Mathe bei Maischberger Marsmännchen auf dem Hühnerhof

Sendung: Menschen bei Maischberger (Foto)
Der Ausfschwung ist da, trotzdem nörgeln alle an der Regierung herum. Maischberger diskutierte darüber mit Politikern und Journalisten. Bild: ard

Von news.de-Redakteur Martin Walter
Glatte Themaverfehlung: Eigentlich wollte Sandra Maischberger mit ihren Gästen über den «Aufschwung XXL» reden, und warum trotzdem alle an der Regierung herumnörgeln. Stattdessen gab es eine verwirrende Mathematikstunde zur Arbeitsmarktsituation.

Die besten Arbeitsmarktzahlen seit 18 Jahren, eine boomende Wirtschaft und steigende Löhne. Deutschland befindet sich im Aufschwung - und keiner scheint es zu merken. Diesem Phänomen wollte Sandra Maischberger nachgehen und holte sich dafür hochkarätiges Politpersonal auf ihre roten Sofas. Mit Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, Daniel Bahr von der FDP und Klaus Ernst, dem Parteivorsitzenden der Linken war die politische Farbpalette beinahe komplett vertreten. Nur die Grünen, die derzeit vor Stimmenkraft kaum laufen können, waren bedauerlicherweise nicht geladen. Stattdessen ergänzten Manager Georg Kofler und stern-Journalist Hans-Ulrich Jörges die Runde.

Die Sendung war noch keine zehn Minuten alt, da war es schon um sie geschehen. Klaus Ernst hatte wieder einmal sein Lieblingswort ausgepackt und alle machten mit: Mindestlöhne. Statt einer sachlichen Debatte zum eigentlichen Thema der Sendung geriet die Diskussionsrunde einmal mehr zu einer Wahlkampfveranstaltung. In diesem Fall mit dem Thema Arbeitsmarktpolitik: Mindestlöhne, Leiharbeit und Ein-Euro-Jobber, Langzeitarbeitlosigkeit, Demographischer Wandel und Unterbeschäftigung.

Vom Stammtisch zu Maischberger

Vergeblich versuchten da die Nichtpolitiker Kofler und Jörges zu intervenieren. Es löse keine Probleme, wenn nur über Definitionen geredet werde, prangerten sie den «parteipolitisch motivierten Hickhack» und «das kleine Hühnerhof-Gehacke» der Politiker an. Doch von Sandra Maischberger erhielten sie keine Unterstützung. Auch sie schien sich mit dem Thema Mindestlohn und dem Verlauf der Diskussion anfreunden zu können, und plötzlich vergessen zu haben, dass das eigentliche Thema «Aufschwung XXL – warum nörgeln wir an Schwarz-Gelb?» gelautet hatte. 

Stattdessen: Zahlen, Daten und Statistiken. Kaum mehr ein Statement, dass ohne wenig einleuchtende Zahlenspiele auskam. Jeder Rechnung musste ein Gegenbeispiel folgen, sonst hätte der Zuschauer ja dem vorangegangenen Glauben schenken können. Drei Euro Tariflohn für den Frisör im Osten, ein Leiharbeiteranteil von 2,7 Prozent, 0,04 Euro pro Tag für die Bildung Arbeitsloser, 0,3 Prozent weniger Rente in der Zukunft. Eine Statistik wurde mit der nächsten Zahlenkolonne ad absurdum geführt, eine Prozentangabe folgte der anderen. Die Zahlenspiele gerieten immer wahnwitziger.

Setzen, sechs!

Die meisten Pluspunkte bei dieser «Matheeinheit» konnte da noch Ursula von der Leyen sammeln. Das lag aber weniger an inhaltlich überzeugenden Argumenten, als an ihrer besonnenen Art. Sich neben einem Poltergeist wie Klaus Ernst abzuheben, der direkt von einem bayerischen Stammtisch zu Maischberger ins Studio gekommen schien, ist allerdings wahrlich kein Hexenwerk. Nur einmal verlor auch die siebenfache Mutter kurzzeitig die Contenance und echauffierte sich über einen Einspieler der Maischberger-Redaktion: «So ein Schmarrn! Das hätten die besser recherchieren können.»

Dagegen tat der Parteivorsitzende der Linken alles, um sich auch wirklich die Rolle des Klassenclowns zu sichern. Beinahe mitleidig wurde dem aufbrausenden Bayer zwischendurch von der Arbeitsministerin die Hand getätschelt und von Jörges auf die Schulter geklopft. Als Ernst den Manager Kofler seine Exporte «auf den Mars zu den Marsmännchen» schicken lassen wollte, griff die überfordert wirkende Lehrerin Maischberger zum Glück endlich ein. Die konfuse Diskussion wäre sonst völlig aus dem Ruder gelaufen.

Spätestens an dieser Stelle wäre man gerne ins Klassenzimmer gesprungen und hätte der Runde zugerufen: «Thema verfehlt, setzen, sechs!» Doch während Jörges und Kofler unermüdlich versuchten, dem parteipolitischen Treiben entgegenzuwirken, lieferten absurderweise die vier Politiker doch noch eine Antwort auf die ursrpünglich gestellte Frage. Allerdings unfreiwillig. Als Protagonisten einer 75-minütigen Demonstration, die zeigte, weshalb die Regierung bei den Bürgern im Lande nicht mehr punkten kann. Statt einer klaren Politik verrennen sich die Parteien in innerkoalitionären und oppositionellen Grabenkämpfen.

«Wir haben durch die Uneinigkeit Vertrauen verspielt», musste von der Leyen am Ende kleinlaut attestieren. Die Tonart innerhalb der Koalition sei zwischendurch nicht in Ordnung gewesen. Und so schien sich über den Verlauf der gestrigen Matherunde auch nur eine Partei wirklich freuen zu können. Und die saß als einzige gar nicht mit am Tisch.

boi/news.de

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig