«Beckmann» Die Angst vor der atomaren Katastrophe

Beckmann (Foto)
Da staunt selbst der Moderator: Mojib Latif sorgt für eine angeregte Diskussion bei Beckmann. Bild: screenshot news.de

Von news.de-Redakteur Martin Walter
Talk im Eiltempo: Reinhold Beckmann hetzt seine acht Gäste durch ein Mammutprogramm über Japan, radioaktive Strahlung und Energiepolitik. Am Ende der Sendung entsteht dennoch eine unerwartete Diskussion.
 

Das gewaltige Erdbeben, der verheerende Tsunami und nun der drohende atomare Super-Gau: Innerhalb weniger Tage hat eine Naturkatastrophe in Japan weltweit für Angst und Schrecken gesorgt. Grotesk deformierte Städte, völlig zerstörte Landschaften und spektakuläre Explosionen in den Atommeilern des Inselstaats vermitteln dem Zuschauer am Fernseher einen Hauch von Apokalypse, die deshalb so real wird, da die drohende radioaktive Strahlung kaum Hindernisse und erst recht keine Ländergrenzen kennt.

Reinhold Beckmann wollte den Hergang des Unglücks noch einmal chronologisch ausgerollt haben und begann seine auf 90 Minuten ausgedehnte Sendezeit mit der Frage: «Wie war das mit dem Erdbeben?» Wissen wollte der Moderator dies von der deutschen Augenzeugin Lucinde Hutzenlaub, die mit ihrem Mann und vier Kindern in der Metropole Tokio lebt und erst am Vortag nach einer wahren Odyssee nach Deutschland zurückgekehrt war. Das Erdbeben an sich sei in Tokio gar nicht so dramatisch gewesen, schilderte die sehr gefasst wirkende Familienmutter ihre Empfindungen. Der eigentliche Grund für den überstürzten Entschluss der Familie, das Land zu verlassen, sei die drohende Kernschmelze gewesen.

Erdbeben in Japan
Was der Tsunami übrig ließ

Interessant geriet die Differenzierung Hutzenlaubs, dass japanische Medien wesentlich beschwichtigender über die Katastrophe berichten würden als die deutschen. Eine Einschätzung, die auch der Japanologe David Schumann teilte. Die «Diskrepanz in der Berichterstattung» sei zwischen den japanischen und internationalen Medien tatsächlich sehr groß, «die Medien in Japan sind teilweise relativ unkritisch.» 

Womöglich auch ein kulturelles Kennzeichen, wie Monika Bereuter anmerkte, selbst gebürtige Tokioterin und seit ihrem zwölften Lebensjahr in Deutschland, denn: «Japaner sind obrigkeitshörig». Und überhaupt stelle sich für die Bevölkerung des Inselstaats die Frage, wohin sie eigentlich flüchten solle. 

Strahlenkrankheit und das leise Sterben

Die Ausführungen von Dr. Dörte Siedentopf dürften den Japanern diesbezüglich wenig Hoffnung machen. Die Ärztin, die bis heute Betroffene der Tschernobyl-Katastrophe betreut, nutzte die Plattform bei Beckmann gleichsam zur medizinischen Aufklärung über die Auswirkungen von Verstrahlung, als auch zu einem Appell an die Welt, Tschernobyl nicht zu vergessen.

Vor allem Kinder und Jugendliche seien von einer möglichen Strahlung betroffen, bei akutem Einfluss «Strahlenkrankheit» genannt. Auch das durch Cäsium ausgelöste «leise Sterben» sei verhängnisvoll, es zeige seinen Ausdruck noch nach Jahren in Kinderlosigkeit, unzähligen genetischen Anfälligkeiten und äußerst aggressiven Krebserkrankungen. Viel weiter kam die Ärztin aus Dietzenbach mit ihren Ausführungen nicht, denn Reinhold Beckmann hatte noch vier weitere Experten geladen, mit denen er Gründe und Auswirkungen der Katastrophe beleuchten wollte.

Beben, Tsunami, Atomgau
Japan in Schutt und Asche

Die wissenschaftliche Runde

Heinz Smital, Reaktorexperte bei Greenpeace, prognostizierte gleich vorab, dass man vermutlich «wochenlang um jeden einzelnen Standort kämpfen» müsse, denn einen Atomreaktor könne man nie ganz ausschalten, wie der Kernphysiker mehrfach betonte. Nachdem Ökonomin Dr. Claudia Kemfert über den Energiemix der japanischen Wirtschaft referierte und auch der Risikoforscher Prof. Dr. Klaus Heilmann sein Fachgebiet zum Besten gab, drohte der Beckmann'sche Spättalk sich schon in wissenschaftlichen Einzelgesprächen zu verlieren, als plötzlich der Metereologe Mojib Latif unerwartet eine angeregte Diskussion vom Zaun brach.

Auch in Europa könne das Unmögliche, sprich ein atomarer Supergau, passieren, so Mojib Latif, wegen einer Augenoperation mit dunkler Sonnenbrille im Studio sitzend. Zwar gebe es in Deutschland und Europa kaum Erdbeben und Tsunamis, doch seien extreme Dürren und starke Niederschläge ebenfalls potentielle Risiken. Smital pflichtete dem Klimaforscher bei und konstatierte, dass etwa das Kernkraftwerk Neckarwestheim auf porrösem Untergrund und erdbebengefährdetem Terrain stehe.

«Herr Latif hat die Diskussion ganz gut in Gang geworfen», freute sich Reinhold Beckmann richtiggehend überrumpelt über die plötzlich in Fahrt gekommene Runde und wollte die Gefährdung Europas gar nicht mehr loslassen. Latif tat ihm den Gefallen und votierte gleich für eine Vorreiterrolle der deutschen Regierung, um weg von der Atompolitik zu kommen.

«Beruhigungspille, um über die Wahlen zu kommen»

Das aktuell verabschiedete Moratorium sei allenfalls eine «Beruhigungspille, um über die Wahlen zu kommen», kritisierte Greenpeace-Aktivist Smital die Regierung um Kanzlerin Merkel scharf. Wirtschaftsforscherin Kemfert war sich dennoch sicher, dass die Tage der Kernenergie in Deutschland gezählt seien, auch wenn ihr Prof. Dr. Klaus Heilmann in diesem Punkt widersprach.

Um Japan ging es da schon lange nicht mehr und Beckmann hatte es tatsächlich irgendwie geschafft, den Bogen seiner Sendung und der acht Gäste von den Augenzeugenberichten des Erdbebens über medizinische Auswirkungen radioaktiver Strahlen bis hin zu den Hintergründen deutscher Energie- und Wahlkampfpolitik zu schlagen. Schade nur, dass sich diese Themenvielfalt inhaltlich oft nicht vertiefen ließ und einige der interessanten Gäste nur wenige Sätze beitragen konnten.

cvd/ivb/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • debema
  • Kommentar 1
  • 16.03.2011 11:50

Alle Themen, die Hr. Beckmann moderiert, sind von Polarisation geprägt, wie es die Jesuiten auch tun, um dem Auftrageber zu gefallen. Hr. Karl-Eduard v. Schnitzler war auch so eine Type. Haltet uns blos solche Moralapostel vom Hals.

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig
Anzeige
news.de auf Facebook
Follow us on Facebook!
News.de auf Twitter
Follow us on Twitter!
Anzeige