Kölner «Tatort» Lesben-Liebe zwischen Hirschgeweihen

Nur keine Experimente: Nach dem verunglückten Jubiläums-Tatort aus Hessen übernehmen wieder die grundsoliden Kommissare Ballauf und Schenk. In einem Kölner Vorort erfriert ein Junge in einem Kühlhaus. Gelegenheit für schmerzhafte Einblicke in die gar nicht so idyllische Welt des bürgerlichen Mittelstands.

Tatort: Familienbande (Foto)
Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Baer) suchen nach einem vermissten Kind. Bild: WDR/Willi Weber

Ein Polizeieinsatz in Zeitlupe, Großaufnahmen von angsterfüllten Gesichtern – mit dramatischen Bildern beginnt Familienbande, der mittlerweile 48. Fall des Kölner Ermittlerduos. Regisseur Thomas Jauch und die Autoren Hans Werner und Peter Goslicki erzählen einen konventionellen Krimi in filmischer Standardsprache. Keine Sprünge in der Chronologie, keine inneren Monologe: Wer den Kölner Tatort einschaltet, weiß, was ihn erwartet. Solide Kärrnerarbeit ohne Schnickschnack, ein oder zwei Morde, die üblichen Vernehmungen, ein paar falsche Fährten und am Ende ein letzter Plausch bei Currywurst und Kölsch.

Neben ihren Kollegen aus München sind Ballauf und Schenk die Krimi-Dinos des deutschen Fernsehens. Aussterben werden sie aber wohl noch lange nicht. Gibt ja genügend soziale Brennpunkte, die bisher unbeackert geblieben sind. Und es gibt Vorstadthöllen, in denen hinter gelackten Fassaden hässliche Fratzen lauern. Und vermeintlich brave Bürger, die von Neid und Eifersucht innerlich zerfressen werden.

Tatort: Fakten zum Bundeskrimi

In herbstlich graue Bilder ist dieser Fall getaucht. Die Trostlosigkeit passt zum grausamen Tod des kleinen Mark. Der Junge ist auf einem einsam gelegenen Jagdhof in einem Kühlhaus erfroren. Ein Unfall oder Mord? Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) werden sich fast 90 Krimiminuten mit technischen Fragen zum Schließsystem der Kühlhaustür herumplagen, was auf die Dauer dann doch etwas ermüdend ist.

Ein Tatort voller Hass

Andererseits ist Familienbande ein Fall der großen Emotionen. Marks Vater Bernd Bürger (Mark Waschke) muss davon abgehalten werden, der Hofbesitzerin Iris (Anna Schudt) an die Gurgel zu springen. Da ist viel Hass im Spiel. Und Eifersucht. Später wird sich herausstellen, dass Bürgers Frau Nadja (Katharina Lorenz) schon seit Jahren ein Verhältnis mit der im Ort gemiedenen Wild- und Geflügelhändlerin hat.

Dieser Tatort ist insofern ganz bei sich, als er sich an seiner ureigensten Aufgabe abarbeitet und gesellschaftliche Missstände anprangert. Es geht um den Einbruch des scheinbar Fremden in eine abgeschlossene Welt. Der Film skizziert sie in wenigen, aber prägnanten Bildern. Da ist das herrschaftlich anmutende Haus der Bürgers, in dem Mutter Helene (Petra Kelling) über Firmen- und Familienangelegenheiten wacht. In der voll vertäfelten Dorfgaststätte wird getratscht und intrigiert. Und selbst im Einsiedlerhof der selbstbewusst ihre lesbische Liebe lebenden Iris Findeisen prangen überall Hirschgeweihe an den Wänden.

In diesem engen Mikrokosmos kochen die Gefühle hoch. Die Heftigkeit, mit der gelitten und gehasst wird, lässt nur wenig Platz für Zwischentöne. Es muss immer die ganz große Geste sein, entweder Schwarz oder Weiß. So kommt es, dass den Charakteren die Tiefe fehlt. Das Ensemble verausgabt sich zwischen nackter Wut und Selbstmordversuchen und findet erst zum Schluss zu schicksalsergebener Gelassenheit. Dem emotionalen Dauer-Tremolo passen sich auch die beiden Kommissare an. Sogar der sonst besonnene Ballauf poltert in den Vernehmungen los, während Kollege Schenk nebenbei noch mit den Nöten seiner allein erziehenden Tochter Melanie (Karoline Schuch) befasst ist.

In einem überflüssigen Nebenstrang ohne jede Anbindung zum Fall muss sich Papas Liebling ihre Hartz-IV-Bezüge erkämpfen. Einziger Grund für diesen Schlenker: Die diesmal eher unterbeschäftigte Kriminalassistentin Franziska Lüttgenjohann (Tessa Mittelstaedt) kommt so auch noch ins Spiel und darf als Begleiterin im Jobcenter eine comedyhaft überzeichnete Sachbearbeiterin in die Schranken weisen. Ein Kölner Tatort ganz ohne Sozialkitsch - das wäre wohl doch zu viel verlangt gewesen.

cvd/ivb/news.de

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Alexander Voronin
  • Kommentar 1
  • 05.12.2010 21:39

Der Jubiläumstatort war mitnichten "verunglückt"! Das war ein erstklassiger Tatort! Die dnews-Kritik hat vielleicht einen Rosamunde Pilcher-Film gesehen. Aber der Jubiläumstatort war allererste Sahne! Danke Ulrich Tukur.

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