Wiener «Tatort» Peng und Petting

Tatort (Foto)
Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) hat eine neue Kollegin: Bibi Fellner (Adele Neuhauser). Bild: rbb/ORF/Ingo Pertramer

Von news.de-Mitarbeiter Tobias Köberlein
Es braucht nicht immer Zoten für die Quoten. In seinem zweiten gemeinsamen Einsatz Ausgelöscht spielt das Duo Eisner und Fellner wieder die humoristische Trumpfkarte aus. Der Fall um die Bulgaren-Mafia in Wien kippt dabei nur selten in den Klamauk ab.

Ösi-Ermittler waren schon immer sehr spezielle Typen. Man denke an den legendären Kottan. Der Humor des Majors mit dem unschönen Vornamen Adolf: schwärzer als ein Mokka im Café Hawelka! Oder der aus dem Polizeidienst entlassene Privatschnüffler Brenner aus den Romanen von Wolf Haas, vom Kabarettisten Josef Hader beängstigend realistisch verkörpert. Der ganze Typ eine Art Ein-Mann-Slum, ein menschliches Wrack mit hinterfotzigem Schmäh und trotz ausufernden Alkoholkonsums erstaunlich wachem Geist.

Nicht ganz so kaputt ist der Wiener Tatort-Kieberer Moritz Eisner (Harald Krassnitzer). Der hat mit seiner Tochter Claudia (Tanja Raunig) immerhin noch so etwas wie eine Rumpf-Familie, was ihn aber nicht davon abhält, mit aufreizender Bitter-Miene und Schopenhauer’scher Weltverachtung kreuz und quer durch die Alpenrepublik und im Notfall auch im angrenzenden Ausland zu ermitteln.

Adele Neuhauser
Die Neue im Wiener «Tatort»
Adele Neuhauser (Foto) Zur Fotostrecke

Im März bekam der schwerblütige Austro-Polizist eine neue Assistentin zur Seite gestellt. Bibi Fellner (Adele Neuhauser), degradiert und depressiv, ist noch fertiger als Eisner und gerade deshalb ein Glücksfall für den Tatort aus Österreich. Einen besseren Sidekick zwecks Blutauffrischung hätte man sich für den zuletzt arg ausgelaugt wirkenden Kommissar gar nicht wünschen können. Von ihren Stamperln mit Kräuterschnaps hat sich «Bibi Puppi» mittlerweile verabschiedet. Dafür feiert sie diesmal in der Kaschemme von Strizzi-Freund Inkasso-Heinzi (Simon Schwarz) Karaoke-Partys mit «Nuttenbrause», während ihr Diensthandy Sturm klingelt.

Leiche im Einkaufswagen

Der Chef muss sie schließlich persönlich aus der Bar ziehen. Ein nackter Toter rollt in einem Einkaufswagerl über ein Park-Deck mit atemberaubendem Blick über die Dächer von Wien. Zwei Kugeln stecken in seinem Körper - und eine bulgarische Münze im Wagenschlitz. Der Tote gehörte zu einer bulgarischen Einbrecherbande, die in Wien Geschäfte ausräumt. Und wie es der Teufel will, ist Bibi in den Fall verwickelt. Inkasso-Heinzi, den sie ab und zu zum Alibi-Petting trifft («Eigentlich ist der Heinzi schwul») hat in Bibis Begleitung ein Autohaus für die Bande ausgespäht. Der Kopf der Bulgaren-Mafia fühlt sich offenbar bedroht, denn - Peng! - wenig später fährt wieder eine Leiche im Einkaufswagen spazieren. Sein Killer hat ihm ein Mobiltelefon zwischen die Backen geschoben, was auch gleich lospiepst, als die Polizisten den Toten näher inspizieren.

Mit einem wunderbaren Händchen fürs Skurrile hat Harald Sicheritz diesen 25. Wiener Tatort inszeniert. Uli Brées Buch gönnte dem neuen Duo viel Raum für Sticheleien. Übergreifendes Thema ist der körperliche Verfall des Ermittler-Gespanns. «Dreifach überhöhte Leberwerte! Ist das Dein Befund oder meiner?», zieht Bibi-Puppi Eisner auf. Seine Ärztin hat dem Grant-Kieberer gerade empfohlen, aufs Saufen, Rauchen und Fressen zu verzichten. Andernfalls drohe der baldige Einzug auf dem Zentralfriedhof.

Auf eine Zigarette über den Dächern von Wien

Im Unterzucker und zunehmend gereizt quält sich Eisner durch einen Fall, der immer undurchsichtiger wird. Die bulgarische Polizei leistet Amtshilfe, schickt eine fesche Ermittlerin (Dessi Urumova) als Unterstützung. Der Kopf der Bande bleibt aber weiter unbekannt. Spuren führen zu dem von Bernhard Schir beeindruckend ölig gespielten Promi-Anwalt Deutschmann (der Name ist durchaus als Seitenhieb auf die Piefkes aus dem großen Nachbarland zu verstehen) sowie zum «schönen Milan» (Lenn Kudrjawizki), einer Rotlichtgröße mit blonder Trophäen-Freundin.

Wien, das Tor zum südöstlichen Europa. Die geopolitische Lage der Metropole hat der Tatort bereits mehrfach thematisiert. Richtig ernst nehmen darf man die internationalen Verzweigungen der Kriminalität hier aber nicht - zu viele Klischees im Spiel! Dafür gibt es in den letzten fünf Minuten ein Schlusspointe, die den Fall auf den Kopf stellt. Eisner und Fellner stehen – dies sei verraten – am Ende ziemlich blamiert da.

Bleibt zum Ausweinen nur Eisners Vorgesetzter Ernst Reuter. Hubert Kramar hat in dieser Rolle nur wenige Szenen, trotzdem gehören sie zu den Höhepunkten. Desillusioniert und von der Frühpensionierung bedroht, philosophiert er mit Eisner über den Kampf gegen das Verbrechen. Reuter hat ihn längst aufgegeben. «Die lachen doch über uns», sagt er zu Eisner und zündet sich eine Zigarette an. Rauch steigt auf. Es sind keine guten Zeiten für Polizisten.

Bester Satz: «Ich bin Polizist geworden, damit ich einen Scheißdreck verdien’, mein Leben riskier’, krank wird’ und kein Privatleben haben muss.» (Moritz Eisner)

Titel: Tatort: Ausgelöscht
Regie: Harald Sicheritz
Darsteller: Harald Krassnitzer, Adele Neuhauser, Tanja Raunig und andere
Sendetermin: Sonntag, 29. Mai 2011, 20.15 Uhr, Das Erste

cvd/news.de

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig