«Lemon Tree» Das saure Leben

Lemon Tree (Foto)
«Bäume sind wie Menschen»: Salma (Hiam Abbass) und Mitarbeiter Abu (Tarik Copti) kümmern sich schon seit Jahrzehnten um die Bäume im Zitronenhain. Bild: Arte

Von news.de-Mitarbeiter Lutz Granert
Im Westjordanland besteht schon Jahrzehnte eine angespannte Koexistenz von israelisch und palästinensisch verwalteten Autonomiegebieten. Wie darin ein friedlicher Zitronenhain zum Politikum werden kann, erzählt der einfühlsame TV-Film Lemon Tree.

Die palästinensische Witwe Salma (Hiam Abbass) versteht die Welt nicht mehr. Neben ihrem Zitronenhain, den ihre Familie schon seit 50 Jahren bewirtschaftet, zieht der israelische Verteidigungsminister (Doron Tavory) ein. Da der Geheimdienst in dem Hain ein potenzielles Versteck für Terroristen und somit eine Bedrohung sieht, soll er komplett gerodet werden. Salma wird eine Entschädigung angeboten, doch sie zieht mit dem engagierten Anwalt Ziad Daud (Ali Suliman) bis zum Obersten Gerichtshof.

In Lemon Tree – am 2. Dezember auf Arte – sind Grenzen allgegenwärtig. Der Stacheldraht, der den Zitronenhain vom mit Überwachungstürmen gesäumten Anwesen des Verteidigungsministers trennt, ist nur die offensichtlichste. Im Kopf sind Palästinenser und Israelis noch stärker voneinander getrennt: im gegenseitigen Misstrauen nach über 60 Jahren einer von Konflikten und Gewalt geprägten, aggressiven Territorial- und Siedlungspolitik, Besatzung und Bedrohung. Die Angst um das eigene Leben ist der ständige Begleiter.

An ein «normales» Leben ist unter diesen Umständen nicht zu denken. Grenzübergänge sind geschlossen, andere Wege in der Grenzregion im Westjordanland, wo Lemon Tree spielt, sind versperrt. Ebenso verhält es sich mit der israelischen Justiz, die blind ist für das Anliegen der friedfertigen Witwe Salma, die sich ihrer Existenzgrundlage beraubt sieht.

Regisseur und Co-Autor Eran Riklis (Die syrische Braut) inszenierte Lemon Tree als Allegorie auf die Politik und die Psychologie der Menschen im Grenzgebiet. «Bäume», so heißt es im Film, «sind wie Menschen. Sie haben eine Seele und Gefühle». Sie haben Wurzeln in einem ganz bestimmten Boden, die nur mit großer Mühe ausgegraben werden können. Salma ist geblieben, hat sich um den Familienbesitz gekümmert. Ihr Mann ist gestorben (etwas mit dem Herzen), als er sich eine andere Beschäftigung suchen wollte. Ihr Sohn ist in die USA ausgewandert, in der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Doch gerechterweise wird auch der anderen Seite ein Gesicht gegeben. Die Verteidigungsminister-Gattin Mira (Rona Lipaz-Michael) entwickelt Empathie für Salma. Sie sind geeint in ihrer Einsamkeit, jedoch schon physisch voneinander getrennt durch den Stacheldraht. So verwundert es nicht, dass Lemon Tree am Ende einen zum nachdenklichen Tenor des Politdramas passenden Kompromiss findet, der keiner ist - für keine der beiden Seiten. Eine Vermittlung zwischen den beiden Parteien findet nicht statt, es werden nur mehr Mauern gebaut, die nicht einen, sondern trennen. Lemon Tree, dieses ebenso brisante wie nachdenkliche Politdrama, spiegelt die Lebensrealität im Nahen Osten beinahe schon ernüchternd wider.

Titel: Lemon Tree
Regie: Eran Riklis
Darsteller: Hiam Abbass, Doron Tavory, Ali Suliman, Rona Lipaz-Michael und weitere
Sendetermin: Donnerstag, 2. Dezember, 20.15 Uhr, Arte

car/ivb/news.de

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