Aus Afghanistan Kerners Kriegstalk gerät zur schäbigen Show

Quotenheische und Egotour: Mit seiner Talkshow aus einem Bundeswehrcamp in Afghanistan hat Johannes B. Kerner eine neue Ebene von Selbstinszenierung erreicht. Die Sendung mit Karl-Theodor zu Guttenberg hatte trotzdem etwas Gutes.

Kerner und zu Guttenberg  (Foto)
Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg (CSU, rechts) spricht mit Fernsehmoderator Johannes B. Kerner. Erstmals gibt es eine deutsche Talkshow am Hindukusch. Bild: ddp

Eine kleine Sensation ist es durchaus: Als erster deutscher Sender hat Sat.1 eine komplette Talkshow in Afghanistan produziert, moderiert von Johannes B. Kerner. Zu Gast beim Kerner Spezial am Abend waren der Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und mehrere Soldaten, die über ihre Arbeit in Afghanistan berichteten.

Das Ganze findet in einer großen Flugzeughalle statt, auf einem Podest sitzt Kerner mit seinen Gästen, im Hintergrund stehen zwei Helikopter und schwere Fahrzeuge der Bundeswehr, das Showpublikum besteht aus den Soldaten des Camps in Mazar-i-Sharif. Mehr als 2500 von ihnen sind hier, im Norden Afghanistans, stationiert. Es ist das flächenmäßig größte Feldlager der Bundeswehr.

«Die Soldaten verdienen Rückendeckung und Dankbarkeit»

Kerner talkt in Afghanistan: Kriegs-TV am Hindukusch

Er persönlich sei sehr dankbar für Kerners Talkshow am Hindukusch, befand der Verteidigungsminister: «Die Deutschen zu Hause müssen mehr über den Einsatz erfahren. Die Soldaten erwarten und verdienen Rückendeckung und Anerkennung für ihren Einsatz.» Karl-Theodor zu Guttenberg wirkt souverän, stark und fast ein bisschen trotzig bei seinen Ausführungen. Viel zu lange sei «rumgedruckst» worden, es sei ihm eine Herzensangelegenheit, sich für die Anerkennung der Soldaten einzusetzen. Der Minister spricht an diesem Abend sehr oft von Gefühlen und Herzen. Davon, dass Soldaten Gefühle zeigen dürfen, dass man das Herz sprechen lassen sollte und vom Stich ins Herz, wenn ein Anschlag auf die Bundeswehr passiert. 

Guttenberg gibt sich authentisch, menschlich und erntet vom Soldatenpublikum Applaus. Für Kerner eine Talkebene, auf der er sich wohlfühlt. Emotionen und Tränendrüsendrückerei sind genau sein Ding. Die Gesprächsanteile spielen diesmal jedoch eine kleine Rolle. Längere sehr informative Einspielfilme zeigen, wie die Soldaten in Afghanistan arbeiten, wie ihre Familien zu Hause bangen, wie schwer der Abschied und auch die Rückkehr sind und wie viele Soldaten nachhaltig traumatisiert aus dem Krieg zurückkehren. Hierin - in den gutgemachten Infofilmchen - liegt das Verdienst der Sendung. Leider nur darin. Wobei: Für die Soldaten in Afghanistan war der TV-Rummel im Camp sicher auch mal eine willkommene Ablenkung.

«Geschmacklose Inszenierung» (Spiegel Online), «Egofeldzug am Hindukusch» (Die Sueddeutsche) oder Werbespotisierung der Politik (Frankfurter Rundschau) - Kritik am siebenten Afghanistanbesuch des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) samt Gattin Stephanie in dieser Woche gab es nicht zu knapp.

Diese Urteile treffen ebenso für die Kerner-Show aus Afghanistan zu. Zu offensichtlich ist, dass es um Inszenierung geht, wenn sich der Moderator im Quotentief an den Politiker im Quotenhoch ranschmeißt. Für seinen Jahresrückblick war es Kerner nicht gelungen, den Verteidigungsminister auf die Couch zu laden. Ärgerlich für ihn, dass er mit seinem Rückblick zu früh dran war, um seinen ausgebufften Medien-Coup noch mal zu thematisieren.

«Es gehört sich einfach, darüber zu berichten»

Kerner scheint völlig auszublenden, dass der Krieg in Afghanistan keine Show ist, bei der es am Ende einen Moderator gibt, der allen eine gute Nacht wünscht. Geradezu unerträglich: Kurz vor Schluss wirft Kerner einen Fußball ins Soldaten-Publikum und überbringt freudestrahlend die Botschaft, dass er zwei Trikot-Sätze der deutschen Fußball-Nationalmannschaft als Geschenk dabei hat.

Er müsse seine Quote weder am Hindukusch noch an der Elbe verteidigen, entgegnete Kerner seinen Kritikern in einem Interview des Berliner Tagesspiegels. Allein persönliches Interesse sei es gewesen, die Show aus Afghanistan zu senden. Es habe nicht verstanden, warum einer Umfrage zufolge 71 Prozent aller Bundesbürger für einen sofortigen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan sind. Er wollte das Volk informieren, aufklären. Im Grunde also eine lobenswerte Absicht, die nur irgendwie nach hinten losgegangen ist?

Kerner verabschiedete sich mit den Worten: «Es gehört sich einfach, darüber zu berichten, was deutsche Soldaten in Afghanistan leisten. Und das haben wir getan.» Keine Frage, damit hat er recht. Doch dass es dafür nötig war, eine 20-köpfige TV-Crew unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen nach Afghanistan zu verfrachten, leuchtet beim besten Willen nicht ein. Nichts, kein einziges Sendungsdetail rechtfertigt diesen Aufwand. Menschen sitzen auf Stühlen in einem Halbkreis, Publikum drumrum, ab und an ein Scheinwerfer im Bild - mehr ist so eine Show rein optisch betrachtet nicht. Wie so oft: Auf den Inhalt kommt es an.

Eine Show mit den gleichen Gästen (Zu Guttenberg ist als populärster Politiker sowieso immer ein Quotengarant) in Deutschland hätte auf jeden Fall den gleichen Informationsgehalt gehabt, wäre auch nicht weniger emotional gewesen. Und da ist er wieder: der hartnäckige Gedanke an das Kernersche Quotenkalkül.

cvd/reu/news.de

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Leserkommentare (115) Jetzt Artikel kommentieren
  • Gabi Ackermann
  • Kommentar 115
  • 21.12.2010 15:15

Langes Gerede hin oder her, holt unsere Jungen nach hause, da gehören Sie hin.Dieses Land will keine Hilfe und schonmal garnicht von Christen.Man sieht ja: dass abschlachten im eigenen Land reicht den Brüdern nicht mehr: Deshalb kommt Deutschland jetzt auch dran.Diese Länder wollen unsere Hilfe nicht!!!!!

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  • Ekel
  • Kommentar 114
  • 20.12.2010 22:53
Antwort auf Kommentar 113

Das ist eine ganz eindeutige Geste für den Einsatz. Völlig unkritisch Diskussion vortäuschend. Das läßt sich so nicht trennen ! Da wird Krieg geführt, aber ich finde sie persönlich sympathisch... Ich wünsche mir auch einen netten Henker ! Da ist Krieg, verdammt noch mal !

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  • Fan von GUTTis
  • Kommentar 113
  • 20.12.2010 13:23

Manch Kommentar hier stimmt nachdenklich... Zeit, in D umfassend die Frage zu diskutieren, was wir am Hindukusch zu suchen haben. Ich meine: Nichts. Wenn sich aber der Verteidigungsminister dort nun mal um Soldaten und seine Frau um die ...innen kümmert, dann ist das völlig ok und wird gewiss vor Ort als nette Abwechslung gesehen. Und der unsägliche Kerner im Tross - auch ok für die Soldaten. Ganz genau sollte man sich aber die Schreihälse hier ansehen, die die Guttis anmisten statt die o.g. Frage zu diskutieren!!! Man könnte meinen, alles schielt auf Quote und das Hirn bleibt auf der Strecke!

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