Christoph Maria Herbst Eine fleischgewordene Rasierklinge

Christoph Maria Herbst (Foto)
Nach Stromberg ist er jetzt Kreutzer: Christoph Maria Herbst. Bild: Pro7

Von news.de-Mitarbeiterin Cornelia Wystrichowski
Die Rolle als fieser Bürotyrann machte Christoph Maria Herbst berühmt, gerade bekam der 44-Jährige den Comedypreis. Jetzt wird der Serienstar TV-Kommissar. Im Interview spricht er über extreme Rollen und die therapeutische Wirkung von Stromberg.

Herr Herbst, gerade wurden Sie mit dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnet, jetzt gehen Sie unter die TV-Kommissare. Würde Sie auch eine Rolle als Tatort-Ermittler reizen?

Herbst: Leider ist noch nie jemand auf die Idee gekommen, mich zu fragen, und deshalb mache ich jetzt mit Kreutzer ganz einfach meinen eigenen Krimi. Aber mal im Ernst: Als Ermittler in Polizeiruf 110 oder Tatort sehe ich mich eher nicht, da steht man als Schauspieler doch immer im Schatten der Marke. Einen einzigartigen Ermittler wie Kreutzer könnte man im Tatort nie umsetzen, und diese Figur ist für mich ein großes Geschenk, so wie damals Stromberg.

Christoph Maria Herbst
Stromberg und Kreutzer - die besten Sprüche

Stromberg ist ein intriganter Bürotyrann, und Kommissar Kreutzer kann auch ganz schön gemein sein. Macht es Ihnen eigentlich Spaß, immer solche Fieslinge zu spielen?

Herbst: Kreutzer ist mit seiner Schläue ja ganz anders als Stromberg, der immer welpenhaft über seine eigenen Beine purzelt und sich permanent Fettnäpfchen in den Weg stellt, um dann prompt reinzulatschen. Das macht sehr viel der Komik aus. Bei Kreutzer ist das kein Thema. Der ist schlauer als die üblichen Verdächtigen, schlauer auch als das Publikum – wie er auf bestimmte Dinge kommt, bleibt im Verborgenen. So eine fleischgewordene Rasierklinge zu spielen, einen Macher, der mit dem Florett ficht und nicht wie Stromberg mit der Keule um sich haut, das ist schon klasse. Was beiden gemeinsam ist: Sie sind extrem. Offenbar sind die Zuständigen der Ansicht, dass Figuren dieser Art bei mir in den richtigen Händen sind.

Sind solche Ekel für Sie auch ein Ventil, um mal richtig Dampf abzulassen – statt immer nur nett und höflich zu sein?

Herbst (lacht): Tatsächlich bin ich die Ruhe selbst, wenn ich von einem Stromberg-Drehtag nach Hause komme, weil ich eine Menge an negativer Energie am Set lassen konnte. Das hat teilweise schon eine autotherapeutische Wirkung. Überhaupt stelle ich fest, dass mich die Beschäftigung mit einem fiktiven Charakter während der Drehzeit immer ein bisschen verändert, in homöopathischen Dosen nehme ich Wesenszüge dieser Rolle an. Aber natürlich weiß ich immer, wo die Figur aufhört, meine Freundin und meine Familie müssen mich abends nach Drehschluss also nicht in eine kleidsame Zwangsjacke stecken und wegsperren.

Angenehm für Ihre Mitmenschen ist auch die Tatsache, dass Sie als Kreutzer nicht den Klobrillenbart Strombergs tragen ...

Herbst: Absolut! Damals war es ja meine Idee, Stromberg mit Halbglatze und diesem unsäglichen Bart auszustatten. Überhaupt habe ich in den letzten Jahren viele Rollen gespielt, die sehr mit den Mitteln der Mimikry gearbeitet haben, in meinen Figuren bin ich ja meistens kaum zu erkennen. Für meine Rolle als Don Quijote in einem Sat.1-Film saß ich jeden Morgen zwei Stunden in der Maske, um mich in einen alten Mann zu verwandeln. Den Kreutzer wollte ich mätzchenfrei spielen, ohne äußeren Tand – ohne Dreitagebart, Perücke mit Mittelscheitel oder angeklebtem Schnauzer, auch nicht prätentiös in schwarzer Kleidung. So wie ich da zu sehen bin, das bin ich schon ziemlich pur.

Das Besondere an Kommissar Kreutzer ist ja, dass er völlig skrupellos ist und jeden Verdächtigen ohne Rücksicht auf Verluste bis aufs Blut provoziert – bis derjenige endlich die Maske fallen lässt.

Herbst: Der Zweck heiligt für ihn die Mittel. Um der Wahrheit näher zu kommen, behauptet er mal, er wäre schwul, mal gibt er sich als Kokser aus, mal flirtet er die Barfrau an. Weil Kreutzer den anderen fast schon chamäleonhaft ständig was vormacht, hatte ich jeden Drehtag das Gefühl, eine andere Figur zu spielen. Die Gelegenheit, die Facetten eines Charakters so aufzublättern, hat man als Schauspieler sonst fast nie – womit wir im Grunde wieder beim Thema Tatort-Ermittler wären. Oder denken Sie nur an Derrick, der war doch gefühlte 50 Jahre lang immer derselbe. Das würde mich als Schauspieler zu Tode langweilen.

Sie haben den Pilotfilm zu Kreutzer während des laufenden Betriebs in einem Berliner Nobelhotel gedreht. Wie viele Stromberg-Autogramme mussten Sie während der Dreharbeiten geben?

Herbst: Ich musste Autogramme geben und wurde auch oft als Stromberg angesprochen. Aber das ist okay, ich kann ja nicht sagen: Ich will duschen, aber nicht nass werden. Wenn man in einer Serie mitspielt, muss man wissen, dass so eine Identifikation stattfindet. Aber die ist mir mit einer Figur wie Stromberg immer noch lieber, als wenn ich einer der vielen Fernsehärzte wäre und die Leute mich in der Fußgängerzone um Rat wegen ihrer Gallenbeschwerden fragen würden, so nach dem Motto: «Herr Doktor, ich hab hier so ein stechendes Ziehen, können Sie da mal eben gucken?»

Wann geht’s denn mit Stromberg weiter?

Herbst: Nächstes Jahr drehen wir zehn neue Stromberg-Folgen für Pro7. Außerdem haben wir alle die Hoffnung im Gepäck, dass wir dann auch noch einen Kinofilm machen, aber das ist noch nicht in Sack und Tüten.

Anfang des Jahres haben Sie eine Traumschiff-Folge gedreht, die in der Weihnachtszeit im ZDF läuft. Ihre Erlebnisse an Bord haben Sie in dem Buch Ein Traum von einem Schiff verarbeitet, das im Dezember erscheint. Bekommt die Fernsehbranche darin ihr Fett weg?

Herbst: Es ist eine Art Roman. Neben fiktiven kommen auch real existierende Figuren vor, und alles hat so stattgefunden oder hätte zumindest so stattfinden können. Ich habe das Buch aber nicht geschrieben, um einen Rundumschlag zu machen oder bestimmte Kollegen in die Pfanne zu hauen.

Christoph Maria Herbst ist am Montag, 1. November, 20.15 Uhr als Ermittler in dem Krimi Kreutzer kommt zu sehen.

car/amg/ivb/news.de

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