der Harald Schmidt Show im Ersten macht deutlich, wie einzigartig dieser Moderator im deutschen Fernsehen ist. Schmidt hatte immer das Ideal, mit seiner Show zu verschmelzen. Es ist ihm längst gelungen, und an diesem Abend zelebriert er es. Schmidt, in schwarzem Anzug mit blauer Krawatte, plaudert mit seinem Bandleader Helmut Zerlett. Er witzelt über Arnold Schwarzenegger, Jörg Kachelmann, Herrn Kaiser und Dominique Strauss-Kahn. Der 53-Jährige protzt mit seinen Feuilleton-Kenntnissen, die er aber wegnuschelt - wohlwissend, dass ihm selbst im Ersten das Publikum da nicht folgen kann. Er lässt «das gute alte Schnitzel» zum Liebling des Monats wählen und Herrenwitze vorlesen, in denen die Worte «ficken» und «Möse» vorkommen.

All diese Gags wären nicht möglich, wenn er nicht Harald Schmidt wäre. Das Publikum wittert in jeder Sekunde den Skandal, der bei Schmidt nach wie vor möglich ist, aber auch deshalb nicht mehr so oft vorkommt, weil selbst seine dreistesten Tabubrüche sofort ironisiert werden. Schmidt zieht sich auf sein Image zurück. All das ist nur möglich, weil Harald Schmidt jahrzehntelang dafür gearbeitet (und mehrmals seine Karriere dafür aufs Spiel gesetzt) hat, eine derart selbstreferenzielle Sendung überhaupt möglich zu machen. Er habe sein Konzept von Unterhaltung «durchgemogelt durch das Fernsehen», hat Schmidt einmal gesagt, und er weiß, wie groß diese Leistung ist.

All seine Stärken sind auch in der letzten Sendung präsent. Er hat ein gutes Timing bei den Eröffnungsscherzen. Er hat ein cleveres Team, das für Frische und Anarchie sorgt (so gibt es einen grandiosen Beitrag, in dem Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf auf dem Weg zum ARD-Incentive in ein Bordell sind). Und er steht weiter derart über den Dingen, dass er in die letzte Sendung einen Gast einlädt, der nicht weniger sexy sein könnte: Der Schriftsteller Rolf Hochhuth ruft am Ende zur Revolution gegen das soziale Vergessen auf.

Ein Sketch mit der Klofrau

Harald Schmidt übt sich auch vor der langen Sommerpause in dem, wofür ihn die Kritiker mittlerweile am meisten lieben: Er führt das Fernsehen im Fernsehen vor. Er schweigt genüsslich, ohne Rücksicht auf die kostbare Sendezeit. Er lässt die Klofrau des Studios in einem Sketch mitspielen. Und er gesteht offen, dass er gleich versuchen werde, eine Moderation zu bringen, die ihm am Morgen bei einem Auftritt in Wuppertal noch misslungen ist. Es wäre leichtsinnig, das als Faulheit auszulegen. Stattdessen rächt sich Schmidt mit solchen Gags für die Ochsentour, die er zurücklegen musste, um sich im Fernsehen derlei erlauben zu können.

Kaum einer hat wie er innerhalb des Mediums deutlich gemacht, wie Fernsehen funktioniert. Schmidt spricht offen aus, wenn er nicht weiß, wie er die restlichen zwei Minuten Sendezeit füllen soll. Er lässt die Pappkarten zeigen, auf denen die Stichworte für seine Gags stehen. Er verschenkt sinnlos Geld an Zuschauer, er verweigert das Vorgaukeln einer Live-Situation und er demütigt seine Gäste - manchmal einfach, indem er sie reden lässt und damit zeigt, wie wenig sie zu sagen haben.

Kein Provokateur, sondern Establishment

Das ist weitaus subversiver, als sich in Frauenkleider zu werfen, Samantha Fox an die Brüste zu fassen oder im Hitler-Kostüm zu moderieren. All das hat Schmidt auch getan. Trotzdem ist er kein Provokateur mehr, sondern Establishment. Der notorische Selbstdarsteller und gelernte Theaterschauspieler Schmidt hat im TV Narrenfreiheit - wahrscheinlich, weil er das Fernsehen als Medium immer faszinierend fand, aber nie geliebt hat.

Für die Macher bei Sat.1, wo Schmidt ab Herbst wieder zu sehen sein wird, muss das nicht bedenklich sein. Das Fernsehen, der Sender und der Massenerfolg sind Schmidt mittlerweile egal. Er weiß aber, dass er mit der Late Night für sich die perfekte Bühne gefunden hat. Hier kann er erbarmungsloser Klassenclown und bildungsbürgerlicher Oberlehrer zugleich sein. Allein die Tatsache, dass er bei Sat.1 fast dreimal so viele Shows produzieren wird wie im Ersten, macht Hoffnung. Womöglich braucht Schmidt einfach bloß ein bisschen mehr Schmidt, um wieder in Hochform zu kommen.

Bestes Zitat: «Feministinnen, und dazu gehöre auch ich, fordern immer wieder, es solle endlich die Pille für den Mann geben. Die gibt es auch. Aber schlucken muss sie halt die Frau.»

cvd/news.de

Leserkommentare (5) Jetzt Artikel kommentieren
  • Dietmar
  • Kommentar 5
  • 22.07.2011 07:37

Seine Show ist mir zu langatmig und einschläfernd und schon sein Gehabe geht mir auf die Nerven. Wenn manche meinen,die Schmidt-Show wäre geistreich, dann kann man auch ablesen welch geistiges Niveau die Zuschauer haben. Da schaue ich mir lieber politische Kabaretts, wie Sendungen "aus der Anstalt" an, dass hat wenigsten Esprit,scharfsinnige und geistreiche Attacken auf die politische und gesellschaftliche Kultur unseres Landes. Wenn er die ARD verlässt , dann sparen die Sender das viele Geld. Mich ärgert es schon immer, wenn für solche langweiligen Sendungen ein Haufen Geld bezahlt wird.

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  • Klaus Jänicke
  • Kommentar 4
  • 03.06.2011 14:34

Jeder ist ersetzlich, auch HS, es gibt nur niemanden, der derzeit dafür geeignet wäre. Sein hintergründiger Humor, seine zumeist scharfsinnige Ironie und die Fähigkeit, das grassierende Pharisäertum bloßzustellen machen ihn zum Labsal für alle, die gelegentlich Mario und Cindy "mitgucken müssen".

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  • Heidi Klump
  • Kommentar 3
  • 03.06.2011 13:11

Schade, dass er zum Abschied nicht ein bisschen auf den Putz hauen wollte. Ich erinnere mich noch an das geile Kostüm bei seiner Freddy Mercury Parodie. Wäre doch auch schön gewesen.

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