«Das geteilte Glück» Als Babys vertauscht

Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert
Für zwei Familien wird ein Albtraum wahr: Ihre Söhne wurden im Krankenhaus vertauscht – und das schon vor neun Jahren. Wie nun mit dieser Situation umgehen? Der Fernsehfilm Das geteilte Glück zeigt eindrucksvoll, dass es keine schmerzfreie Lösung gibt.

Manche Konflikte sind leicht zu lösen, andere einfach zu umgehen. Im ARD-Fernsehfilm Das geteilte Glück funktioniert beides nicht. Zwei Familien finden neun Jahre nach der Geburt ihrer Söhne heraus, dass diese damals vertauscht wurden. Die Neugier auf das eigene Kind, die Liebe zu dem nun plötzlich «fremden» Kind – ein klassisches Dilemma, das zum Handeln zwingt, ohne, dass es einen Ausweg gibt.

Im echten Leben ist das schrecklich, für einen Fernsehfilm ein Glücksfall. Regisseur Thomas Freundner macht aus Das geteilte Glück emotional fesselnde 88 Minuten.
Der neunjährige Dennis muss ins Krankenhaus. Sein Vater will ihm Blut spenden, aber das klappt nicht: «Grille» ist nicht sein Vater. Und Mutter Nicole Wagner ist auch nicht seine Mutter. Die leiblichen Eltern des Kindes wohnen in einem komplett verglasten Eigenheim statt im Sozialbau.

Auch Britta und Sven Callenberg haben im idyllischen Freiberger Vorort mit Sebastian das «falsche» Kind aufgezogen. Beide Familien beschließen, die Situation so zu lassen, wie sie ist. Doch Anwalt Sven hält sich nicht daran. «Unser Sohn kann unmöglich so aufwachsen», sagt er und klagt. Der Beschluss vom Jugendamt ist für alle Beteiligten ein Schock: Die Jungen müssen in ihre biologischen Familien zurückgetauscht werden.

Riesenpizza bei einer Drei minus

Autor Stefan Dähnert wollte vor dem Hintergrund der vertauschten Babys «etwas über ungleiche Lebensbedingungen von Kindern in Deutschland erzählen». Das gelingt grandios, als Mutter Nicole durch die Fenster der Callenbergs blickt und ihren vor dem Fernseher aufgezogenen Sohn glücklich musizieren sieht. Als der ihr dann auch noch aufgeregt von dem Musical erzählt, in dem er gewesen ist, kommt die Erkenntnis mit aller Brutalität: Das kann Nicole ihrem Kind nicht bieten, in der anderen Familie geht es ihm besser. Sie weint, hadert und redet aus Liebe zu ihrem Kind, aus dem «mal was werden» soll, trotzdem von Adoption.

Vor allem neben diesen vielschichtigen Emotionen sind die beiden Familien an sich jedoch recht holzschnittartig gezeichnet. Dennis‘ Vater Grille hat nur manchmal einen Job, läuft im Feinripphemd durch die Wohnung und trinkt Dosenbier vor dem Fernseher. Mutter Nicole schreit, schlägt Dennis und die übrigen Kinder, die sie von verschiedenen Vätern hat. Bei den Callenbergs dagegen spielt Sebastian auf Drängen der Mutter Cello und weint, wenn er eine Drei minus in Mathe nach Hause bringt. Bei den Wagners wird dieses Ereignis mit einer Riesenpizza und Cola gefeiert.

Die Nanny der eigenen Kinder: ein fragiler Kompromiss

Aber an vielen anderen Stellen gelingt die kitschfreie Sozialstudie. Die Frage, wie viele Eigenschaften vererbbar sind, wird behutsam angegangen. Zwar spielt Sebastian nach dem Vorbild Grilles grandios Fußball und Dennis zeigt auf Anhieb Geschick für Britta Callenbergs Cello – aber ansonsten sind die Jungen grundverschieden: in Dialekt und Sprachschatz, bei Interessen und Tischmanieren.

Zwar zuckt man jedes Mal zusammen, wenn Nicole zuhaut oder mit Grille für ein sexuelles Abenteuer das Haus und die Kinder verlässt. Aber ganz so klar ist in Das geteilte Glück nicht, wer die Guten und wer die Bösen sind. Schauspieler Udo Wachtveitl (Kommissar Franz Leitmayr im Münchner Tatort) soll selbst darauf gedrängt haben, dass sein Sven Callenberg nicht zu eindimensional wird. Das gelingt: Der Anwalt ist frei von jeder Empathie für das Leid von Mutter Nicole («Wir meinen es wirklich nur gut») und hat mit dem selbstverliebten Willen, beide Kinder in seiner besseren Welt aufziehen zu wollen, den fatalen Jugendamtsbeschluss überhaupt erst verursacht.

Fernseh-Höhepunkte in Bildern
TV 2011 - von Gretchen bis zum letzten Bullen
Hindenburg (Foto) Zur Fotostrecke

Britta Callenberg (Ulrike Grote) ist etwas behutsamer im Umgang mit ihrem Geld und ihrem sozialen Status. Dennoch kauft sie Nicole (Petra Schmidt-Schaller) eine Wohnung direkt in ihrer Straße und stellt sie als Kindermädchen für ihre eigenen Söhne an. Trotz der schiefen Machtverhältnisse empfinden das beide Frauen als die gerechteste Lösung. Doch «der Mensch ist schwach, eigennützig, wankelmütig», sagt Schauspielerin Grote über ihre Rolle. So endet der fragile Kompromiss bald in einer Katastrophe.

Titel: Das geteilte Glück
Regie: Thomas Freundner
Darsteller: Petra Schmidt-Schaller, Rüdiger Klink, Ulrike Grote, Udo Wachtveitl und andere
Sendetermin: Mittwoch, 2. Februar 2011, 20.15 Uhr, Das Erste

car/ivb/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • RomyV
  • Kommentar 1
  • 03.02.2011 10:51

Geteiltes Glück, war ein grandioser Film. Beide "Seiten" haben gut gespielt. Auch die Jungs waren als Kinder und damit Laien grandios. Das Thema wurde in jeder Hinsicht direkt und gut übermittelt. Es gibt eben nicht nur eitel Sonnenschein in Deutschland. Die seichten Filme über Liebesglück und Sorgen auf hohem Niveau kann und will man nicht mehr sehn.Sie sind einfach nicht realistisch. Vielleicht gibt es aber auch Zuschauer die gern andere Geschichten sehn wollen. Ich bin gespannt auf die Kommentare. Der Film war einfach gut und weiter so !

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig