Bodensee-«Tatort» Schlapper Kampf dem Schönheitswahn

Tatort - Der schöne Schein (Foto)
Nicht das Schlechteste: Ermitteln in einer Schönheitsklinik. Bild: © SWR/Stephanie Schweigert

Von news.de-Redakteur Christian Vock
Im ihrem neuen Fall Der schöne Schein taucht Kommissarin Klara Blum in die Welt der Schönheitschirurgie ein. Doch was als Seitenhieb auf Schönheitswahn und Co. gedacht war, bleibt selbst nur an der Oberfläche.

Der Tatort greift gerne einmal gesellschaftlich brisante Themen auf. Sei das nun Sterbehilfe, illegale Einwanderung oder Vergewaltigung - oft genug bekommt der Tatort-Zuschauer neben einem spannenden Kriminalfall auch eine Portion Moral ins sonntägliche Abendprogramm gestreut. Der neue Fall des Bodensee-Tatorts will da keine Ausnahme sein - und ist es aber doch. Denn wo andere Tatort-Fälle es geschafft haben, ihr moralisches Anliegen gelungen mit dem eigentlichen Fall zu verweben, bleibt Der schöne Schein hinter seinen selbst gesteckten Erwartungen zurück.

«Tatort»
«Der schöne Schein»

Das fängt schon am Anfang an, wenn Kommissarin Blum (Eva Mattes) beim Friseur sitzt und sich auf dem Computermonitor eine neue Frisur aussuchen soll. Da empfiehlt ihr der neue hippe Friseur eine Trendfrisur nach der anderen, mit dem Hinweis, dass ihr alter Haarstylist ja noch unter Kaiser Willhelm Haare geschnitten habe. Als Blum dann vom Frisierstuhl zu ihrem neuen Fall gerufen wird, entschwindet sie mit den Worten «Ich geh lieber, das ist besser fürs Geschäft. Sonst denken Ihre Kunden noch, dass hier ‹Mumie Teil zwei› gedreht wird.»

Was hier den Themenkomplex «Schönheit, Oberflächlichkeit und schöner Schein» schlagfertig einleiten soll, kommt allerdings sehr bemüht und aufgesetzt daher. Zwei Attribute, die leider für die verbleibenden 85 Minuten gelten sollen. Dabei fängt Der schöne Schein kriminalistisch gesehen ganz vielversprechend an.

Eine schick gekleidete Frau betritt ein Planetarium und nimmt auf den Zuschauerrängen Platz. Ganz offenbar erwartet sie jemanden. Plötzlich drückt ihr von hinten jemand ein Tuch auf den Mund, bis die Frau bewusstlos zusammensinkt. Als diese später tot auf dem Seziertisch der Rechtsmedizin liegt, zieht ihr der Pathologe einen Goldfisch aus dem Mund. Der Schweizer Kommissar Flückiger (Stean Gubser) ist ratlos. Er ruft seine deutsche Kollegin Blum zuhilfe. Die sitzt, wie wir wissen, gerade beim Friseur.

Die Ermittlungen führen Flückiger, Blum und ihren Kollegen Perlmann (Sebastian Bezzel) zu einer Schönheitsklinik am Bodensee. Zusammen mit ihrem Mann und einem befreundeten Pärchen hatte die Tote die Klinik nach dem gemeinsamen Medizinstudium aufgebaut, das Geld brachte allerdings sie ein. Dementsprechend geraten erst einmal alle unter Verdacht. Der Chirurg Holger Riekert (Andreas Pietschmann), seine Frau Gloria (Ursina Lardi) und natürlich der Ehemann Peter Marquardt (Johann von Bülow). Zwischen den dreien und auch mit der Toten scheint es einige Unstimmigkeiten gegeben zu haben, deren Ausgangspunkt weit in der Vergangenheit liegen. Und dann sind da noch defekte Brustimplantate, die für Wirbel sorgen.

Der schöne Schein gibt sich große Mühe, zwei Welten aufzubauen. Während Blum und Flückiger draußen an der frischen Bodenseeluft ermitteln, schleicht sich Perlmann in die steril-minimalistische Atmosphäre der Schönheitsklinik ein. Hier ist alles auf Schönheit ausgelegt und dementsprechend sind auch die Herren dieser Welt, die Chirurgen, nur oberflächliche Neureiche, die sich an dem Schönheitsbedürfnis ihrer Kunden eine goldene Nase verdient haben. Die Einzige, der das Drehbuch ein moralisches Rückgrat gestattet ist, ist Ärztin Gloria Riekert, aber die ist ja auch nur für die Wellnessabteilung zuständig.

Immerhin gelingt es dem Film, genau das in einer Szene selbst anzukreiden. In der restlichen Zeit kann man sich nicht recht entscheiden, ob man nun das Streben nach künstlicher Schönheit kritisieren, verteufeln oder links liegen lassen will. Denn mittendrin biegt der moralische Weg ab, ohne dass die bisher ausgefahrene Moralkeule übers Schönseinwollen auch nur einmal wirklich treffen konnte. Dann geht es plötzlich doch um die (rechtliche) Verantwortung eines Einzelnen, wie wir es aus tausend anderen Krimis kennen.

So gibt es, ironischerweise, bei Der Schöne Schein eben keine tiefergehende Auseinandersetzung mit Schönheitswahn und Co., sondern lediglich ein oberflächliches Anreißen des Themas. Umso bedauerlicher, da auch der eigentliche Kriminalfall nicht wirklich überzeugen kann. Wer hin und wieder einen Tatort gesehen hat, der ahnt schnell, wer der Täter ist und auch das Rätselraten, das mit dem Goldfisch im Mund der Toten beginnt, überzeugt nicht gerade. Alles in allem bleibt bei diesem Tatort diesmal nur ein mittelmäßiger Kriminalfall, alles andere sind bloß Scheingefechte.

Titel: Tatort – Der schöne Schein
Regie: René Heisig
Darsteller: Eva Mattes, Stefan Gubser, Sebastian Bezzel, Ursina Lardi, Andreas Pietschmann, Johann von Bülow
Sendetermin: Sonntag, 16. Januar, 20.15 Uhr im Ersten

wie/news.de

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • WM
  • Kommentar 2
  • 17.01.2011 02:35

"Die Einzige, der das Drehbuch ein moralisches Rückrad gestattet ist, ist"---- xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx Rückgrat war wohl gemeint, und dann die fehlerhafte Grammatik. Liest bei Euch keiner gegen? Schnell getippt und dann FEIERABEND!

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  • Alexander Voronin
  • Kommentar 1
  • 16.01.2011 22:28

Mir hat der Tatort absolut gut gefallen. Aber schon bei dem ersten Auftauchen des Hausmeisters mit dem Jaguar E-Type 12-Zylinder war mir klar: der ist es!!! Das war so nach einer halben Stunde. Ansonsten handwerklich prima! P.S.: Der Tatort ist nicht für "tiefergehende Auseinandersetzungen" da. Das ist schon beim letzten Tatort in Köln total schief gegangen, die total belämmerte Kapitalismuskritik

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