Papst Pius XII. Unschuldslamm Gottes?

Die Rolle von Pius XII. in der NS-Zeit ist bis heute umstritten. Kritiker werfen ihm ein zu zögerliches Verhalten gegen Hitler und die Judenverfolgung vor. Der Bayerische Rundfunk, der Papstsender in der ARD, widmet dem Pontifex einen sehenswerten Zweiteiler.

Versager oder Heilsbringer? Pius XII. im jüdischen Ghetto von Rom. (Foto)
Versager oder Heilsbringer? Pius XII. im jüdischen Ghetto von Rom. Bild: BR/Moris Puccio/Lux Vide

Eugenio Maria Giuseppe Giovanni Pacelli wird am 2. März 1939, seinem 63. Geburtstag, zum 261. Nachfolger auf den Stuhl Petri gewählt. Zuvor hat er als Kardinalstaatssekretär, sozusagen als Außenminister von Papst Pius XI., zwar das Konkordat mit Hitler-Deutschland unterzeichnet, in welchem sich der Vatikan zu politischer Neutralität verpflichtet. Aber er ist auch maßgeblich an der Formulierung der päpstlichen Enzyklika «Mit brennender Sorge»Das päpstliche Rundschreiben nahm kritisch zur Politik und Ideologie des Nationalsozialismus Stellung. beteiligt, für viele der mutigste Angriff des Papsttums auf das Hitler-Regime.

Die Haltung von Papst Pius XII. in den Jahren vor und während des Zweiten Weltkriegs wird vor allem seit Rolf Hochhuths Drama Der Stellvertreter (1963) kontrovers diskutiert. Der Vorwurf: Pius XII. habe über den HolocaustDurch systematische Verfolgung haben die Nationalsozialisten in fast ganz Europa bis 1945 etwa sechs Millionen Menschen umgebracht. Heute ist Holocaust (abgeleitet vom griechischen Wort «holokaustos» für «völlig verbrannt», «Brandopfer») der Begriff für diesen in der Geschichte einzigartigen Völkermord. Die meisten Opfer waren Juden. geschwiegen - aus Gleichgültigkeit, Deutschfreundlichkeit oder Kommunistenangst. Dem umstrittenen Papst widmet die ARD jetzt einen Zweiteiler - zu sehen am 1. November ab 20.15 Uhr im Ersten.

James Cromwell (Detektiv Rockford - Anruf genügt, Magnum) spielt diesen zweifelhaften und verzweifelnden Mann der Kirche mit großer Charaktertiefe. Als am 16. Oktober 1943 in dem von den Deutschen besetzten Rom die Razzia gegen das jüdische Ghetto beginnt, bittet er Gott im Zwiegespräch um Beistand gegen den «Satan» Hitler: «Das Christentum verachtet er. Und er missachtet die Gleichheit aller Menschen. (...) Bist du ein Mensch oder etwas anderes?»

Zwischen Schweigen und Protestieren

Cromwell zeigt die moralische Unsicherheit, die Pius quält, hin- und hergerissen zwischen Schweigen und Protestieren. Fast greifbar wird diese Qual, wenn ihm der polnische Botschafter ins Gewissen redet mit Sätzen wie «Stellen Sie sich vor, später sage die Welt, Sie wären ein Komplize gewesen.» Dennoch greift Pius nicht selbst ein, sondern beauftragt seinen Kardinal Luigi Maglione, den Vatikan-Botschafter Ernst von Weizsäcker, Vater des späteren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, einzubestellen und ein Ende der Aktionen zu verlangen.

Erzählt werden die dramatischen Ereignisse, während denen der Papst von der Wehrmacht entführt werden soll, anhand des Schicksals der 22-jährigen Miriam (Alessandra Mastronardi), die mit ihrem kleinen Bruder Riccardo und ihrem Vater Armando (Andrea Tidona) im jüdischen Ghetto der Ewigen Stadt lebt. Armando betreibt in seiner Buchhandlung eine kleine Druckerei, in der er gefälschte Pässe für jüdische Bürger herstellt.

Zwei Männer buhlen um seine Tochter: der Schwarzhändler Davide und der Student Marco, der sich den italienischen Partisanen anschließt. Als Marco in ein Feuergefecht mit den deutschen Soldaten gerät, rettet ihm ausgerechnet Davide das Leben. Die beiden finden Unterschlupf in einem Kloster, doch ihrer Freundschaft steht Miriam im Wege.

Mengele sortiert die arbeitsfähigen Juden aus

Neben dieser fiktiven Leidens- und Liebesgeschichte ist der Film auf der Ebene der Fakten eine sehr gute Geschichtsstunde. Die handelnden Protagonisten sind allesamt historisch verbürgt: die Wehrmachtsgeneräle Stahel und Wolff ebenso wie Pater Pankratius Pfeiffer, der als eine Art römischer SchindlerOskar Schindler rettete etwa 1200 Juden aus Polen und der Tschechoslowakei durch Anstellung in seinem Betrieb das Leben. hunderten Juden und Widerstandskämpfern zur Flucht verhalf und im Auftrag von Pius zwischen den NS-Kommandeuren und dem Vatikan vermittelte.

Die fast 1000 verhafteten Juden Roms werden tatsächlich vom Bahnhof Tiburtina aus nach Auschwitz deportiert. Dort mustert KZ-Arzt Josef MengeleMengele war als "Todesengel von Auschwitz" berüchtigt für seine grausamen und menschenverachtenden medizinischen Experimente an KZ-Häftlingen, bei denen die Opfer meistens ermordet wurden. Nach dem Krieg floh er aus Deutschland, wurde weltweit verfolgt, 1960 vom israelischen Geheimdienst in Südamerika entdeckt, aber nicht gefasst. weniger als ein Fünftel als arbeitsfähig aus, den Rest schickt er in die Gaskammern.

Eine der wenigen Überlebenden erhebt später Anklage gegen Pius XII. Er habe es unterlassen, auch nur ein einziges Kind zu retten. Andererseits erhält Pius nach der Befreiung Roms durch die Alliierten zahlreiche Dankschreiben von jüdischen Organisationen. Denn nach der Deportation der Juden aus Rom leitet Pius einen Kurswechsel ein und rettet Schätzungen zufolge mindestens 4500 Juden durch die Gewährung von Kirchenasyl das Leben. Dabei könnten ihm die Worte von Pater Pfeiffer Richtschnur gewesen sein. Der versuchte General Wolff von der Deportation der Juden mit folgenden Worten abzubringen: «Wenn gute Menschen nichts tun, wächst das Böse.»

Titel: Pius XII.


Regie: Christian Duguay

Darsteller: James Cornwell, Allessandra Mastronardi, Marco Foschi, Ettore Bassi, Miquel Herz-Kestranek, Ken Duken
Sendetermin: Montag, 1. November, 20.15 Uhr Teil 1, 21.45 Uhr Teil 2, Das Erste

voc/ivb/news.de

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Borronerie
  • Kommentar 1
  • 29.06.2011 19:23

Die Ankläger von Pius XII haben wohl nicht sehr gut geprüft und offensichtlich nur behauptet das der Papst hätte mehr tun können. Aus sicherer Entfernung oder noch zu jung um wirklich diese schreckliche Hitlerzeit erlebt zu haben und ohne zu Wissen, wie ohnmächtig jeder war und wie radikal die Schergen durchgegriffen haben. Die vielen Juden, die durch Pius gerettet wurden, hätte es dann nicht mehr gegeben.Nachweislich! Und nur Vorwürfe auszuschreien, " könnten es nicht einbisschen mehr gewesen sein?".Wieviele haben den die Kritiker gerettet und wo waren sie, die Großmäuler!!

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