«Maybrit Illner»
Hat Japan alles verändert?

Atomwende in Deutschland: Experten, Atomlobbyisten und Politiker haben die neuesten Entwicklungen erörtert. Der Schock über Fukushima dominierte die Runde – ob und wann der deutsche Atomausstieg kommt, wusste trotzdem niemand genau.

Maybrit Illner im Gespräch mit Johannes Teyssen (E.ON-Chef). Bild: news.de-Screenshot
Katastrophe in Japan

Argumentschmelze im Kanzleramt: Während Japan noch mit den furchtbaren Verwüstungen von Erdbeben und Tsunami kämpft, hat der nukleare Ernstfall im Kernkraftwerk Fukushima bis nach Deutschland Wellen geschlagen. Die Ankündigung Merkels, sieben ältere Meiler bis auf Weiteres vom Netz zu nehmen, war ein Paukenschlag – hatte die Regierung doch eben erst die Verlängerung der Laufzeiten aller deutschen Atomkraftwerke beschlossen.

Die liegt nun erstmal für drei Monate auf Eis: «Zeitenwende auch bei uns – hat Japan alles verändert?» - Maybrit Illners Leitfrage dürfte wohl eher rhetorisch gemeint gewesen sein.

FOTOS: Japan Super-Gau in Fukushima

«Die gesellschaftliche Debatte über Risiken muss neu geführt werden»

Um die Kehrtwende zu begründen, musste sich Bundesumweltminister Röttgen (CDU) nicht verbiegen: Immerhin hatte er sich bei den Verhandlungen um die Laufzeitverlängerung mit Forderungen nach höheren Sicherheitsstandards nicht durchsetzen können. Nach einem solch beispiellosen Vorfall sei nun ein Innehalten notwendig, so Röttgen. «Die gesellschaftliche Debatte über Risiken, die wir hinzunehmen bereit sind, muss neu geführt werden» - das war die Lehre, die der Umweltminister aus dem japanischen Debakel gezogen hat.

Etwas kryptischer drückte sich Johannes Teyssen aus: Der E.ON-Chef wurde mit der Aussage zitiert, dass die Abschaltung der ausgewählten Meiler «sicherheitstechnisch nicht begründbar» sei. Nach einigen Ausweichversuchen, die Maybrit Illner gnadenlos einfing, blieb er auch vor laufender Kamera dabei: «Die Entscheidung war politisch bedingt – einen anderen Anlass gab es nicht». Trotzdem versicherte Teyssen eilig, man werde selbstverständlich alle Kraftwerke einer umfassenden Prüfung unterziehen, denn «wer jetzt nicht nachdenkt, handelt verantwortungslos».

Seitenhieb gegen Stefan Mappus

Nachgedacht hatte offensichtlich auch Renate Künast: Wie alle Gäste wirkte die Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion sichtlich erschüttert und besorgt. Allerdings war sie zu anderen Schlüssen gekommen als einige ihrer Vorredner: Das dreimonatige Moratorium sei reine Wahlkampftaktik, so Künasts Grundtenor: «Es klingt makaber, aber ich freue mich darüber, dass FDP und CDU/CSU nun nicht mehr Pro-Atom-Politik betreiben können». In der Bevölkerung habe es hierfür immer schon «eine mehr oder weniger große Mehrheit» gegeben.

Da kochte einen Moment lang der alte Streit zwischen den politischen Lagern hoch: Kernkraft nur als «Brückentechnologie», heißt es aus den bürgerlichen Parteien – rot-grün dagegen möchte lieber heute als morgen komplett aussteigen. Um diese Forderung zu untermauern, hatte sich Künast mit einem mörderisch dicken Manuskript ausgestattet, aus dem sie immer wieder kampfeslustig in Richtung Röttgen zitierte und der schwarz-gelben Regierung Untätigkeit, ja sogar Kungelei mit den Energiebossen vorwarf. Da rutschte E.ON-Chef Teyssen erzürnt auf seinem Sitz hin und her – doch bei Umweltminister Röttgen war Künast mit solchen Vorwürfen an der falschen Adresse: «Ich bin froh, dass ich mit meinen früheren Aussagen kein Problem habe», schoss er lässig zurück. Die treuherzige Bemerkung war gleichzeitig ein unverhohlener Seitenhieb gegen seinen parteiinternen Widersacher Stefan Mappus, der sich in den letzten Tagen vom Atom-Saulus zum Moratoriums-Paulus entwickelt hat.

FOTOS: Maybrit Illner Seriös und A-Promi

50 Euro mehr Stromkosten im Monat

Einigkeit herrschte in der Runde darüber, dass nach der Katastrophe in Japan Gesprächsbedarf zwischen Bürgern, Betreibern und der Politik besteht: Auch BDI-Präsident Hans-Peter Keitel erklärte, sein Verband habe das Moratorium «diskutiert und begrüßt» - bemerkenswert, denn immerhin ist gerade die Industrie abhängig von einer bezahlbaren Energieversorgung.

Wie die in Zukunft aussehen könnte, ließ man allerdings im Dunkel – denn ohne Atomkraft, soviel ist bereits durchgesickert, dürfte Strom für den Bürger erheblich teurer werden. Andreas Kraemer, Geschäftsführer des Ecologic Institute Berlin, sprach von «etwa 50 Euro mehr im Monat» - und wagte damit als einziger eine Prognose. Der Rest der Runde hielt sich wohlfeil bedeckt: Röttgen wollte «den Prozess vernünftig gestalten», Künast bei den Ausstiegsplänen «auch die EU im Blick behalten» und Teyssen warnte davor, «Brückenpfeiler abzuschlagen, ohne neue zu bauen».

Klare Standpunkte, aber vage Zukunftsideen – Maybrit Illner hat mit viel Fingerspitzengefühl moderiert und die Katastrophenopfer in Japan stets im Hinterkopf behalten. Fazit: Eine nachdenkliche und pietätvolle Sendung zu einem Thema, das nicht nur Deutschland weit über das dreimonatige Atom-Moratorium hinaus beschäftigen wird.

roj/ruk/news.de

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2 Kommentare
  • ART

    19.03.2011 20:59

  • Kleb Amsessel

    18.03.2011 18:28

    Der Austieg aus den jetzigen Fromen d. Atomenergie kommt mit Sicherheit, wenn wir den ersten Supergau hierzulande haben. Also Leute bleibt geduldig, jeder Erfolg für die Zukunft führt über unzählige Opfer, ehe es besser werden kann. Die Lobbyisten wollen doch auch etwas am Atomtod verdienen, sonst rechnet sich das nicht. Wenn wir dann den ersten Gau hier haben, schreien wir alle laut, dass die Grünen, die Linken und die Rechten, die Ausländer und die Moslems alle Schuld am Elend tragen, denn das Etablissement will an den Futterkrippen sitzen bleiben. Dafür haben wir alle vollstes Verständnis.

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