Jauch-Gewinner Das neureiche Leben von Kartoffel-Christian

Christian Brückner (Foto)
Räumte bei RTL ab: Kartoffelhändler Christian Brückner. Bild: RTL

Von news.de-Redakteur Jens Kiffmeier, Ludwigsfelde
Christian Brückner ist jetzt reich. Der Kartoffelhändler gewann bei Günter Jauch eine halbe Million Euro. Doch was macht er nun mit dem Geld? Und wie wird er mit dem Neid fertig? Nicht immer entpuppt sich ein hoher Gewinn als Glücksfall. Eine Spurensuche.

Für einen Tag ist «Kartoffel-Christian» wie vom Erdboden verschluckt. Christian Brückner? «Keene Ahnung, den kenn wa hier nüscht», sagt der junge Mann im NVA-Club - einem linken Jugendverein im brandenburgischen Ludwigsfelde. Draußen ist es taghell, doch durch die verhangenen Fenster dringen nur wenige Lichtstrahlen. Es riecht nach abgestandenem Bier und kaltem Rauch. Ab und zu soll der neue Fernsehstar hier noch abhängen, schließlich hat er den Club nach der Wendezeit selber mitbegründet. Ein altes Wahlplakat, mit dem Brückner 2008 erfolglos bei der Bürgermeisterwahl kandidiert hat, hängt noch unter dem DJ-Pult. «Brückner - und gut», lautete sein Slogan. Ganz unbekannt kann er also nicht sein, oder? Doch der junge Mann, kurze Jeans-Hose, schwarzes T-Shirt, kleiner Ziegenbart, wimmelt trotzdem alle Besucher ab: «Ach der», sagt er grinsend. «Der war hier mal Tresenkraft.»

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Doch das ist lange her. Seit Montagabend voriger Woche ist Christian Brückner deutschlandweit bekannt. Nicht als Tresenkraft, sondern als Gewinner bei Günter Jauchs Wer wird Millionär?. 7,2 Millionen Zuschauer sahen zu, wie sich der Kartoffelhändler aus dem Berliner Umland in der TV-Show bis zur Millionenfrage durchkämpfte - und dann freiwillig aufhörte. Er hätte die Antwort gewusst, aber es war ihm zu riskant. Dem enttäuschten Publikum rief er zum Abschied noch ein fröhliches «Heult doch» zu. Dann fuhr er nach Hause, mit 500.000 Euro im Gepäck.

Was macht ein Kartoffelhändler mit so viel Geld? Aussteigen? Auf eine Insel ziehen? Für Brückner kommt das alles nicht infrage. «Um mich zur Ruhe zu setzen, bin ich zu jung», sagt der 41-Jährige zu news.de. Er wolle sein altes Leben jetzt einfach weiterleben. Zwei Tage nach der TV-Ausstrahlung ist er in Ludwigsfelde wieder aufgetaucht. In zerschlissener Cargo-Hose und in ausgelatschten Trekkingstiefeln baut er morgens um sechs Uhr seinen Marktstand auf und verkauft Kartoffeln. Wie jeden Mittwoch. «Das Geschäft muss ja weitergehen», sagt er. Zwar hat er zwei Verkäufer mitgebracht. Aber alleine schaffen sie es nicht. Keiner der beiden hat einen Führerschein. «Und einer muss ja den LKW fahren», sagt Brückner.

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Milionengewinne wecken Neid und Begehrlichkeiten

Zu mehr kommt der Jauch-Abräumer an diesem Tag nicht. Am Dienstag hat er sich noch eine Auszeit gegönnt, sein Handy ausgeschaltet und alle Bekannten gebeten, jegliche Annäherungsversuche von Journalisten abzuwehren. «Hat gut funktioniert», sagt Brückner. Zumindest für 24 Stunden. Denn auch an Tag zwei seiner neuen Berühmtheit ist das Interesse groß. Er hat zwar nicht den ganz großen Jackpot geknackt, aber trotzdem weichen ihm Boulevardreporter von der Bild-Zeitung und der BZ nicht von der Seite. Ein Team vom RBB filmt pausenlos seinen weiß-gelben Marktstand. Und auch RTL war schon da, dessen Mitarbeiter stehen jetzt einen Stand weiter und mampfen ein Schnitzel. Notgedrungen spielt Brückner das Spiel mit den «Pressefuzzies» mit, wie er sagt. Warum auch nicht? «Das sind halt meine 15 Minuten Ruhm im Leben.»

Doch das ist so eine Sache mit dem plötzlichen Ruhm. Vor allem, wenn so viel Geld im Spiel ist. Da kann die Bekanntheit auch schnell zur Qual werden. Nicht umsonst werden Lotto-Gewinner für gewöhnlich gut abgeschirmt in der Öffentlichkeit. Denn Reichtum weckt Begehrlichkeiten, bei Freunden und Bekannten, aber auch bei Unbekannten. Viele glückliche Gewinner, die über Nacht hohe Summen beim Glücksspiel oder in Fernsehshows abgeräumt haben, bekommen hinterher Bittbriefe zugeschickt. Da verlangt dann ein Hartz-IV-Empfänger einen neuen Kühlschrank. Oder eine siebenköpfige Familie fragt nach einem Zuschuss für einen lang erträumten Urlaub. Und selbst vor eigenen Freunden ist man plötzlich nicht mehr sicher. Neid war schon immer ein gefährliches Gift und hat schon so manche alte Freundschaft zerstört.

Ob der Jauch-Gewinner diese Gefahr spürt? Brückner wiegelt ab. «Ach, soviel Geld habe ich ja nicht», sagt er. Mit einem Teil will er die Rücklagen für sein Kartoffel-Geschäft aufstocken. Dann fließt noch etwas in die Altersvorsorge und in die Renovierung der Wohnung. «Abzüglich Steuern bleibt zum Verprassen kaum was übrig», sagt Brückner. Doch wirklich vorbereitet ist er auf den neuen Reichtum nicht. Vom Sender gab es jedenfalls keine Beratung. «Ach Quatsch», sagt der Gewinner. Eine halbe Stunde nach der Sendung war er draußen. Mit seiner Frau hat er noch auf den Treppenstufen gesessen und eine Zigarette geraucht. Dann ging es mit dem Zug nach Hause. Nach Ludwigsfelde.

Auch ein Jauch-Gewinner kann sich mal verrechnen

Dort war er schon vor dem TV-Auftritt eine kleine Berühmtheit. «Der Brückner ist eine echte Type», sagt Marina Ujlaki. Sie ist Stadtsprecherin im Rathaus. «Der ist halt so ein richtiger Marktverkäufer.» Beide kennen sich gut. Als Marktleiter hat Brückner desöfteren mit der Stadtverwaltung zu tun. Seine Auftritte vor den politischen Gremien scheinen jedenfalls legendär zu sein. In der Lokalzeitung findet sich ein Kommentar. Die Autorin schlägt darin vor, Brückner zu jeder Sitzung einzuladen, um die drögen Veranstaltungen ein bisschen mit seiner lockeren Art aufzupeppen. Aber Brückner und Lokalpolitik?

Einen Versuch gab es ja schon. 2008 kandidierte er als parteiloser Bürgermeister. Nicht wenige hatten ihm gute Chancen eingeräumt. «Er ist bekannt, sozial engagiert, der Stadt sehr verbunden», zählt Sprecherin Ujlaki die vielen Vorzüge auf. Doch am Ende wählten die Ludwigsfelder das, was sie immer wählen. «Unsere Stadt ist halt eine SPD-Hochburg», sagt Ujlaki. «Immer schon gewesen.» Und von Brückners Kandidatur blieb nur das Plakat im Jugendclub übrig.

Aber Brückner braucht kein Amt, um der 24.000-Einwohner-Stadt vor den Toren Berlins seine Dienste zu erweisen. Das ist am Mittwochvormittag auf dem Markt zu spüren. Es sind nicht nur Journalisten, die ihm die Aufwartung machen. Auch die Kunden kommen. Einmal dem «König des Millionenspiels» auf die Schulter klopfen, ja das wollen sie. So wie der rüstige Rentner, der sich den Weg durch die Journalistenmeute bahnt und sich freut, dass der Christian «das Image der Ostdeutschen und speziell der Ludwigsfelder so richtig aufpoliert hat». Oder die ältere Dame, die ihr Fahrrad mit einem Korb Kartoffeln belädt. «Ich habe extra bei Dir gekauft», ruft sie Brückner zu. «Du sollst ja die Million noch vollkriegen.»

So ist das als Gewinner. Das Geld steht im Vordergrund. Doch Brückner nimmt es gelassen. «Ja, das habe ich auch nötig», brüllt er zurück. «Im Moment habe ich nicht viel.» Zum Beweis kramt er in seiner Tasche und holt eine Handvoll Münzen heraus. Zwischen den Groschen liegen noch ein paar Unterlegscheiben, die er zum Aufstellen seines Standes braucht. «Oh, das ist wirklich nicht üppig», sagt die Frau lachend. Brückner geht jetzt zu ihr herüber. «Nee, und wissen Sie, was das Schlimmste ist?» Die Kundin schüttelt den Kopf. «Ich kann nicht mehr richtig rechnen», sagt Brückner. «Einer Kundin habe ich heute schon einen Euro zu wenig rausgegeben.» Dann lachen beide. Und Brückner steht wieder mitten drin in seinem alten Leben.

bjm/cvd/news.de

Leserkommentare (6) Jetzt Artikel kommentieren
  • wijo231268
  • Kommentar 6
  • 21.05.2011 17:54

Tja, leider kommt es immer wieder vor, dass Gewinner an die falschen Berater geraten und das Geld ist schneller fort als es da war (war ja vor einigen Jahren schon mal bei einem Lotto-Millionär) Ich fände es wirklich besser, wenn sich die Paparazzi mal etwas zurück halten. Aber da belfert ja die Regenbogenpresse nach "Sensationen". Da kann ich nur sagen: Armes Deutschland, wie tief bist du gesunken.

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  • katja1995
  • Kommentar 5
  • 21.05.2011 17:28

Du weißt doch garnicht, wie der Mann lebt. er wird schon wissen, was er macht. Ich jedenfalls finde es toll, dass er nicht abhebt. Man kennt ja aus Erfahrungen, das manche übergeschnappt sind und heute nicht mehr einen cent besitzen. Ich wünsche ihm jedenfalls viel Glück und er wird schon das Beste draus machen.

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  • countrymanne
  • Kommentar 4
  • 21.05.2011 17:26

Endlich ist mal ein Ostdeutscher auf den Stuhl gekommen und hat allen gezeigt, das wir mehr drauf haben, als uns immer nachgesagt wird. Ich verfolge es jedesmal, nur Kandidaten aus dem sog. Westteil Deutschlands. Fallen wir Ostdeutschen schon bei der Vorauswahl durch, damit ja nicht zu viel Geld bei RTL verloren geht ??? Mitunter habe ich den Eindruck. Wenn es aber mal einer schaft, dann nehmen sie eine absolute Niete. Nur diesmmal hat sich vielleicht beim Vorausscheid der Kandidat etwas " dumm " gestellt und dann seine Schlauheit voll zum Besten gegeben. Weiter so, damit RTL blutet , hahahah

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