Wiener «Tatort» Mit Magenbitter gegen Zombies

Tatort (Foto)
Reibungslos ist anders: Hauptkommissar Eisner (Harald Krassnitzer) mit seiner neuen Kollegin Bibiane Fellner (Adele Neuhauser), die von der Sittenpolizei ins Morddezernat versetzt wurde. Bild: rbb/ORF/Oliver Roth

Von news.de-Mitarbeiter Tobias Köberlein
Eisner hat 'ne Neue! Sie säuft, ist ein paar Jährchen älter als er und ab sofort seine Assistentin. Vergeltung heißt ihr erster gemeinsamer Fall - eine nicht durchweg gelungene Sozialstudie über Jugendgewalt.

Mit selbst für seine Verhältnisse erstaunlich schlechter Laune schlittert Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) in diesen Fall hinein. Könnte daran liegen, dass er gleich zu Beginn seinen Dienstwagen zu Schrott fährt. Oder daran, wen er am Tatort sieht. Bibi Zellner (Adele Neuhauser) – die Frau, die ich als seine neue Assistentin vorstellt – war 20 Jahre bei der Sitte. Die Zeit hat Spuren hinterlassen. Flüssige. Den Tag beginnt Eisners Neue mit einem Stamperl Kräuterschnaps im Kaffee. Es wird nicht der einzige bleiben

Bibi Zellner ist noch abgewrackter als Eisners Auto. «Man sagt, Du hast ein Herz für kaputte Polizisten», schmeichelt sie ihrem Chef. Der muss jetzt auch noch den Entzugshelfer spielen, die Kollegin von der Flasche fernhalten. Aber immerhin hat die einen Wagen. Einen Firebird. Gehört eigentlich Inkasso-Heinzi, einem Zuhälter, und sieht entsprechend aus. «Wenn Du beim Tanken den Motor laufen lässt, wird er nie voll», sagt Bibi. Humor hat sie. Und das tut dem Fall und dem Ösi-Tatort tendenziell gut.

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Endlich hat Griesgram Eisner einen passenden Sidekick – eine saufende Polizistin mit Kriegskameraden-Syndrom. Ihr Mann ist längst über alle Berge. «Mein Job war ihm zu stressig», sagt Bibi. Ihre alten Geschichten von der «Front» erzählt sie jetzt Eisners Tochter Claudia (ebenfalls neu dabei: Tanja Raunig). Es sind Erzählungen vom Babystrich, von brutalen Freiern die in ihrer Familienkutsche mit Kindersitz mal schnell auf einen Blowjob vorbeikommen.

«Da draußen herrscht Krieg», sagt Bibi. Jetzt erst recht. Es gilt eine Mordserie aufzuklären. Die Opfer: Jugendliche, die selbst gewalttätig sind, als Intensivtäter geführt werden. Der Psychologe Jochen Schmitz (Harald Schrott) kümmert sich in seiner Praxis um sie. Mit Konfrontationstherapie statt Erlebnispädagogik. Das ist ganz in Bibis Sinne. «Mit den Mädels vom Babystrich Pferde streicheln gehen – das bringt doch nichts», meint sie.

Wolfgang Murnberger (Regie) und Uli Brée (Buch) breiten das ganze Elend jugendlicher Gewalttäter vor dem Zuschauer aus. Es geht mitten hinein in zerrüttete White-Trash-Familien, in denen der Vater an der Flasche und die Mutter vor dem Fernseher hängt. Der Sohnemann hat die Springerstiefel im Schrank und ballert sich das Hirn mit Gewaltspielen und Psychopharmaka voll. Danach geht’s in den U-Bahnhof – Passanten verdreschen. Die nackte Gewalt ferngesteuerter Zombies.

Die Exzesse sind authentisch und gehen an die Nieren. Schlimm wird’s allerdings, wenn Eisner im gepflegten Sozialarbeiter-Slang Ursachenforschung betreibt. Die Kids sind «für die Politiker nicht systemrelevant», raunt er bedeutungsvoll. Ein bisschen «Frankfurter Schule» am Sonntagabend. Da wird die Wiener Vorstadt gleich mal zur Ösi-Bronx, gehen Teenager mit Handykamera bewaffnet zum «Oma-Klatschen». Auf Film ist alles festgehalten, das Video blitzschnell bei Youtube hochgeladen. «Cool, erst 24 Stunden im Netz und schon über tausend Klicks», überschlägt sich ein Dreikäsehoch vor Begeisterung. Tja, was ist nur mit unseren Kindern los? Nicht ganz frei von Klischees, wie sich der Film dem Thema nähert.

Natürlich ist Jugendgewalt kein Unterschichten-Phänomen. Auch die Tochter von Schlagersängerin Jaqueline Stein (Aglaia Szyszkowitz) tritt zu. Gerne auch in Eisners Weichteile. Als sie später von Jugendlichen brutal zusammengeschlagen auf der Intensivstation liegt, sorgt sich die Schlager-Mama mehr um den eigenen Auftritt als um das Leben ihres Kindes. Das ist dann doch ein bisserl weit weg von der Realität. Genauso wie Eisners Ermittlungen in der Disco. «Der Musikantenstadl is’ zwa Gassen weiter», ranzt ihn der Türsteher auf Wienerisch an. Opi Eisner kommt trotzdem rein und muss froh sein, dass ihm die Tresenfachkraft keinen Blasentee in der Schnabeltasse in die Hand drückt.

Gegen Ende wird’s hanebüchen. Großes Finale in der Psycho-Praxis samt Schusswaffeneinsatz. Als der Fall gelöst ist, geht es für Bibi heim in die dunkle Zweizimmerwohnung, in der die Leere dröhnt. Für Eisner zurück zu Tochter Claudia. Die studiert und ist auch sonst recht brav – der personifizierte Gegenentwurf zur Prügel-Jugend. Schön, dass es sie noch gibt, die (fast) heile Tatort-Welt.


Titel: Tatort - Vergeltung
Darsteller: Harald Krassnitzer, Adele Neuhauser, Aglaia Szyszkowitz, Johannes Krisch, Christian Weinberger, Josephine Bloéb, Harald Schrott, Tanja Raunig und andere.
Regie: Wolfgang Murnberger
Sentermin: Sonntag, 6. März, 20.15 Uhr, Das Erste

sua/news.de

Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • Harald
  • Kommentar 3
  • 15.03.2011 00:06

War seit langem wieder ein guter Tatort! Die suchtkranke Assistentin ist ein Gewinn. Das ganze wurde, bis auf den klamaukhaften Auftritt des Nun-doch-nicht-Assistenten, mit gelugenem Humor wirklichkeitsnah vermittelt. Spannend bis zum Ende. Auch die Nebenrollen waren sehr gut besetzt. Kompliment an den Drehbuchautor und die Regie!

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  • Helga Sobek
  • Kommentar 2
  • 07.03.2011 19:15

Vergeltung.Sehr nah an Realität.Die schlechte Laune,die H.Krassnitzer immer wieder angedichtet wird,finde ich übertrieben.Hat er übernehmen müssen von dem "Marek"?Er spielt gut u. sachlich.Dass er auch anders sein kann,bewies er in Gier u. vielen and. Filmen.Natürlich gefällt er uns leicht u. locker besser,auch als Priester in "mein Gott Anna",aber hier war er ernsthaft u. gut.Mein Mann war bei der Mordkommission,meinen Sie alle da gibt es was zum Lustigsein?Fast immer wurden die Leichen nachts oder zu nicht passenden Uhrzeiten gefunden.Er spielt immer besser. Die neue Assist.soll wieder weg.

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  • thusnelda
  • Kommentar 1
  • 06.03.2011 22:28

war nicht schlecht,aber umwerfend auch nicht. ehrlich gesagt,ziemlich langweilig. aber den harald krassnitzer sehe ich immer wieder gerne.

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