Steffen Simon Der Lokomotivführer

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WDR-Sportchef Steffen Simon.   Bild: WDR/Fulvio Zanettini/Herby Sachs

Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger
Steffen Simon leitet seit acht Jahren die Sportschau im Ersten. Zu deren 50. Geburtstag gibt er sich selbstbewusst und gelassen. Und er erklärt, wie die ARD-Scouts ausgerechnet auf Matthias Opdenhövel als neuen Moderator gekommen sind.

Herr Simon, ich würde die Sportschau mal frecherweise als Festung bezeichnen. Das bedeutet aber auch, sie immer wieder gegen die Angriffe der privaten Konkurrenz zu verteidigen. Wie ist das eigentlich, immer in der Defensive zu sein?

Steffen Simon: So fühlen wir uns überhaupt nicht. Wir sehen uns nicht ganz so martialisch wie Sie in einem Dauergefecht. Die Sportschau hat auch in scheinbar harten Jahren, als die Bundesligarechte woanders waren, und das waren immerhin elf Jahre, überlebt. Klar, man kann in ständiger Angst leben. Aber das tun wir hier nicht. Wir freuen uns jeden Tag, dass wir diese Arbeit machen dürfen.

Die wachsende Konkurrenz, die auch aus dem Internet droht, Stichwort Google und Yahoo, umtreibt sie nicht?

TV-Urgestein
50 Jahre Sportschau

Simon: Nein, wir glauben an unsere Stärke. Wir glauben in Sachen Bundesligarechte daran, dass wir ein guter Partner für die Deutsche Fußball-Liga (DFL) sind. Und wir sind guten Mutes, dass wir das mit den Verantwortlichen der DFL in Frankfurt weiter so hinbekommen. Und sollte es eines Tages mal der Fall sein, dass es nicht mehr so ist, dann, ja mein Gott, dann ist es eben so.

Die vergangene Bundesliga-Saison ist für Sie relativ erfolgreich gelaufen, 5,6 Millionen Menschen schauten im Schnitt zu. Woran lag es?

Simon: Verschiedene Faktoren haben eine große Rolle gespielt. Die Bundesliga lebt davon, dass sie die vielleicht spannendste Liga Europas ist. Hier ist es tatsächlich noch so, dass der Tabellenletzte den Spitzenreiter schlagen kann, was in nahezu jeder anderen europäischen Liga per Definition ausgeschlossen ist. Hinzu kam in der ersten Saisonphase das Phänomen Mainz, dann das Phänomen Dortmund und wir hatten das Phänomen des FC Bayern München, der deutlich hinter den eigenen Erwartungen zurück geblieben ist. Mit dem sehr spannenden Abstiegskampf hat das einen guten Mix ergeben. Und nebenbei bemerkt: wenn das Frühjahr nicht so unfassbar warm gewesen wäre, hätten weniger Menschen gegrillt und mehr Sportschau geguckt.

Wenn um Punkt 18.30 Uhr der Trailer der DFL läuft, habe ich das Gefühl, dass Sie mir die Show der Bundesliga anbieten. Was würden Sie meinem Gefühl entgegnen?

Simon: Eine Show ist es nicht. Wir haben keine Showtreppe, wir haben kein klatschendes Publikum. Wir verzichten ganz bewusst auf solche Showelemente. Dass die Sendung trotzdem eine moderne Verpackung braucht, ist nicht nur eine Selbstverständlichkeit, sondern auch eine Pflichtaufgabe. Die Bundesliga ist neben der Nationalmannschaft die Nummer eins beim deutschen Sportfan. Da gehört es sich einfach, dass man das in einem anständigen optischen Gewand umsetzt. Die Sportschau hat sich immer darüber definiert, dass sie im Bereich technischer Neuerungen auch eine Lokomotive und vielleicht sogar die modernste Sportsendung Europas ist. Es ist aber klar, dass wir eine Sendung machen, in der der journalistische Inhalt eindeutig im Vordergrund steht.

Zumindest ist in den vergangenen Jahren die Zahl der «mittelmäßigen» Spiele zurückgegangen und ihre Reporter sind deutlicher geworden, wenn die Qualität fehlt.

Simon: Richtig, wir jazzen nichts hoch, sondern gehen sehr offen und schonungslos damit um.

Am Donnerstag vergangener Woche haben sie allerdings als Kommentator des Relegationsspiels Mönchengladbach gegen Bochum von «Eventatmosphäre im Borussiapark» gesprochen...

Simon: Ja, aber die Atmosphäre beschreibe ich ja in dem Fall nur. Da bin ich nicht Teil des Ganzen und mache mich nicht damit gemein, aber das muss ich natürlich rüberbringen, was da im Stadion passiert und das war schon einzigartig. Für ein Relegationsspiel, wo eigentlich jeder mit zerrissenen Nerven auf den Fingernägeln kaut, war das sehr ungewöhnlich. Und das ist dann schon meine Aufgabe, das dann so zu beschreiben.

Die Sportschau ist 1961 als reine Nachrichtensendung an den Start gegangen. Was ist denn ihrer Meinung nach in der modernen Verpackung von diesem alten Anspruch übrig geblieben?

Simon: Ich glaube, dass der Kern immer noch der gleiche ist. Heribert Faßbender hat es mit «Klar, kompetent und kurzweilig» auf den Punkt gebracht. Und eigentlich hat die Sportschau auch in den Anfangsjahren den Anspruch gehabt, den wir jetzt auch haben: eine Lokomotive zu sein.

Haben Sie von Heribert Faßbender, ihrem Vorgänger, etwas mitgenommen?

Simon: Ja, Klarheit in der Sprache. Da habe ich sehr von ihm profitiert. Das mögen zwar Details sein, aber letztlich schleift unsere Generation die Sprache ein wenig. Er ist da vom alten Schlag und einer, der sehr genau auf Formulierungen achtet. Zum Beispiel: Es gibt keine erste und zweite Halbzeit. Eine Halbzeit ist die Zeit zwischen zwei Hälften.

In der vergangenen Woche ist Matthias Opdenhövel für die Sportschau verpflichtet worden. Welcher Scout ist denn auf ihn aufmerksam geworden?

Simon: Das ist eine Sache, da kommt nicht einer alleine drauf. Letztendlich sind es mehrere Personen, die daran mitwirken. Am Ende haben die ARD-Verantwortlichen gemeinsam die Entscheidung gefällt. Ich kann Ihnen aber sagen, warum ich gut finde, dass Herr Opdenhövel zu uns kommt: Weil er mit einer großen Leidenschaft beim Fußball dabei ist, eine sehr hohe Kompetenz mitbringt und er unsere Sendung ein Stück weit beleben wird. Er hat trotz seiner 40 Jahre ein sehr jugendliches Image und hat die nach Wetten, dass..? erfolgreichste deutsche Unterhaltungssendung moderiert. Er ist aber vor allem im Herzen ein Fußballer. Und diese Leidenschaft in der Sportschau zu sehen, darauf freue ich mich.

Die Frage nach dem Scouting bezieht sich natürlich auf Ihre eigenen Reihen. Warum hat es denn kein Talent aus dem eigenen Nachwuchs geschafft?

Simon: Erst einmal ist es so, dass Herr Opdenhövel der einzige ist, der aus der Moderatorenriege der Sportschau von außen hinzukommt. Mit Gerhard Delling und Reinhold Beckmann stehen samstags zwei Eigengewächse im Studio, zudem haben wir mit René Kindermann und Alexander Bommes gerade erst zwei hervorragende Vertreter des ARD-Moderatorennachwuchses für die Sportschau gewinnen können. Das zeigt, dass wir stets bemüht sind, unseren  vielversprechenden Talenten die Chance zu geben. Im Fall von Herrn Opdenhövel standen einfach seine Qualitäten und sein Können im Vordergrund, weswegen wir ihn unbedingt verpflichten wollten.

Ihre Redaktion verantwortet auch einige Live-Übertragungen im DFB-Pokal und bei Länderspielen. Wir haben uns neulich gefragt, warum Steffen Simon zwar einen Einflüsterer hat, aber trotzdem immer allein kommentiert?

Simon: Das hat etwas mit unserer Fernseh- und Fußballkultur zu tun. Wir haben ein merkwürdiges Phänomen in Deutschland: Die Qualität eines Kommentators wird nicht nur daran gemessen, was er sagt, sondern wie wenig er sagt. Bei einem Länderspiel in Amsterdam sagte uns der holländische Tonmann: «Der redet ja gar nicht.» Und nach einer weiteren halben Stunde: «Das ist ja cool!»

Da möchte ich einwenden, dass die Radioreportagen von Jens-Jörg Rieck und Edgar Endres bei Länderspielen großes Kopfkino sind.

Simon: Ja sicher, aber machen Sie das im Fernsehen und die Leute werden wahnsinnig. Das sind sie nicht gewohnt. Als Kind habe ich das auch gern gemacht. Aber nochmal: Wir reden hier von bis zu 30 Millionen Menschen, die zuschauen. Und Fernsehen ist ein Stück weit Gewohnheit. Wir haben es ja schon versucht. Aber die Ausschnitte, als Andy Brehme im WM-Finale 1990 zum Elfmeter antritt und Rubenbauer und Rummenigge beide «Tor!» brüllen und sich überschlagen, sind diejenigen, die man am wenigsten gern hört.

Eine Viertelstunde nach Ihrer Jubiläumssendung am Samstag beginnt die Übertragung des Champions-League-Finales. Wer gewinnt denn?

Simon: (zögert) Hm, ich glaube, dass der Ballbesitzfußball von Barcelona mal gebrochen wird. Manchester ist zwar eher ein Außenseitertipp, aber die haben den Heimvorteil und ich in diesem riesigen Trainerduell setze ich mal auf den alten Fuchs Sir Alex Ferguson.

Steffen Simon (46) ist seit 2006 WDR-Sportchef und seit 2003 Leiter der Sportschau. Der gebürtige Berliner machte als Nachwuchsreporter beim Berliner Sender SFB auf sich aufmerksam und war unter anderem in den 1990er Jahren als ran-Moderator bei Sat.1 tätig.

50 Jahre Sportschau, Samstag, 28. Mai 2011, 18 Uhr, Das Erste

hem/news.de

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