Münchener «Tatort» Das Böse von nebenan

Der Fall beginnt dort, wo andere Krimis aufhören. Ein Mörder und Vergewaltiger ist gefasst. An seiner Schuld besteht kein Zweifel. Oder doch? Der Tatort Nie wieder frei sein ist eine beklemmende Studie des Zerfalls einer Familie und zugleich eine philosophische Reflexion über Recht und Gerechtigkeit.

Tatort - Nie wieder frei sein (Foto)
Ihnen sind diesmal die Hände gebunden: Die Kommissare Batic und Leitmayr. Bild: BR/Hagen Keller

Der Fall scheint erledigt. Souverän beantworten die Kommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) auf einer Pressekonferenz die Fragen der Journalisten. Markus Rapp (Shenja Lacher), ein unscheinbarer junger Mann, soll zwei Frauen brutal vergewaltigt und eine von ihnen ermordet haben.

In der verstörenden Eröffnungssequenz sehen wir einen Mann mit Kapuzenpullover, der eine leblos wirkende Frau aus einem Lieferwagen wuchtet und sie in einer Kiesgrube ablegt. Er zerreißt ihr Kleid, sprüht irgendeine Flüssigkeit auf ihren nackten Körper. Dann lässt er sie liegen. Wie Dreck.

Melanie Bauer (Anna Maria Sturm) hat das Martyrium überlebt. Im Gerichtssaal sieht sie ihren vermeintlichen Peiniger wieder. Die Beweise für seine Schuld sind erdrückend - Batic und Leitmayr, die als Zeugen aussagen, sich ihrer Sache sehr sicher. Sie haben nicht mit Rapps junger, aber schon brillanter Anwältin gerechnet. Für Regina Zimmer (Lisa Wagner) ist der Fall ein Pflichtmandat. Sie hätte es ausschlagen können. Hat sie aber nicht, denn der Prozess verspricht Prestige im Kollegenkreis. Ist sie eine Karrieristin? Oder tatsächlich von Rapps Unschuld überzeugt? Scharfsinnig zerpflückt sie die Argumente der Anklage, führt Batic und Leitmayr regelrecht vor. Am Ende steht ein Freispruch aus formellen Gründen. Melanie Bauer und ihre Familie sind fassungslos.

Tatort: Fakten zum Bundeskrimi

20 Minuten dauert diese Szene vor Gericht. Sie ist kein Stück zu lang und so großartig inszeniert wie dieser ganze Tatort. Christian Zübert (Regie) und Dinah Marthe Golch lassen den Zuschauer spüren, was es bedeutet, wenn eine Familie an einem Urteil zerbricht und die Polizei hilflos zusehen muss. «Bitte, wir gehen kaputt an der Sache, bitte», fleht die Mutter (Ulrike Arnold) Batic und Leitnayr an. Doch den Kommissaren sind die Hände gebunden. Rapp wurde freigesprochen, auch wenn jeder weiß, dass er ein Vergewaltiger ist.

Nie wieder frei sein – der Titel beschreibt genau, was mit den Menschen in diesem Tatort passiert. Nicht nur mit dem Opfer und ihrer Familie. Die Anwältin erhält Drohbriefe, wird zusammengeschlagen. Die Wand des Hauses, in dem Rapp mit seinem Vater (Tilo Prückner) lebt, ist mit Schmierereien übersät. «Mörder» steht in großen Buchstaben auf dem Gartenzaun. Melanies Beziehung zu ihrem Freund (Stephan Zinner) ist an der Vergewaltigung zerbrochen. Jetzt klebt er in der Nachbarschaft Plakate mit Rapps Konterfei. Der Schritt zur Selbstjustiz liegt nahe. Die Bauers haben das Vertrauen in den Rechtsstaat verloren.

Nie wieder frei sein ist aber nicht nur ein erschütterndes, herausragend gespieltes Porträt einer Familie, die langsam an den Folgen der Tat zugrunde geht. Parallel dazu rückt der Film eine weitere, philosophische Ebene in den Blick. Es geht um das Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit, um Schuld und Sühne. Die von Lisa Wagner beeindruckend gespielte Anwältin ist der Charakter, an der diese Fragen besonders manifest werden. Glaubt sie tatsächlich an die Unschuld ihres Mandanten? Der Film – so viel sei verraten – hält eine Antwort parat, mit der man als Zuschauer nicht unbedingt rechnen kann.

Erstaunliches geschieht diesmal auch mit Batic und Leitmayr. Die sonst so unerschütterlichen Kommissare kommen ins Grübeln, schwanken zwischen Ohnmacht, Zorn und dem unbedingten Willen, Rapp doch noch hinter Gittern zu sehen. Am Ende wird sie dieser Fall geläutert und ein Stück weit verwandelt haben. «Das ist mit das Beste, was wir bisher gemacht haben», hat Miroslav Nemec über den Film gesagt. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Tatort: Nie wieder frei sein, Sonntag, 19. Dezember, 20.15 Uhr, Das Erste

wie/cvd/news.de

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • qwert
  • Kommentar 2
  • 20.12.2010 13:53

War sehr gut!

Kommentar melden
  • qwert
  • Kommentar 1
  • 20.12.2010 13:52

War sehr gut!

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig