Robert Atzorn «Ich will den Leuten keine Angst mehr machen»

Mord ja, aber bitte amĂŒsant. Als Hauptkommissar Theo ClĂŒver ermittelt Robert Atzorn fĂŒr das ZDF auf einer Nordsee-Insel. Im Interview mit news.de denkt er ĂŒber ExistenzĂ€ngste, das Schmunzeln der Zuschauer und Lenas Chancen beim Grand Prix nach.

Wer war der Mörder? Hauptkommissar Theo ClĂŒver (Robert Atzorn) kombiniert. Bild: ZDF/Christine Schroeder

Herr Atzorn, Sie sind Schlagzeuger?

Atzorn: Sind? Das ist Quatsch. Ich habe frĂŒher lange gespielt. Mit 14 habe ich angefangen. WĂ€hrend der Schulzeit und auf der Schauspielschule in MĂŒnchen war ich in Bands.

Was haben Sie fĂŒr Musik gemacht?

Atzorn: Soul. Wir hatten einen schwarzen SĂ€nger, der hat diese wunderbaren Soulsachen gesungen wie Otis Redding.

Warum sind Sie nicht Musiker geworden?

Atzorn: Weil ich Schauspieler werden wollte (lacht). Das ist noch besser. Um es wirklich profimĂ€ĂŸig zu machen, muss man sich fĂŒr eins entscheiden. Obwohl Musikmachen eigentlich das Schönste ist und mit großer Freiheit verbunden. Jeder hat sein Instrument und zusammen musst du einen Sound hinkriegen. Ich werde mir vielleicht wieder ein Schlagzeug kaufen. Dieser ganze Musikmarkt ist ja explodiert. Meine Söhne sagen manchmal: «Kennste den SĂ€nger schon?» Und ich habe keine Ahnung. Wahnsinn, was da los ist.

FOTOS: «Nord Nord Mord» Robert Atzorn ermittelt auf der Insel
zurĂŒck Weiter Nord Nord Mord (Foto) Foto: ZDF/Christine Schroeder Kamera

Muss ich Sie also gar nicht fragen, Rolling Stones oder Lady Gaga? Die Antwort ist eigentlich klar, oder?

Atzorn: Weil die Frage in Nord Nord Mord vorkommt?

Genau.

Atzorn: Naja, Lady Gaga, was soll ich zu ihr sagen? Sie ist eine Modeerscheinung. Mich hat gewundert, dass sie so viele Grammys abgerÀumt hat. Aber Gossip gefÀllt mir super. Die Dicke finde ich klasse. Kennen Sie die Sendung Later With Jools Holland im ZDF Theaterkanal? Die kommt einmal im Monat Sonntagnacht. Er lÀdt sich viele Livebands ein. Das ist toll.

Bei Nord Nord Mord wird der Schlagzeuger der KĂŒstenpiraten ermordet. Hauptkommissar Theo ClĂŒver springt ein. Was gefĂ€llt Ihnen außerdem an der Rolle?

Atzorn: Als ich das Buch las, war ich total begeistert. Je Ă€lter ich werde, desto weniger will ich in tiefschĂŒrfende, brutale, schreckliche Dinge eintauchen. Ich möchte etwas AmĂŒsantes machen. Die Rolle ist amĂŒsant und ClĂŒver lĂ€sst sich nicht so in die FĂ€lle verwickeln, wie der Casstorff damals im Tatort. Er sieht, wie die Welt funktioniert. Ihm ist nichts Menschliches fremd. Vorher war ClĂŒver auf dem Kiez in Hamburg. Er kennt sĂ€mtliche Leidenschaften der Menschen, weiß, warum sie an den Rand des Wahnsinns getrieben werden, um Morde zu begehen. Aber er hat einen Abstand dazu und lĂ€sst sich in seinem Privatleben davon nicht beeinflussen.

Geht Ihnen das Komische leichter von der Hand?

Atzorn: Ja, ich liebe es. Ich habe frĂŒher schon ein paar Komödien gespielt. Nach SpechtUnser Lehrer Dr. Specht war eine Familienserie, die von 1991 bis 1999 gedreht und im ZDF ausgestrahlt wurde. Robert Atzorn spielte die Titelfigur, den Lehrer Dr. Markus Specht, mit der er auch heute noch oft in Verbindung gebracht wird. wollte ich beweisen, dass ich auch ernste Sachen spielen kann. Und dadurch bin ich in diese Rollen wie beim Tatort hineingerutscht. Die Leute mit einem Schmunzeln zu unterhalten, finde ich inzwischen viel wertvoller. Außerdem ist es vielleicht schwerer, als ihnen Angst zu machen. Bei Nord Nord Mord ist auch das Buch einfach gut geschrieben. Lars Albaum ist ein begnadeter Autor, der wunderbare Dialoge schreibt. Er ist eine norddeutsche Pflanze, das merkt man. Die Norddeutschen haben den gewissen Abstand zu Dingen, feine Ironie und ein Augenzwinkern.

Heißt das, Sie wĂŒrden Angebote fĂŒr ernsthaftere Rollen nicht mehr annehmen?

Atzorn: So grundsĂ€tzlich kann ich das nicht sagen. Ich habe seit Jahren versucht, Komödien zu spielen, wie Zimtsterne und Halbmond. Im Herbst drehe ich wieder so einen Film und auch im Theater spiele ich eine Komödie. Es macht mir einfach Spaß, die Leute zum Lachen zu bringen. Und beim Theaterspielen genieße ich die Freiheit, auch Worte falsch zu sagen. Dann wiederhole ich sie eben. Oder irgendwas geht kaputt und du musst improvisieren. Ich will den Leuten auch keine Angst mehr machen.

Das ZDF denkt ĂŒber eine Fortsetzung von Nord Nord Mord nach. Aus dem Film könnte eine Reihe werden.

Atzorn: Ich wĂŒrde mich freuen, wenn wir das mit einer anderen Geschichte wiederholen könnten. Die Konstellation der drei Figuren finde ich sehr gut. Auch meine Film-Ehefrau ist witzig. Immer wenn sie in den Urlaub fĂ€hrt, kommt sie mit einem anderen Spleen zurĂŒck.

Wenn es eine Reihe werden sollte. Wie weit im Voraus sind Sie als Schauspieler ausgeplant?

Atzorn: Das Buch muss erst geschrieben werden und wenn wir GlĂŒck haben, können wir im Winter eine neue Folge drehen. Ich spiele zwar Theater und mache einen Film, aber das kriegt man schon rein.

Sie sind gut beschÀftigt. Haben Sie als Schauspieler noch Existenzangst? Wenn mal wieder ein halbes Jahr kein Rollenangebot kommt.

Atzorn: Nein, aber natĂŒrlich kenne ich ExistenzĂ€ngste. Die Rente reicht bei Schauspielern nie. Und wenn lange keiner anruft und keine Angebote reinkommen, kann das passieren. 2009 hatte ich das ganze Jahr nur 17 Drehtage, was herzlich wenig ist. Durch die Krise brachen drei Filme weg, unter anderem Der KapitĂ€n. Aber die Ängste sind weniger geworden, weil ich mir ein gewisses Standing erarbeitet habe. Die Leute wissen, was ich kann. Ich muss nichts mehr beweisen. Aber Sicherheit kannst du in dem Beruf nicht haben. Der Vorteil ist, es hĂ€lt einen lebendig. Aber wenn ich Sicherheit gewollt hĂ€tte, wĂ€re ich doch Finanzbeamter geworden. Weil ich nicht so gut rechnen kann, habe ich das aber sein lassen.

Man muss als Schauspieler also bis ans Lebensende weiterspielen?

Atzorn: Es gibt einige, die genug Geld gemacht haben. Mario Adorf sagte einmal zu mir - da war er 75: «Jetzt habe ich keine Existenzangst mehr».

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Im Film geben Sie Ihrem jungen Kollegen den Rat «Weniger Profiler, mehr Krabbenpulen». WĂ€re das nicht auch ein Tipp fĂŒr die Schauspielkollegen? Weniger Profilneurose, mehr Gelassenheit.

Atzorn: Das ist eine Frage des Alters. Wenn man jung ist und sich den Beruf aufbauen will, kannst du bei dem Riesenangebot an jungen Schauspielern heutzutage nicht gelassen bleiben. Wenn wir manchmal bei Castings junge Schauspieler ausprobieren, dann kommen zehn Leute und die sind alle irgendwie gut. Das ist ja das Furchtbare. Die sind viel selbstbewusster als wir frĂŒher. NatĂŒrlich ist deren Herzblut dabei, sie wollen die Rolle unbedingt. In meinem Alter sehe ich das gelassener. Das fing so ungefĂ€hr mit fuffzig an. Wenn das nicht klappt, kommt etwas Besseres. Und meistens war es auch so. Mein Sohn ist Schauspieler und da ĂŒbe ich das Beruhigen schon immer.

Es ist ja wirklich nicht einfach, weil der Markt so explodiert ist. Alle wollen Schauspieler oder Musiker werden. Auch angeheizt durch Herrn Bohlen und jeder denkt, es ist so einfach. Man kriegt aber nie mit, wie es mit denen weitergeht. Es gab acht Staffeln Superstar, davon gibt es nur noch Mark Medlock. Wo sind die anderen alle geblieben? Es ist eine Katastrophe. NatĂŒrlich sage ich in meinem Alter: Pulen wir mal Krabben und gucken uns den schönen Sonnenuntergang an, aber einen jungen Schauspieler wird man dadurch nicht befriedigend auf seinen Beruf vorbereiten können.

Sie schauen sich Deutschland sucht den Superstar an?

Atzorn: Nicht regelmĂ€ĂŸig. Manchmal wenn ich mir die FußnĂ€gel schneide, zappe ich rein.

Haben Sie auch das Songcasting mit Lena fĂŒr den Eurovision Song Contest gesehen? Bald geht es in DĂŒsseldorf ja los.

Atzorn: Das habe ich leider nicht gesehen, aber ich glaube, das geht in die Hose.

Haben Sie den Gewinnersong gehört?

Atzorn: Nein, aber ich glaube, allein, dass sie versucht, den Erfolg zu doppeln, ist keine gute Idee gewesen. Das wird nicht funktionieren.

Scheinbar denkt Stefan Raab als Einziger, dass es eine gute Idee war.

Atzorn: Er wird wahrscheinlich viel Geld damit verdienen. Ich finde Lena entzĂŒckend, aber mit zwölf Songs möchte ich sie gar nicht sehen. Es war eine Idee, die zum Scheitern verurteilt ist. Ich glaube, sie wird abstĂŒrzen.

Ihre Filmfrau bei Nord Nord Mord ist von einer Indienreise zurĂŒckgekehrt und zelebriert nun Yoga. DafĂŒr interessieren Sie sich auch privat. Wie kommt's?

Atzorn: Was grinsen Sie da so? (grinst auch) Wieso nicht? Meinen Sie MĂ€nner interessieren sich nicht fĂŒr Yoga?

Ja, das ist mein Vorurteil.

Atzorn: Mich interessiert, wie ich mich im Alter fit halten kann. Ich möchte nicht dahinsiechen. Deshalb habe ich mit 45 gedacht: ‹Irgendwas musst du jetzt tun, auch wenn du keine Sportskanone bist.› Ich schwimme ganz gern und war viel joggen. Tennis interessiert mich nicht, da bin ich zu schlecht. Und auf eine Sportart, fĂŒr die ich groß Technik lernen muss, habe ich keine Lust. Was kann ich machen, was effektiv und prĂ€ventiv super ist? So bin ich auf Yoga gekommen. Meine Frau war frĂŒher TĂ€nzerin und ist dann Yogalehrerin geworden. Ich kenne kein besseres System, das in kurzer knapper Zeit so viel Positives bewirkt fĂŒr den Körper und die Birne.

Machen Sie das jeden Tag?

Atzorn: Nein, ich habe genauso einen inneren Schweinehund wie jeder Mensch, aber drei- bis viermal die Woche schon.

Robert Atzorn (66) spielt im ZDF-Film Nord Nord Mord den Hauptkommissar Theo ClĂŒver. Zu seinem Ermittlerteam gehört Ina Behrendsen (schön spröde gespielt von Julia Brendler) und der Profiler Hinnerk Feldmann (Oliver Wnuk), der zu allem Überfluss von der Ostsee kommt.

Viele Fernseh- und Filmrollen, unter anderem im Tatort, Oh Gott, Herr Pfarrer oder Unser Lehrer Dr. Specht machen Robert Atzorn zu einem der bekanntesten Schauspieler Deutschlands. Momentan spielt er am Berliner Schlosspark Theater in der französischen Komödie Achterbahn. Robert Atzorn lebt mit seiner Frau Angelika Hartung in Prien am Chiemsee und hat zwei erwachsene Söhne.

Nord Nord Mord, Donnerstag, 21. April 2011, 20.15 Uhr im ZDF.

boi/car/ivb/news.de

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