Arte-Film-Festival Ein Werbefuzzi packt aus

39,90 (Foto)
Octave Parango (Jean Dujardin) führt dem Zuschauer vor, wie die Werbewelt funktioniert. Bild: Arte

Mit einem Angriff auf die Werbebranche und einer skurrilen Tragikomödie eröffnet Arte eine Film-Festival-Reihe anlässlich des 20. Geburtstags des deutsch-französischen Kultursenders. Zwei Wochen lang werden preisgekrönte Filme gezeigt.

Zur Jahrtausendwende wurde der Franzose Frédéric Beigbeder mit seinem Buch 39,90 quasi über Nacht berühmt - und arbeitslos: Ebenso schonungslos wie humorvoll schildert er darin die Welt der Werbung in ihrer ganzen Verlogenheit und Oberflächlichkeit bei der Manipulation der Käufermassen. Er wusste, wovon er schrieb, arbeitete er doch jahrelang als Werbetexter. Doch mit seiner literarischen Abrechnung war Schluss damit, er wurde gefeuert.

Als 2008 der Werbefilmregisseur Jan Kounen das Buch verfilmte, zeigte sich Beigbeder begeistert: Der Film sei ebenso wenig beschönigend, gleichzeitig aber unterhaltsam wie sein Buch. Arte zeigt 39,90 am Montag, 22. November, um 21.40 Uhr erstmals im deutschen Free-TV und eröffnet damit eine Film-Festival-Reihe zum 20-jährigen Bestehen des Senders.

Im Mittelpunkt steht der erfolgreiche Werber Octave (Jean Dujardin). Sein Motto: Höher, schneller, weiter - oder auch mehr, mehr, mehr. Im Dreieck zwischen Sex, Drogen und Alkohol bewegt sich sein Leben, immer rasant, immer nah am Abgrund. Nur seine Selbstverliebtheit übertrifft noch seine manische Rastlosigkeit. Der Schönling mit dem Ruf eines Genies gibt sich oberflächlich und zynisch, so glatt und unwirklich wie die makellose Welt der Werbespots, die er unters Volk bringt. Doch eines Tages ist Schluss damit und Octave lässt die große Blase der Werbe-Scheinwelt platzen.

«Alles ist käuflich: die Liebe, die Kunst, der Planet Erde, Sie, ich.» Mit dieser niederschmetternden Erkenntnis bringt Octave seine Verzweiflung auf den Punkt. Dabei hat er seine Werbebotschaften verinnerlicht, trägt nur die aktuellsten Designer-Klamotten, kauft Autos, die noch gar nicht auf dem freien Markt zu haben sind und hat dem Rest der Welt immer etwas voraus. «Wenn Sie genug gespart haben, um Ihr Traumauto zu kaufen, habe ich Ihren Traum schon überholt», sagt er süffisant. «Ich tue alles, damit Sie frustriert sind.» Auch in der Liebe gibt er gerne an und verführt die begehrtesten Models.

Ein bisschen schafft es Octaves hübsche Kollegin Sophie (Vahina Giocante), die glatte Schale zu durchbrechen. Er verliebt sich in sie, doch als sie ein Kind von ihm erwartet, lässt er sie eiskalt abblitzen. Seine Enttäuschung über die verlorene Liebe betäubt er mit noch mehr Drogen.

Doch dann wird ihm schlagartig klar: Nicht Sophie, sondern er selbst ist das Problem - und prompt gerät seine Welt aus den Fugen. Als die Zweifel immer stärker werden, stellt er sein bisheriges Leben infrage. Auch die Prostituierte Tamara (Elisa Tovati), die seine Firma für einen Joghurt-Spot anwirbt, spornt ihn dazu an. Eines Tages beschließt er, den Werbezirkus öffentlich bloßzustellen. Eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen, wie er bald feststellen muss.

Regisseur Jan Kounen hat das Buch sehr ideenreich und spannend umgesetzt. «Ich bin ein Kind dieser schnellen, lebendigen Welt. Ein Techno-Freak», sagte er damals. Im Film habe er das einfließen lassen. Sein Streifen ist wie ein einziger langer Werbespot - gegen die Macht der Werbung und des Konsums, mal vergnüglich, mal bedrückend oder gar niederschmetternd.

Vor 39,90 wird die skurrile Tragikomödie O' Horten ausgestrahlt. Der Film folgt dem Alltag des verschrobenen Odd Horten, der fast 40 Jahre Lokführer war und seine letzte Dienstfahrt verschläft.

39,90, Montag, 22. November, 21.40 Uhr, Arte.
O' Horten, Montag, 22. November, 20.15 Uhr, Arte.

Alle Beiträge zum Film-Festival von Arte gibt es auf der Homepage des Senders: arte.de.

car/ivb/news.de/dpa

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Christine Hecker
  • Kommentar 1
  • 23.11.2010 18:43

Ein wunderbarer Film der lange nachhallt. Leider kommen derartige Filme viel zu selten im Fernsehen und Kino. Hier in unserem kleinen Städtchen werden fast ausschließlich amerikanische Filme im Kino gezeigt, die einfach oft nur oberflächlich, brutal und wirklichkeitsfremd sind. Hauptsache die Top-Stars X,Y,Z spielen mit (dabei gefallen die mir meistens noch nicht einmal). Zum Glück gibt es also noch den Französischen Film und zum Glück gibt es Arte.

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig