Von news.de-Mitarbeiter Torben Walezcek - 12.05.2011, 07.00 Uhr

«Hart aber fair»: Selbstmord als feige Flucht vor Krankheit?

Gunter Sachs hat sich erschossen, weil er nicht wegdämmern wollte. Aber ist der Freitod wirklich besser als das Leben mit einer schweren Krankheit? Frank Plasberg und seine Gäste haben nach Antworten gesucht.

Anlässlich des Freitods von Gunther Sachs diskutierte die Runde bei Frank Plasberg über das Leben und Sterben mit einer schweren Krankheit. Bild: Fotomontage news.de (ARD)
Die 15 Talkshowkönige

Aus Angst vor Alzheimer hat Gunter Sachs sich das Leben genommen. Manche finden diesen Schritt mutig, andere unverständlich. War das die Heldentat eines selbstbestimmten Menschen? Oder die feige Flucht aus dem Leben angesichts einer drohenden Krankheit?

Auch bei Hart aber fair sind die Meinungen dazu geteilt. Unter dem Titel Ist Selbstmord besser als Demenz? führte Frank Plasberg durch eine spannende Diskussion über die letzten Fragen des Lebens.

Die Journalistin Inga Griese war mit Gunter Sachs befreundet. Sie zeigt Verständnis für dessen Entscheidung zu einem «eleganten Abschied». «Für mich war das kein Selbstmord, ich nenne es lieber Freitod», sagte sie. Sachs habe stets größten Wert auf Intellekt und Esprit gelegt. Mit Demenz habe er deshalb nicht leben wollen.

FOTOS: Alzheimer Vom Rampenlicht in die Vergessenheit
zurück Weiter Ende Januar 2012 wurde öffentlich bekannt, dass Assauer an Alzheimer erkrankt ist. (Foto) Foto: dpa/Foto: Ingo Wagner Kamera

Das eigene Leben weggeworfen

Die Gegenposition vertrat die frühere Familienministerin Renate Schmidt: Jeder Mensch habe zwar das Recht, eine solche Entscheidung zu fällen. Dennoch dürfe man sein Leben nicht einfach so wegwerfen, sagt die SPD-Politikerin. Ein Selbstmord zeuge nicht von Mut, sondern eher vom Gegenteil. Zumal Gunter Sachs nicht einmal sicher gewusst habe, ob er wirklich an Alzheimer erkrankt war. Vielleicht hätte er noch viele Jahre vor sich gehabt, meint Schmidt – und das mit einer hohen Lebensqualität.

Der Theologe und Phoenix-Moderator Stephan Kulle, der nach einem Autounfall mehrere Jahre im Rollstuhl saß, argumentiert aus der Sicht eines gläubigen Katholiken: Ein Selbstmord sei ein «Angriff auf die eigene Lebenswürde». Der Mensch bekomme sein Leben von oben geliehen, und darum dürfe er nicht nach Gutdünken damit Schluss machen.

Eine Relevanz, die über den Einzelfall Gunter Sachs hinausreicht, bekommt die Geschichte durch ihre potenzielle Wirkung auf andere Menschen. Der Arzt Peer Juhnke – Sohn des verstorbenen Entertainers Harald Juhnke - warnt vor einem Werther-Effekt. So wie Goethes liebeskranker Roman-Jüngling einst zahllose Nachahmer in den Freitod trieb, so könnte auch Gunter Sachs zu ähnlichen Taten das Beispiel geben.

Findet Sachs' Selbstmord Nachahmer?

«Der Verlust der geistigen Kontrolle über mein Leben wäre ein würdeloser Zustand, dem ich mich entschlossen habe, entschieden entgegenzutreten», schreibt Sachs in seinem Abschiedsbrief. Renate Schmidt hält diese Passage für besonders problematisch. Andere könnten daraus den Schluss ziehen, dass ein kranker Mensch automatisch seine Würde verliert. Dass das Leben mit Alzheimer keinen Wert mehr hat und beendet gehört.

Wie sehr solche Fragen auch die Angehörigen beschäftigen, davon erzählt Tilman Jens – der Sohn des demenzkranken Schriftstellers Walter Jens. Zum Thema Sterbehilfe sagt er: «Ich hätte ihn erlöst. Wenn er gesagt hätte, tu es – ich hätte es getan.» Zeitweise habe auch Walter Jens sich den Tod gewünscht, sich dann aber wieder umentschieden. Inzwischen, so berichtet der Sohn, gibt es auch wieder schöne Momente. «Vor ein paar Tagen saß er in der Sonne, hatte einen Hut auf und strahlte.»

Worauf es ankommt, darüber ist sich die Runde einig, das ist ein Leben in Würde – trotz schwerer Krankheit. Bei Walter Jens funktioniert das durch die Rundumversorgung mit Hilfe einer häuslichen Pflegekraft. Das ist die privilegierte Situation einer wohlhabenden Akademikerfamilie, wie Tilman Jens zugibt. Doch auch in sogenannten Demenz-WGs, das zeigt ein Einspielfilm, können die Patienten ein würdevolles und wohl auch glückliches Leben führen.

Renate Schmidt hofft darauf, dass solche Beispiele den Betroffenen die Angst vor der Krankheit nehmen. Und dass Verzweiflungstaten wie die von Gunter Sachs die Ausnahme bleiben.

Bestes Zitat: «Vielleicht ist nicht die Krankheit entwürdigend, sondern der Umgang in der Gesellschaft mit dieser Krankheit.» (Renate Schmidt)

bas/wam/ivb/news.de

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