«Tatort» aus Kiel Menschen, Tiere, Amputationen

Tatort (Foto)
Borowski (Axel Milberg) kommt zu spät, der Mörder hat ein neues Opfer gefunden. Bild: NDR/Marion von der Mehden

Von news.de-Mitarbeiter Tobias Köberlein
Der Schweden-Krimi drückt jetzt auch dem Tatort seinen Stempel auf. Borowski und der vierte Mann - entstanden nach einem Exposé des Krimi-Titanen Henning Mankell - ist buchstäblich ein Fall ohne Hand und Fuß. 

Es «mankellt» sehr zur Weihnachtszeit. Nicht nur, weil gleich im Anschluss an den Tatort eine weitere Wallander-Verfilmung mit Kenneth Branagh läuft. Nein, auch diesem Fall liegt eine Idee des Schweden zugrunde. Jahrelang war Mankell von Borowski-Darsteller Axel Milberg, einem bekennenden Fan, hofiert worden, bis er endlich ein 14-seitiges Exposé für den Kieler Tatort verfasste. Daniel Nocke (Buch) und Claudia Garde (Regie) kam dann die Aufgabe zu, aus dem Grundgerüst einen tragfähigen Krimi mit Mankell-Touch zu entwickeln. Und das ist ihnen gut geglückt.

Es geht - typisch Mankell - gleich grausig los. Ein Wildhüter (Sven Pippig) stapft mit seinem Hund durch einen winterlich verschneiten Wald. Im Unterholz beißt sich der Vierbeiner an etwas fest. Ein fachgerecht abgetrennter Fuß ist es, der den Blutdurst des Tieres weckt. Er steckt samt sündteurem Schuhwerk in einer sogenannten Schlagfalle, in der sonst Füchse oder Marder einen langsamen, qualvollen Tod sterben.

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Der Fuß bleibt nicht das einzige abgetrennte Körperteil in diesem Krimi. In einer Plastiktüte findet ein Kürschnermeister eine lose Hand, ebenso säuberlich amputiert. Allerdings gehört sie zu einem anderen Opfer. «Ein ganz anderes Milieu als der Fuß», wird der Gerichtsmediziner (Samuel Finzi) Borowski mit seinem trockenen Mediziner-Humor sagen.

Bären mit der Armbrust erlegen

Die Spur führt den verlässlich zerknirschten Kommissar zu einem dekadenten Club der Millionäre, der sich in einem Herrenhaus eingerichtet hat und in der Freizeit bizarre Jagden veranstaltet. Da werden schon mal aus Russland importierte Bären in der schleswig-holsteinischen Pampa ausgesetzt, um dann mit der Armbrust erlegt zu werden.

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Es ist eine höchst fellineske Runde, der sich der bodenständige Borowski da gegenübersieht. Wunderbar sind die Szenen gelungen, in denen der Kommissar im Angesicht der arroganten Neureichen fast die Contenance verliert und als Ersatzhandlung Orangen mit Pfeilen durchbohrt. Großartig auch Susanne Wolff als Wortführerin der Schnösel-Truppe, immer umweht von einer Mischung aus lasziver Erotik und Snobismus. Es ist ihr Cousin, dem der abgetrennte Fuß gehörte. Der Finanzberater hat kleine Anleger nach dem Schneeballystem abgezockt und damit in den Ruin getrieben.

Borowski ermittelt also auch unter den kleinen Leuten. Das zweite Opfer war ein pensionierter Kürschner, der für den dekadenten Geldadel die Jagdtrophäen präparierte und über das Schneeballystem schnellen Reibach machen wollte. Die Schauplätze wechseln sich ab - hier das pompöse Herrenhaus, dort die versiffte Einzimmerwohnung. Auch in der Zeichnung unterschiedlicher gesellschaftlicher Milieus zeigt sich Mankells Handschrift, die durch die kühlen Bilder des schleswig-holsteinischen Winters noch deutlicher lesbar wird.

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So schmerzvoll ist ein weißes Büro

Schließlich geht Borowskis Blick noch einmal zurück zur verschmerzlich vermissten und spurlos verschwundenen Frieda Jung. Ein ehemaliger Kollege aus dem Betrugsdezernat (Matthias Matschke) taucht auf einmal wieder im Polizeipräsidium auf. Auch er war in die Polizeipsychologin verliebt. Borowski umschleicht derweil ihr verlassenes Büro, das gerade neu gestrichen wird. Am Ende steht er in einem leer geräumten weißen Raum, ein gelungenes Bild dafür, dass Frieda Jungs Spuren langsam verwischen.

Ein Schal auf dem Fensterbrett ist alles, was von ihr geblieben ist. Borowski löscht das Licht. Ob sich auch die Erinnerung so einfach ausknipsen lässt? Immerhin hat er schon im nächsten Fall eine neue Frau an seiner Seite. Dann unterstützt ihn Sibel Kekilli, die als Sarah Brandt bereits im letzten Kieler Tatort eingeführt wurde und nun fest in Borowskis Team ermitteln wird.

Titel: Tatort - Borowski und der vierte Mann
Regie: Claudia Garde
Darsteller: Axel Milberg, Susanne Wolff, Tonio Arango, Michael Rotschopf und andere
Sendetermin: Sonntag, 26. Dezember, 20.15 Uhr, Das Erste

cvd/news.de

Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • mariana
  • Kommentar 3
  • 26.12.2010 18:11

axel milberg mag ich sehr als kommissar borowski. schade, daß frau jung nicht mehr dabei ist. auf frau kekeli könnte ich gerne verzichten.

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  • mariana
  • Kommentar 2
  • 26.12.2010 18:11

axel milberg mag ich sehr als kommissar borowski. schade, daß frau jung nicht mehr dabei ist. auf frau kekeli könnte ich gerne verzichten.

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  • Horst Heinz Vostrovsky
  • Kommentar 1
  • 26.12.2010 13:56

Sehr geehrtes TATORT-TEAM! G u t e n Tag aus Wien! Häte gerne von allen Tatortkommissären ein signiertes Foto zugesedet. Von Schauspieler Kommissar BÄR warte ich fast ein Jahr auf meine zugesendeten Fotos zum unterschreiben. Es waren Pressefotos mit beiligendem frankierten Retourkuvert. Bitte helfen Sie mir. Mein Kulturverein sammelt u.a. Autobiographen. Mich selber finden Sie im Deutschen Bühnenjahrbuch. Alles Gute und viel Erfolg 2011 MfG

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