Rostocker «Polizeiruf» Realismus, der weh tut

Polizeiruf 110 (Foto)
Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner ermitteln seit einem Jahr im Rostocker Polizeiruf. Bild: NDR/Marcus Krüger

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Seit einem Jahr auf Verbrecherjagd: Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner lösen ungewöhnliche Kriminalfälle. News.de erklärt, warum das Duo so erfolgreich und der Rostocker Polizeiruf so besonders ist.

Die Darsteller

Mit Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner hat das Erste zwei famose Schauspieler für die Polizeiruf 110-Reihe gefunden. Vor gut einem Jahr starteten die beiden als neues Rostocker Ermittler-Duo und brachten eine ganz neue Farbe in die ARD-Krimireihe. Denn anders etwa als die beiden alten Herren Schmücke und Schneider vom Hallenser Polizeiruf ermitteln die LKA-Profilerin Kathrin König und der Hauptkommissar Alexander Bukow nicht in Zeitlupe, sondern schnell, gerne auch mal am Rande des Gesetzes (Bukow) oder gewaltig fluchend (König).

König und Bukow sind zwei Ermittler, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Sie ist der Prototyp einer weltläufigen, aufgeklärten Single-Frau mit Faible für Biokost. Er ist mundfaul, hat eine Vorliebe für deftiges Essen und verkörpert das Plattenbaukind mit Riss in der Biografie: Er war Krimineller, bevor er Polizist wurde. Es ist dieser reizvoller Unterschied der Protagonisten, aus welchem die Geschichten ihre Kraft beziehen. Da brennt die Luft, fliegen auch mal die Fetzen.

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Der Rostocker Polizeiruf lebt vom unterschwelligen Konflikt des Duos. König ermittelt intern gegen Bukow, weil er es als Polizist nicht immer so ganz genau mit Recht und Ordnung nimmt. Krummen Geschäften soll er nachgegangen sein, hat Kontakte zur Halbwelt und zur Mafia unterhalten.

Die Anspannung zwischen beiden zieht sich wie ein roter Faden durch alle bisherigen Folgen, und seit seinem Geständnis, dass er sich bei Ermittlungen falsch verhalten hat, ist er in der Hand seiner Kollegin – und die lässt ihn zappeln. Eine ungewöhnliche Konstellation, die den Fokus stark auf die beiden Kommissare und ihre Kollegen von der Polizeidienststelle in Rostock legt. Doch natürlich löst das ungleiche Gespann auch erfolgreich Verbrechen.

Die Fälle

Der Rostocker Polizeiruf steht für Geschichten abseits der üblichen Krimiroutine, die beweisen, dass sozialkritischer Anspruch und gute Unterhaltung durchaus Hand in Hand gehen können. So haben es König und Bukwo mit dem mysteriösen Tod eines Mädchens zu tun, das an der Überdosis einer Partydroge stirbt (Einer von uns), ermitteln im früheren Kampfschwimmer-Milieu der DDR-Volksmarine (Aquarius) oder nehmen den Kampf gegen einen großen Pharmakonzern auf, nachdem ein Kind an den Folgen einer Impfung stirbt (Das Feindbild).

Im jüngsten Fall (Und raus bist du) wühlen König und Bukow im Dreck des Müllsammler-Milieus, stoßen dort auf gescheiterte Existenzen, die an verlorenen Orten abhängen, vor ihren Problemen davonlaufen und in der Kriminalität einen letzten Ausweg sehen. «Wir wollen Themen aufgreifen, die irgendwas bei den Menschen bewirken, aber trotzdem noch unterhalten», erklärt Sarnau in einem Interview. Das gelingt ihr und Hübner erstaunlich gut.

Moderne Erzählmuster

Die Rostocker Polizeiruf-Folgen treffen ins Schwarze: Zwischen 6,26 und 8,32 Millionen Zuschauer schalten ein, wenn König und Bukow sonntagabends auf Verbrecherjagd gehen. Es gibt zwar im Vergleich zum Tatort noch reichlich Luft nach oben, aber für einen Polizeiruf können sich diese Zahlen sehen lassen – zumal der Zuschauer bei König und Bukow besonders gefordert ist.

Denn die Macher missachten die etablierten Erzählmuster deutscher Krimireihen. Die Episoden stehen nicht für sich, sondern verweisen aufeinander: Das fängt schon damit an, dass die Zweifel an der Integrität Bukows nicht schon am Ende der ersten Folge im April 2010 ausgeräumt wurden, sondern ihn auf unabsehbare Zeit begleiten.

Zudem lebt der Rostocker Polizeiruf von Chaos und Improvisation. Hier reden Menschen auch mal durcheinander und resümieren nicht ständig den Stand der Ermittlungen, damit auch die neu zugeschalteten Zuschauer so schnell wie möglich kapieren, um was es geht.

Nein, wer den Rostocker Polizeiruf sieht, muss sich die Fakten hart erarbeiten. Muss schauen, hören, kombinieren - und damit rechnen, dass sich erstmal keiner um den Toten kümmert (so geschehen in der zweiten Folge). Und bekommt vieles geboten, was andere Krimis nur behaupten: einen Realismus, der ganz weit unten ansetzt und manchmal weh tut. Aber genau das macht den Rostocker Polizeiruf so besonders.

juz/cvd/news.de

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