Kuttner & Kavka «Ich war mehr Mädchen, als Sarah es je sein wird»

Frau Kuttner & Herr Kavka (Foto)
Frau Kuttner & Herr Kavka ist eine vierteilige Reportage über das Rollenbild von Frau und Mann in der Gesellschaft. Der Selbstversuch mit einem Augenzwinkern. Bild: ZDF und Jana Kay

Von news.de-Mitarbeiterin Angelika Megyesi
Ist der Mann erst ein Mann, wenn er den Helden spielt? Muss eine Frau strippen und auf Kommando weinen können? Mit news.de sprechen Sarah Kuttner und Markus Kavka über ihre neue Sendung und warum sich Kavka zierte, im Knast zu duschen.

In eurer neuen Sendung Frau Kuttner & Herr Kavka geht es um die Rollenverteilung von Mann und Frau in der Gesellschaft. Ist diese Thematik nicht fast schon abgedroschen? 

Kuttner: Die Frage ist ja immer, wie macht man so etwas? Macht man es wie ein Mario Barth oder wie Alice Schwarzer oder macht man es zu seinem eigenem Ding? In erster Linie lebt diese Sendung davon, dass zwei Menschen, von denen man ein relativ lässiges Bild hat, bei Sachen zuschaut, die denen eigentlich nicht stehen und die vielleicht auch nicht typisch für sie sind, und im besten Fall sieht man die vielleicht sogar scheitern.

Kavka: Ja, ich gebe dir da schon recht, wenn du sagst, dass die Frau-Mann-Thematik ein reichlich beackertes Feld ist. Ich habe bei den Drehs für mich persönlich auch viel mitgenommen bei Sachen, über die ich vorher nicht viel nachgedacht habe und die ich auch noch nie gemacht oder erlebt habe. Da wurde auch meine eigene Denke über die Frau-Mann-Thematik wieder befeuert und ich hoffe, dass es uns beiden gelingt, dies auch bei den Zuschauern zu erreichen. Es ist ja keine streng wissenschaftliche Sendung, die wir da machen - es ist reines Unterhaltungsfernsehen.

Von Viva ins Kino
Früher VJ - heute Star
Charlotte Roche Milka Loff Fernandes Jessica Schwarz (Foto) Zur Fotostrecke

In der Sendung stellt ihr Rollenklischees dar, wie der Mann als Jäger und die Frau als Verführerin. Was erwartet ihr denn von euch selbst oder von euren Partner hinsichtlich der Rollenverteilung in einer Beziehung?

Kuttner: Na, das ist ja das Spannende: Alle Sachen, die wir vorhatten - eine Frau sollte strippen und der Mann sollte jagen können - da war von vornherein klar, dass wir das so nicht sehen. Wir wollten dann trotzdem einfach mal gucken, wie es ist, wenn man sich dieser Sache anpasst. Im Grunde sind diese Ergebnisse ja auch fast vorhersehbar. Nämlich, dass wir nicht finden, dass sich eine Frau mit Federboa und Neon-Unterwäsche megaheiß bewegen können muss. Das gilt dann natürlich auch in unserem Privatleben. Ich würde im Leben nie auf solche Art und Weise strippen. Ich glaube, die Erwartungen von seinem Partner sind dann viel weniger von Klischees- oder Rollenverständnis geprägt. Der Mann, der mich glücklich macht, muss einfach ein Selbstbewusstsein haben, lustig und ein guter Mensch sein. Er muss wissen, wer er selber ist und wer ich bin, und damit umgehen können.

Frau Kuttner & Herr Kavka
Sarah und Markus im Selbstversuch
Video: YouTube

Kavka: Mir ist auch wichtig, dass in einer Beziehung eine Gleicheinigkeit herrscht. Und dass so eine Beziehung auch viel mit Kommunikation zu tun hat und nicht von Dingen bestimmt wird, die die Gesellschaft einem aufzudrängen versucht. Gerade dieser spielerische Umgang mit diesen Klischees hat mich bestätigt, in welcher Art und Weise ich meine Beziehung nicht führe.

Verspürt ihr nicht selber manchmal den Druck, jetzt besonders männlich oder besonders weiblich sein zu müssen?

Kuttner: Vielleicht sind wir in der Hinsicht auch gar nicht die Richtigen, um darüber Aussagen zu treffen. So traurig das vielleicht für alle klingt, ich verspüre keinen Druck, mir ist dann wirklich auf einer Hippie-Ebene wichtiger, dass Menschen ganz allgemein, ob Jungs oder Mädchen, mit sich im Reinen sind. Dass Klischees einen Wahrheitsursprung haben, ist ja vollkommen klar. Ganz viele Sachen kann ich davon auch für mich beanspruchen, außer z.B. kochen - das kann ich überhaupt nicht, möchte das aber eigentlich gerne können. Aber ich gehe auch gerne einkaufen, weine relativ häufig und ich habe auch Angst vor Spinnen und all das.

Kavka: Ich glaube, ich war lange Jahre mehr Mädchen als Sarah es jemals sein wird (beide lachen). Ich habe alle meine Beziehungen eigentlich nur so geführt, dass ich die Frau auf Händen trug und meine Bedürfnisse total hinten anstellte. Ich habe aber eine Menge dazu gelernt und ich schäme mich jetzt auch gar nicht mehr zu sagen, dass ich als Mann mit 43 Jahren auf Fußball, schnelle Autos und Frauen stehe (beide lachen) - das hätte ich vor 20 Jahren nicht über die Lippen gebracht. Aber die Art, wie man dann an diese Sache rangeht, ist entscheidend. Ich versuche so respektvoll wie möglich meine Bedürfnisse auszuleben und bin jetzt endlich an einem Punkt, an dem mir das gelingt - ich habe lange daran gearbeitet.

Kuttner: Da sind wir wirklich unterschiedlich, das hatte ich nie. Ich bin in einem Haushalt mit einer lauten Mutter groß geworden, die immer klar gemacht hat: wenn was ist, macht man die Fresse auf und wenn man was will, sagt man Bescheid und sorgt dafür. Insofern hab ich mein ganzes Leben lang so gelebt, manchmal vielleicht auch zu viel. Aber ich hatte nie das Gefühl, mich irgendwie finden zu müssen. Es war immer klar, dass ich zufrieden sein muss, genau wie mein Gegenüber auch. Ich musste, glaube ich, weniger kämpfen als Markus.

Kavka: Bei mir war es lange so, dass ich dachte, das Mädchen muss zufrieden sein und ich muss alles dafür tun.

Kuttner: Naja Markus, es wäre schon schön, wenn das Mädchen zufrieden ist.

Kavka: Ja natürlich, aber da muss sie auch ein bisschen selbst was dafür tun (beide lachen).

Denkt ihr, dass sich die Klischees über die letzten Jahre verändert haben oder dass es sogar einen regionalen Unterschied gibt zwischen, sagen wir mal, Berlin und Bayern?

Kavka: Ah, weil ich aus Bayern bin und Sarah aus Berlin (lacht). Na gut, da kommt dann auch noch dazu, dass ich aus einem ganz speziellen Teil aus Bayern bin - ich komme vom bayerischen Dorf. Da wurde ich schon komisch angeguckt, wenn ich mit 18 noch keine feste Freundin hatte, die ich zwei Jahre später schwängere und ein Jahr später heirate. Und so ist es wirklich, alle Leute, die damals mit mir auf die Schule gegangen sind, sind größtenteils im Dorf geblieben, haben zwei, drei Kinder - war nicht mein Lebensentwurf damals. Meine Eltern hatten da lange dran zu kauen, bis dann endlich mal mein Bruder gesagt hat: ok, dann mach ich jetzt mal ein Enkelchen - da hatte ich dann den Arsch frei (lacht). So habe ich jetzt noch mal ein paar Jahre gewonnen, um dann den Idealvorstellungen meiner Eltern zu entsprechen. Mittlerweile sehe ich mich jetzt auch eher als Großstädter. Es bestehen schon Unterschiede in Klischees und Geschlechterrollen, wenn man in einer Metropole wie Berlin aufwächst oder in einem 500-Einwohnerdorf in Bayern.

Lesen Sie auf Seite 2, warum Markus mehr leiden musste als Sarah.

In der Sendung probiert ihr gängige Klischees zu Geschlechterrollen aus. Gab es eine Aufgabe, die ihr ganz besonders schlimm und unangenehm fandet, sogar überredet werden musstet und so nicht wieder machen würdet? Bei Ihnen, Sarah, kann ich mir vorstellen, was es war...

Kuttner: Was war's?

Als Sie strippen mussten.

Kuttner: (lacht) Das stimmt. Erfahrungsgemäß denken immer alle, dass die Spinnen für mich am schlimmsten waren, aber im Grunde war es wirklich das Strippen. Aber ich glaube Markus hatte viel härter zu kämpfen (lacht), weil er die ganzen krassen Sachen machen musste, die wieder ganz typisch für das Rollenverständnis von Mann und Frau ist. Von Männern werden immer gleich so Megasachen erwartet wie beispielsweise auf der Stelle zu explodieren, durchs Feuer rennen und im Knast sein. Während ich eher leichte Aktionen machen musste.

Kavka: Überreden - oder tatsächlich zwingen - musste man mich eine Nacht im Knast zu verbringen. Und da dachte ich auch noch, ich komme noch raus aus der Nummer. Wir haben bei verschiedenen Justizvollzugsanstalten angefragt und die meisten haben sofort abgewunken und gemeint wir hätten sie nicht alle hier mit irgend so einem Kamerateam rumzuhirschen. Dann haben zwei doch schon mal zu- und in letzter Sekunde wieder abgesagt, weil das aus Sicherheitsgründen nicht gehen würde. Da dachte ich schon: ‹Ha, raus aus der Nummer!› Doch in letzter Sekunde hat dann die JVA Dresden gesagt: «Ja, klar, mach mer.» (beide lachen). Und ich habe mir nur gedacht: Scheiße, muss ich das wirklich tun? Auf eine Nacht im Knast hat man aus verschiedenen Gründen einfach keinen Bock, das macht keinen Spaß eingesperrt zu sein. Und diese romantische Vorstellung, dass ein Mann mal eine Nacht im Knast sein muss, das ist ja eher auf eine Ausnüchterungszelle bezogen. Auch dieses Bad-Boy-Image, das dem ganzen vorausgeht, das war hier nicht gegeben. Ich war ein ganz normaler Straffälliger. Als ich da eingecheckt habe, musste ich alle meine Sachen abgeben, kam in eine Einzelzelle und wurde dann einfach weggeschlossen.

Aber duschen mussten Sie nicht im Knast?

Kavka: (lacht) Nee, hätte ich gekonnt, aber es ist natürlich schon so, dass man keine lustige Wellness-Einzeldusche hat, sondern sich mit 20 anderen Jungs dort wäscht. Und da hatte ich auch keinen Nerv drauf.

Kuttner: Also hast du dich gar nicht gewaschen im Knast? Pfui!

Kavka: Ich hatte da ein Waschbecken und Katzenwäsche gemacht und auf Zelle Zähne geputzt (lacht). Aber diese Puppe bei dieser Zimmerbrandsimulationsanlage in einer lodernden Feuersbrunst bei 1000 Grad rauszuholen, da habe ich mir auch kurz gedacht, was machst du hier eigentlich? Das sind schon Sachen, bei denen ich mich jetzt nicht freiwillig melden würde. Aber im Nachhinein muss ich sagen, dass gerade dieser Tag bei der Feuerwehr oder auch mal selbst ein Sportflugzeug zu fliegen oder eben im Knast zu übernachten - das sind schon die Sachen in diesem Jahr, bei denen ich dann das meiste zu erzählen habe.

Wäre es nicht auch interessant gewesen, wenn ihr die Rollen getauscht hättet, dass Markus das macht, was von Frauen erwartet wird und umgedreht.

Kuttner: Wir haben uns tatsächlich überlegt, ob das nicht noch interessanter wäre, aber das war uns dann am Ende doch irgendwie - vielleicht auch zu platt. Es ging ja darum, dass ich eine Frau bin und von Frauen wird das und das erwartet, also teste ich mal, ob ich das abliefern könnte und ob mir das Spaß macht - das fanden wir dann realistischer.

Die Mutter einer Exfreundin sagte mal zu Ihnen, Markus, dass die Männer in der heutigen Zeit so oder so verloren hätten. Das passt ja auch ganz gut in die derzeitige Feminismus-Debatte zwischen Familienministerin Schröder und Frauenrechtlerin Alice Schwarzer. Denkt ihr, dass es Jungs heutzutage schwerer haben?

Kavka: Ich sehe die Gefahr nicht so groß. Solange wir auch noch schwarz auf weiß haben, dass Frauen nach wie vor weniger verdienen und es weniger Frauen in Führungspositionen in großen Unternehmen gibt, ist der Gleichstand, der angestrebt wird, immer noch nicht gegeben. Diese Aussage damals, die hatte ich auch darauf bezogen, dass Männer so ein bisschen ihre Rolle finden müssen, weil dieses klassische Bild der Männer in den 1950er, 1960er Jahren - Mann geht arbeiten, Frau kriegt Kinder und kocht - existiert so nicht mehr. Man muss auch immer gucken, dass man eine Partnerschaft mit zwei gleichgestellten Personen führen kann.

Kuttner: Man darf ja auch nicht vergessen, dass das nahezu Jahrtausende anders war. Und in den letzten 40 Jahren hat sich das gedreht. Und natürlich sind wir noch nicht soweit, dass Mann und Frau tatsächlich gleichberechtigt sind, aber es hat sich etwas getan. Zumindest kann ich verstehen, dass die Männer ein bisschen verwirrt sind und nicht so richtig hinterherkommen. Dass sie aber jetzt komplett orientierungslos sind und überhaupt nicht mehr wissen ab wann ein Mann ein Mann ist und nicht mehr wissen wie sie sich benehmen sollen, das finde ich dann ehrlich gesagt so ein bisschen Quatsch.

Sarah Kuttner und Markus Kavka starteten ihre Fernsehkarrieren bei den Musiksendern Viva und MTV. Neben Moderationen wie auf der Berlinale 2006, veröffentlichte Kuttner zwei Kolumnensammlungen und den Roman Mängelexemplar. Auch Kavka ist als Autor tätig und veröffentlichte drei Bücher. Er arbeitet seit Jahren als DJ und Moderator.


Frau Kuttner & Herr Kavka - vierteilige Reportagenreihe zu Rollenklischees am Donnerstag, 25. November, und Freitag, 26. November, 22.25 Uhr, 3sat. Die Folgen drei und vier werden am 2. und 3. Dezember ausgestrahlt.

ruk/news.de

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig