«Anne Will» Die schlüpfrige Seite der Macht

Anne Will (Foto)
Warum sind Mächtige oft unmoralisch? Diese Frage diskutierte Anne Will (links) mit Jurist Peter Raue und Feministin Alice Schwarzer. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Ina BongartzVon news.de-Redakteurin
Wenn die Mächtigen auf die Moral pfeifen: Anne Will diskutierte mit Alice Schwarzer und Ulrich Wickert den Fall Dominique Strauss-Kahn und die Frage: Missbrauchen mächtige Männer ihre Macht, weil sie es können?

Wenn Ulrich Wickert und Alice Schwarzer Gäste der gleichen Talkshow sind, muss es um ein echtes Aufregerthema gehen. Und so hieß es denn auch am Abend bei Anne Will: «Sex, Lügen, Prozesse – Was ist los mit unseren Vorbildern?»

Am Beispiel des ehemaligen IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn stellte Anne Will die Frage, ob sehr mächtige Männer per se glauben, sie hätten das Recht, sich alles nehmen zu können, was sie wollen. Die Anwendung sexueller Gewalt inklusive. Warum hat er das getan? Ganz einfach, weil er die Macht dazu besaß. Ulrich Wickert sieht die Gesellschaft als Teil des Problems. Sie lasse unmoralisches Verhalten immer mehr zu. Im Fall Dominique Strauss-Kahn allerdings sehe er einen Einzelfall. Einen Mann mit Charakterschwäche.

Talk ohne Politiker
Die schrägsten Gäste bei «Anne Will»

Alice Schwarzer wusste die Antwort selbstredend sofort: «Er hat es gemacht, weil er davon ausgeht, dass ihm nichts passiert.» Alice Schwarzer entpuppte sich als wahre Strauss-Kahn-Spezialisten - wobei die Quelle ihrer Erkenntnis einzig und allein sie selbst zu sein schien: Strauss-Kahn, ein reicher Mann, der sich jederzeit Frauen einfach teuer kaufen könne, sei für seine sexuelle Aggression bekannt. «Den macht Gewalt einfach an. Und diese Sache mit dem schwarzen Zimmermädchen ist die maximale Ausübung von Gewalt. Es wäre jetzt besser für ihn, wenn er gestehen würde.»

Unschuldsvermutung? Ja, ja, aber ...

Hat Alice Schwarzer noch nie etwas von Unschuldsvermutung gehört? Zumindest im Fall Kachelmann, den sie als Berichterstatterin der Bild-Zeitung verfolgt, hätte ihr diese bereits begegnet sein müssen. Und ähnlich wie eben im Fall Kachelmann war Alice Schwarzer auch bei Anne Will die Vorverurteilung in Person.

Anne Will
Die Vorzeige-Frau des politischen Talks

Da half es auch wenig, dass Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft betonte, dass ihr in dieser Runde die Unschuldsvermutung viel zu kurz komme. Ja, ja natürlich wisse sie, dass die gelte, sagte Schwarzer. Um gleich anzufügen: «Aber es ist doch sehr wahrscheinlich, dass sich der Strauss-Kahn auf das Zimmermädchen gestürzt hat.» Und so wurde auch Alice Schwarzer, ohne es zu merken, Teil eines unmoralischen Verhaltens. Oder zählen die gnadenlose Hatz auf Prominente vor Gericht und das Ausschlachten privater Details – und zwar alles, bevor überhaupt die Verhandlung begonnen hat - nicht dazu?

Ganz im Gegenteil zu Alice Schwarzer, aber dennoch nicht gemäßigter, entwickelte Journalist Matthias Matussek zum Teil höchst abstruse Thesen, denen der Zuschauer nur schwer folgen konnte: Von Todsünden war die Rede und von der Bibel. Er als Christ empfinde sogar Mitleid mit Dominique Strauss-Kahn, befand Matussek. Zum Glück meldete sich an dieser Stelle endlich der Jurist der Runde zu Wort.

«Sie machen einen großen Fehler, wenn Sie Mitleid haben»

Peter Raue erklärte: «Natürlich widerfahre Strauss-Kahn Ungerechtigkeit in Form, wie er öffentlich in Handschellen vorgeführt wurde. Und natürlich werden Prominente anders behandelt, vor allem wenn die Medien die Unschuldsvermutung nicht ernst genug nehmen.» Aber: «Sie machen einen großen Fehler, wenn sie Mitleid mit ihm haben, sollte es sich herausstellen, dass er schuldig ist.»

Moral und Anstand – wo beginnen sie und ab wann handelt jemand unmoralisch oder unanständig? Wo liegen die Grenzen? Auf diese Fragen konnten auch die Gäste von Anne Will keine befriedigende Antwort finden. Auch, weil Anstand und Moral eben keine juristischen Kategorien sind, sondern höchst subjektive und gesellschaftsspezifische. 

Am Beispiel um den Skandal der Sexparty für viele Zehntausend Euro bei der Hamburg-Mannheimer zeigte sich dieses Dilemma nur zu gut: Ganz gleich, wie viele Menschen sich über diese Art der Mitarbeitermotivierung empörten, juristisch gesehen liege hierbei keine Strafhandlung vor, bestätigte Peter Raue. Schließlich sei Prostitution in Deutschland nicht verboten. Die Sache war zwar unmoralisch, aber rechtens.

Bestes Zitat: «Jeder Mensch hat Triebe. Manche Menschen kennen allerdings die Grenzen nicht.» (Ulrich Wickert zum Fall Dominique Strauss-Kahn)

Die aktuelle Sendung ist sieben Tage lang in der ARD-Mediathek abrufbar.

cvd/reu/news.de

Leserkommentare (14) Jetzt Artikel kommentieren
  • Nick
  • Kommentar 14
  • 25.05.2011 14:55

Es wird immer mehr in diese Dinge hineinpsychologisiert, dabei ist die Sache sehr einfach: die "alte" Vorstellung, daß in einer Hierarchie höher gestellte Personen auch mehr Vorbild sein sollten, d.h. mehr ihre ETHIK drin haben sollten, verliert leider immer mehr an Bedeutung. Eine Folge ist der einhergehende Werteverfall. Inzwischen ist es umgekehrt, je weiter oben, umso mehr OUT-ETHIK. Alle untergegangenen Kulturen litten an diesem "Leiden". Auch in Deutschland wurde der Untergang unserer Kultur schon seit längerer Zeit eingeläutet. Unsere Blütezeit ist vorbei - wir sind bereits bei Verfall.

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  • Alices Freund
  • Kommentar 13
  • 25.05.2011 08:47

Alice S., die Männerhasserin, die kennt natürlich auch keine Unschuldvermutung, wenn es darum geht Männer um jeden Preis zu verurteilen. Doch die Verbrecherinnen, die eine solch schwere Straftat, wie eine Vergewaltigung, vorsätzlich falsch unterstellen, sind nicht weniger hart abzuurteilen als jede männliche oder weibliche Vergewaltigungsbestie! Frau A. nimmt inzwischen niemand mehr für voll.

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  • Reifan
  • Kommentar 12
  • 24.05.2011 16:53

Die heutigen Honorationen verlieren immermehr das gesellschaftliche Vorbildsgesicht vom guten, anständigen und erfolgreichen Menschen oder Geschäftsmann. Warum? Weil sie glauben es sich Leisten zu können: Gewalt, Unmorl, Betrug und Rechtbeugung als Belohnung für harte Arbeit,finazielle und gesellschaftliche Macht. Reichen Villa, Motorbood oder Sportwagen im In- und Ausland nicht mehr aus? Doch der Krug geht solange zum Brunnen bis er zerbricht. Weil eine Anzeige im Namen des Volkes erfolgt, dann müssen die Gerichte sich damit befassen. Politischer Betrug wird am Wahlergebnis sichtbar.

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