«Mörderischer Besuch» Israel-Bingo mit Heiner Lauterbach

Mörderischer Besuch (Foto)
Michael Ochajon (Heiner Lauterbach) und Kollegin Hannah (Astrid Posner) auf dem Weg zur Tochter des Opfers. Bild: ZDF/Vered Adir

Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert
In Jerusalem stirbt ein bekannter Musiker. Heiner Lauterbach sucht nach dem Mörder und hetzt durch allerlei Israel-Klischees. Abgesehen von den bemüht politischen Bezügen ist der ZDF-Film Mörderischer Besuch ein solider Krimi vom Format Cluedo.

Der heitere Vivaldi hat auch Begräbnismusik geschrieben. Keiner weiß das, denn der israelische Musiker Felix van Gelden besitzt und schützt die einzige Partitur des Stückes. Zum Ende seines Lebens will er das Requiem einem seiner drei Kinder vermachen – und lässt sie mit Geige und Cello zum Eignungstest antreten: Gemeinsam spielen sie Vivaldis Noten. Als würdig erweist sich keiner, die Familie trennt sich im Streit. Dem Patriarchen ragt wenig später ein Messer aus der Brust.

Ein wertvolles Requiem, das in jeder Generation einen Ehrbaren braucht, der darauf aufpasst? Diese verkorkste Analogie zur Ringparabel aus Lessings Nathan der Weise krönt den bunten Strauß Israel-Klischees im ZDF-Krimi Mörderischer Besuch: Hauptkommissar Michael Ochajon (Heiner Lauterbach) wird ausgerechnet zum PessachfestDas Pessachfest erinnert an den Auszug aus Ägypten, also die Befreiung der Israeliten aus der dortigen Sklaverei, mit der sie nach dem Tanach als eigenes, von Gott erwähltes Volk in die Geschichte eintraten. , den wichtigsten Feiertagen im Judentum, an den Tatort gerufen. Ein vor seiner Tür abgelegtes Baby nennt er Moshe und lässt es ins Kibbuz bringen. Des Mordes verdächtig ist unter anderem ein Araber, der am Felsendom als Touristenführer arbeitet. Und, ja, Drehbuchautor Nils-Morten Osburg schafft es auch die Worte «Kassam-Raketen» und «Klagemauer» unbeholfen in die holprigen Dialoge seiner Darsteller zu schmuggeln. Verloren beim Israelbingo haben nur die Zuschauer, die auf «Yad Vashem» und «Chanukka» gesetzt hatten.

Immer, wenn ARD oder ZDF im Ausland Fernsehfilme drehen, gehört Landeskunde dazu. Mörderischer Besuch ist der zweite Fall, in dem Heiner Lauterbach nach der Vorlage von Krimiautorin Batya Gur in Jerusalem ermittelt, und es ist den Machern hoch anzurechnen, dass sie sich gegen den allgegenwärtigen Palästinenser-Konflikt als Kulisse für die Geschichten entschieden haben. Allerdings sind die übrig gebliebenen politischen Bezüge so plump geraten, dass der Bonus schnell aufgebraucht ist.

«Um was man eine Mauer bauen muss, hat man schon verloren. Sehen sie sich doch unser Land an», antwortet zum Beispiel ohne Not Dora Sackheim (Hannelore Hoger), Freundin des verschiedenen van Gelden auf die Frage, warum dieser keine Alarmanlage gehabt hätte. Oder, andere Situation: Nita van Gelden (Liane Forestieri), Geliebte Lauterbachs und des Mordes verdächtige Tochter des Opfers, streut in einen Beziehungsstreit, qua Geburt der unpolitischste aller Dialoge, die rhetorische Frage: «Warum wurde Rabin erschossen?» Die Anspielungen bleiben unerklärt und bewirken so nur zweierlei: Überforderung und Verstörung.

Reduziert um das bemüht eingeflochtene Lebensgefühl des Israels der 1990er Jahre, bleibt von Mörderischer Besuch ein halbwegs solider Krimi, der nach dem Cluedo-PrinzipNach dem Gesellschaftsspiel Cluedo, in dem es darum geht, die richtige Mordwaffe, den Täter und den Tatort aus einer Reihe vorgegebener Möglichkeiten ausfindig zu machen. funktioniert: ein Messer, ein Kerzenleuchter, ein gestohlenes Bild und ein geheimnisvolles Requiem, drei Hauptverdächtige. Van Geldens Söhne Theo (Benjamin Sadler) und Gabriel (Wilfried Hochholdinger) gehören dazu und benehmen sich auch so. Der eine könnte das Requiem gut für sein Orchester brauchen, der andere hatte wegen seiner Homosexualität Streit mit seinem Vater. Und Tochter Nita, der dritte Gast am Mordabend, besitzt irgendwann das aus dem Haus ihres Vaters gestohlene Gemälde. Eine klassische Agatha-Christie-Situation mit eng gezogenem Verdächtigenkreis, die Regisseur Jorgo Papavassiliou sauber, wenn auch wenig überraschend, zu Ende inszeniert.

Wer den Chefermittler im öffentich-rechtlichen Fernsehen mimt, kommt um die Tatort-Frage nicht herum. Lauterbach beantwortet sie professionell: «Ein Tatort sollte für einen deutschen Schauspieler immer eine Option sein. Da grundsätzlich Nein zu sagen, würde ich für einen Fehler halten», sagt er und darf das auch: Seine Leistung als in sich ruhender Ermittler sticht bei Mörderischer Besuch heraus, vor allem neben seinem steifen Polizisten-Kollegen Menashe Noy, der aber wohl auch unter der arg holprigen Synchronisation leidet.

Gänzlich überflüssig ist es, dass Drehbuchautor Osburg seiner ohnehin überfrachteten Geschichte auch noch einen Nebenplot ohne Bindung zum Rest des Films aufbürdet. Die Russin Dascha (Lucy Dubinchik) hat Angst vor Abschiebung und legt ihr Baby deshalb vor Lauterbachs Tür ab. Die Problematik der israelischen Einwandererpolitik wird ebensowenig auserzählt wie die ekelhafte Ausländerfeindlichkeit von Lauterbachs Kollegen Daniel Balilati (Menashe Noy). «Haben sie unsere Gefängnisse schon mal von innen gesehen?», fragt der den Araber Hassan und meint ironisch: «Nicht, dass ich etwas gegen die Aussöhnung hätte.» Schade, dass daraus nicht mehr wird. Dabei hätte dieses Thema wirklich etwas zum Israelbild des deutschen Fernsehzuschauers beitragen können. So bleibt es halt bei Pessach, Klagemauer und Kassam.

Titel: Mörderischer Besuch
Regie: Jorge Papavassiliou
Darsteller: Heiner Lauterbach, Menashe Noy, Astrid Posner, Benjamin Sadler, Liane Forestieri, Ezra Dagan
Sendetermin: Montag, 6. Dezember, 20.15 Uhr, ZDF

car/ivb/news.de/dapd

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