Fußball-TV Ich sehe was, was Du nicht siehst

Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger
Mutiges Experiment: Der Sportsender Sport1 hat das Champions-League-Spiel von Bayern München gegen Inter Mailand fast vier Stunden lang aus dem Studio kommentiert - ganz ohne Livebilder. Die gab es nur beim Bezahlsender Sky.

In der dritten Spielminute passt Inter-Stürmer Goran Pandev auf Samuel Eto'o und der schiebt durch die Beine des Bayern-Torhüters Thomas Kraft zum 0:1 ein. Währenddessen beim Sportsender Sport1: Wetten Sie im Internet auf Fußballspiele, schließen sie eine günstigere Versicherung ab, laden Sie sich ein billiges, nein, sogar kostenloses Online-Browsergame herunter, wechseln Sie ihre Bank, trinken Sie ostdeutsches Schwarzbier, denken Sie daran auch wirklich die Bank zu wechseln, kaufen Sie ein japanisches Hybridauto und schauen Sie doch bitte auch künftig Sport1. Gut drei Minuten dauert es, bis man als Sport1-Zuschauer erfährt, dass im Champions-League-Achtelfinale das erste Tor gefallen ist. «Jedenfalls verpassen Sie bei uns überhaupt nichts», gibt Moderator Thomas Helmer davon unbeirrt die Taktik der Sendung vor.

Der Münchner Spartensender hatte zu einer deutschen TV-Premiere geladen und begleitete das für den FC Bayern München sehr wichtige Europapokalspiel live aus dem Studio, ohne Live-Bilder vom Spiel zeigen zu dürfen. Die gab es wie an Dienstagsspieltagen der Königsklasse üblich nur beim Bezahlsender Sky zu sehen. Drei Thomasse, einer mehr als in der Jury von Germany's Next Topmodel bei Pro7, wurden in die fast vierstündige Sendung geschickt: Die beiden Ex-Bayern-Profis Helmer und Strunz, der Sport1-Chefreporter Thomas Herrmann und mit dem Kommentator Wolff-Christoph Fuss noch ein einsamer Nicht-Thomas analysierten, kalauerten und laberten sich tapfer, aber oft etwas ungelenk durch ein spannendes Spiel.

«Starten Sie mit einem Mega-Kampfschiff als Geschenk»

Wenn nicht gerade wieder Werbung kam. Und es kam viel und oft Werbung. Schauen Sie ein Motorradrennen, kaufen Sie ein bayerisches Auto, kaufen Sie einen Fotodrucker, wetten Sie im Internet, reisen Sie auf eine Mittelmeerinsel, laden Sie sich ein kostenloses Browsergame herunter, abonnieren Sie den Fernsehsender bei dem Sie dieses Spiel hätten live sehen können, starten Sie bei dem kostenlosen Browsergame «gleich mit einem Mega-Kampfschiff als Geschenk», nutzen Sie ein Deo, das drei Tage wirkt und kaufen Sie einen Elektronikfachmarkt leer. Gleich drei Mal wurde die erste Halbzeit für Reklame unterbrochen. Ganze 44 Spots in insgesamt 17 Minuten Werbeunterbrechung gingen allein während der ersten 45 Spielminuten über den Sender.

Zwischen den Produkthinweisen bot sich teilweise ein bizarres Vergnügen: Sportreporter Herrmann versuchte gemeinsam mit dem ehemaligen Berufsfußballer Helmer und einem Ball, das äußerst elegante Überkopf-Lupfer-Tor von Mario Gomez zum 1:1 nachzuspielen. Die Playmobil-Theater-Nacherzählungen eines Harald Schmidt werden in die Geschichte eingehen, diese Episode in einem Ismaninger TV-Studio wird hoffentlich bereits in den Archiven versenkt sein.

Weizenbier und Pizzastücke als Verpflegung

Die Kamera war während der 223 Minuten meist in Richtung Thomas mal drei und Wolff-Christoph gerichtet, vor allem der Chefreporter-Thomas schaute derweil auf den Monitor hinter der Kamera, guckte das Spiel auf dem Bezahlsender und erzählte es ab und an nach, während auf den Monitoren hinter ihm die ewig gleichen aufgezeichneten Bild-Schleifen von hoffnungsvollen Bayernfans aus dem Stadion eingespielt wurden.

Hinter großen Weizenbiergläsern (alkoholfrei) und Pizzastücken schwadronierten die drei anderen Experten minutenlang über Belangloses, droschen Phrasen und fabulierten, was die Synapsen im warmen Studio noch hergaben. Treffend die flapsige Selbsteinschätzung von Helmer: «Während des Spiels können wir ja nicht denken.» Im Laufband lief unterdessen ein verkürzter Liveticker, bei einer Handvoll aufregender Szenen wurde kurz danach in die Schrannenhalle am Viktualienmarkt geschaltet, wo sich Hunderte Fans eben nicht Sport1 anschauten.

Ein Vorbild findet sich auf der Insel


Das Konzept ist so neu nicht, denn in Großbritannien hat die Fußball-Berichterstattung ohne Livebilder Tradition. Seit 1992 zeigt der Bezahlsender Sky Sports jeden Samstag die bis zu sechsstündige Sendung Soccer Saturday. Lediglich die Spielstände der Matches werden dabei eingeblendet und Reporter berichten in Liveschalten aus dem Stadion, während statt des Spielfelds die Stadiontribünen im Bild zu sehen sind.

Und das kann neben aller Zahlenhuberei auch sehr unterhaltsam sein: Im vergangenen Jahr produzierte der Ex-Profi und Reporter Chris Kamara eine der witzigsten Live-Schalten der TV-Historie. Er hatte schlicht und einfach übersehen, dass der Schiedsrichter eine rote Karte gezeigt hatte. «Chris, zähle die Finger an deiner Hand und sage uns, wie viele Portsmouth-Spieler noch auf dem Feld sind», wurde der Fauxpas mit typisch britischem Humor aus dem Studio kommentiert.

Hoher Kumpelfaktor

Zweieinhalb Kilometer östlich der ausverkauften Münchner Allianz-Arena ging es im Studio von Sport1 trotz der Getränke etwas trockener zu. Zu den Höhepunkten zählten noch die beiden Spitznamen, die Thomas Helmer seinem Ex-Kollegen Strunz gab: «Strunzi» und «Piet» zeugten von hohem Kumpelfaktor. Kläglich vertan wurde von Helmer die Chance, die eigenen Zuschauer besser einzubinden. Nur drei Mal verlas er kurze Facebook-Kommentare zur Sendung und zum Spiel.

Auch die Schalten zu den drei Außenreportern waren für die untere Extremität, die nicht Wolff-Christoph heißt. Die Aufstellungen gab es zu Beginn live vom U-Bahnhof Fröttmanning übermittelt und in der Halbzeitpause erklärte Uli Pingel, dass «hier und in der Arena» die Stimmung «sensationell» sei. Hinter ihm im Bild: der menschenleere Vorplatz des U-Bahnhofs im Münchner Norden.

Der Spielverlauf in der Allianz-Arena war ein Spiegel der arg zähen Sendung. Die Taktik der Live-aber-doch-nicht-live-Berichterstattung ist bei der Premiere nicht aufgegangen. Aber wenn man die Übertragung eines Europapokalspiels ausgerechnet Bundesliga aktuell Spezial nennt, hatte man einen überzeugenden Auftaktsieg wohl auch noch nicht einkalkuliert.
 

Sexy im TV
Die schönsten Sportmoderatorinnen
Seit Juli 2013 arbeitet sie bei Sport1 als Moderatorin, Field Reporterin und Beitragsmacherin.[2] (Foto) Zur Fotostrecke

cvd/news.de

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig