«Der verlorene Sohn» Die Zeitbombe im Reihenhaus

Nach seiner Haft in Israel kehrt Islamkonvertit Rainer nach Deutschland zurück. Die Polizei hält ihn für einen potenziellen Terroristen. Seine Mutter hingegen versucht, ihm wieder zu vertrauen. Katja Flint und Kostja Ullmann glänzen in dem packenden TV-Familiendrama Der verlorene Sohn.

«Der verlorene Sohn» (Foto)
Rainer Schröder (Kostja Ullmann) wird nach seiner Haftentlassung rund um die Uhr von der Polizei überwacht. Bild: NDR/Georges Pauly

Rainer Schröder heißt der junge Mann – ein Name, so kleinbürgerlich wie harmlos. Doch als er am Anfang von Der verlorene Sohn aus einem Flugzeug steigt und deutschen Boden betritt, erwarten ihn Verfassungsschutz und Polizei. Im Gefängnis hat Rainer (Kostja Ullmann) gesessen, weil er Schwarzgeld nach Israel zu schmuggeln versucht hatte. Vorzeitig entlassen kehrt er nun zu seiner Familie zurück. Und die Behörden sind alarmiert, denn der 20-Jährige ist vor Jahren zum Islam konvertiert und möglicherweise mit Terroristen im Bunde.

Nach einem Gespräch mit dem Staatsanwalt darf Rainer zu seiner Mutter Stefanie (Katja Flint) und seinem kleinen Bruder Markus (Ben Unterkofler) zurück. Weil sich unter den wachsamen Augen der Polizei keine Normalität in der Familie einstellen will, geht Stefanie vor Gericht. Die Überwachung ihres Sohnes wird daraufhin eingestellt. Ob Rainer aber tatsächlich harmlos ist oder eine tickende Zeitbombe, bleibt unklar. Zunächst.

«Der verlorene Sohn» : Der Terrorverdächtige von nebenan

«Ihr belügt euch»

Regisseurin Nina Grosse zeigt in ihrem eindrucksvollen Drama Der verlorene Sohn ein brüchiges Familienleben unter den Bedingungen ständiger latenter Bedrohung. Unsicherheit und Misstrauen nagen sichtlich an den Figuren. «Ihr belügt euch», schleudert Rainer seiner Mutter voll moralischer Verachtung entgegen, «und zwar so lange, bis ihr glaubt, das richtige Leben zu leben.»

Doch Rainers Vorstellungen vom richtigen Leben bleiben so diffus wie die Gründe für seine Konvertierung. Auch Stefanie findet keinen Zugang zu ihm. «Das sind immer so große Sätze», antwortet sie Rainer dann, halb im Zorn, halb resigniert. «Du hast dich irgendwann abgekapselt und beschlossen, uns furchtbar zu finden.» Wie Flint und Ullmann diese Szenen spielen - Stefanies zunehmende Verzweiflung und Rainers unterschwellige Aggressivität - ist fantastisch und jederzeit glaubhaft.

Wieso werden Menschen Terroristen? In Syriana suchte Oscarpreisträger Stephen Gaghan die Antworten auf diese Frage im Zusammenhang zwischen großer Politik und kleinstem sozialen Elend. Die Serie Sleeper Cell erforschte 18 Folgen lang die individuellen Biografien einer ganzen Gruppe von Attentätern. Grosse lässt in Der verlorene Sohn Rainers Motive offen. Ähnlich hielt es auch Gus Van Sant in seinem Film über zwei Highschool-Amokläufer, Elephant. Beide Filme gewinnen gerade durch das Fehlen einfacher Antworten an emotionaler Wucht.

Eine spannende Nebenfigur ist den Drehbuchautoren Fred und Leonie-Claire Beiersdorfer mit dem türkischstämmigen Großhändler Nazim (Adnan Maral) gelungen. Er serviert Pfefferminztee in seinem mit ledernen Chesterfield-Sofas bestückten Büro, feuert seine Tochter beim Handball an und stellt Rainer als Lageristen ein. 

Mit seiner bilderbuchhaften Integrationsbiografie könnte Nazim Rainer bei seiner geistigen und seelischen Rückkehr nach Deutschland behilflich sein und womöglich als einziger Schlimmeres verhindern. Doch ausgerechnet diesen beiden Figuren gönnt das Drehbuch keine Zeile Dialog. Und so rutscht Familie Schröder bis zum – dann allerdings wieder hoch dramatischen – Finale auf die Katastrophe zu.

Der harmlose Herr Schröder

Inszenatorisch löst Kameramann Busso von Müller die allgegenwärtige Beklemmung in ein Wechselspiel aus Totalen und intimeren Naheinstellungen auf. Immer wieder stehen und sitzen die Figuren verloren wie in Edward-Hopper-Gemälden in der Gegend herum.

Nur ein einziges Mal darf bei Rainer jugendlicher Schalk aufblitzen, als er in einer grandiosen Sequenz die ihn observierenden Polizisten verlädt. Er verlässt das Einfamilienhaus und fängt plötzlich an zu rennen. Die Ermittler haben ihre liebe Mühe, ihn halbwegs unauffällig zu verfolgen. Unvermittelt bleibt Rainer stehen. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Er wollte gar nicht fliehen. Er wollte nur ein bisschen Spaß. Es wird der letzte Moment dieses im besten Sinne verstörenden Films sein, in dem Rainer Schröder so harmlos wirkt wie sein Name.

Titel: Der verlorene Sohn
Regie: Nina Grosse
Darsteller: Katja Flint, Kostja Ullmann, Ben Unterkofler, Werner Wölbern, Adnan Maral, Pegah Ferydoni und andere
Sendetermin: Mittwoch, 23. Februar 2011, 20.15 Uhr, Das Erste

Lesen Sie unsere Interviews mit Kostja Ullmann und Katja Flint. Und hier geht's zur Bilderstrecke zum Film.

car/ivb/news.de

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