ARD-Thriller Ruckediguh, Blut ist nicht nur im Schuh

Wolfsfährte (Foto)
Die Schauspieler Peter Lohmeyer in der Rolle des Jan Fabel, Lisa Maria Potthoff (r.) in der Rolle der Maria Klee und Marie-Lou Sellem in der Rolle der Dr. Susanne Eckhardt posieren in Hamburg während eines Set-Termins für den Film Wolfsfährte. Bild: ddp

Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert
Im Hamburg werden Märchen aufgeführt - ohne Schultheaterbühne und Vergnügtheit á la Disney. Stattdessen liegt Rotkäppchen mit aufgeschlitzter Kehle im Wald. Peter Lohmeyer sucht in Wolfsfährte nach dem Mörder und findet nur Kieselsteine. Das ist großartig anzusehen. 

Das Böse wohnt in einer Villa am Stadtrand von Hamburg. Auf dem Schreibtisch steht eine schwarze Wolfsfigur, das Gesicht zwischen Schmerz und Schrei erstarrt. «Sie zeigt, wie sich der Künstler bei Vollmond fühlte», erklärt Gerhard Weiss (Marcus Boysen) seine Dekoration und ersticht den Besucher mit seinen Augen. In seinem gerade erschienenen Roman erzählt der Autor eine neue Geschichte über die Brüder GrimmDie Brüder Grimm, veraltet auch die Gebrüder Grimm, Jacob und Wilhelm Grimm, sind als Sprachwissenschaftler und Sammler von Märchen (Grimms Märchen) bekannt. : Einer der beiden soll ein Serienmörder gewesen sein, der die übelsten Gewalttaten nicht nur in Märchenbüchern aufschrieb, sondern auch in der Realität beging.

Hinter den Kulissen
Craig Russell besucht die Dreharbeiten
Video: TivoliFilm/YouTube

Weil Kommissar Jan Fabel (Peter Lohmeyer) nicht an Zufälle glaubt, wird Weiss so zu seinem Hauptverdächtigen. Denn die Geschichten des Autors gehen in Hamburg gerade den umgekehrten Weg, zurück in die Realität. Ein Mörder tötet scheinbar wahllos und legt den Ermittlern Spuren, für die das Wort märchenhaft irgendwie nicht recht zu passen scheint, obwohl es das doch tut: Jorinde und Joringel mit aufgeschlitzten Kehlen im Wald. Ein Brotkorb neben dem ausgebluteten Rotkäppchen. Kieselsteine an den Tatorten. Und echte Wolfshaare.

Schaurig war die Vorstellung schon immer, im Wald laufe ein großer böser Wolf umher und frisst kleine Mädchen. «Ich kann mich erinnern, dass ich immer gerne Märchen gehört habe, häufig aber danach nicht einschlafen konnte», sagt Peter Lohmeyer (Das Wunder von Bern) über den Stoff, mit dem sich sein Alias Jan Fabel auseinander setzen muss. Das ist der Grund für die grandiose Spannung, von denen schon ähnliche Filme wie Ondine mit Collin Farrell oder die dänische Produktion Der Wolf lebten: Wolfsfährte brutalisiert den Grusel von früher, der sich im Vorlesebuch wohlig anfühlte, nun aber eiskalt schockiert.

Der Autor der Romanvorlage, Craig Russel, hat mit Hamburg den besten deutschen Ort gewählt, um einen so nordischen Krimi zu erzählen. Regisseur Urs Egger und Szenenbildner Tamo Kunz gelingt die Überführung ins Filmische grandios: Am Elbstrand bläst der Wind Sandkörner über die Wangen der ersten Leiche, am Planetarium in Hamburg Winterhude nötigt der Regen zu Gummistiefeln und über allem liegt ein melancholischr Blauschimmer.

Auch Jan Fabel selbst, den Lohmeyer emotional verpanzert und oft nur mit einem gekonnten Zucken im Mundwinkel spielt, erinnert natürlich an Henning Mankells Wallander, hat ihm aber eines ganz bestimmt voraus: echte Schwäche. Vor drei Monaten starb unter Fabels Leitung ein Ermittler, seine Kollegin Maria Klee (Lisa Maria Potthoff) wurde verletzt. Fabel plagen nun Selbstzweifel. Rüde eruptiert er beim geringsten Anlass und ist damit endlich mal keiner dieser Feel-Good-Fernsehermitttler, die auf Anhieb alles durchschauen und vor allem um eine gutes Betriebsklima im Polizeirevier bemüht sind. «Scheiße! Das ist doch scheiße was ihr hier macht», ranzt Fabel seine Kollegen stattdessen gelegentlich an.

Regelmäßige Tatort-Zuschauer müssen sich damit arrangieren, dass das am Fließband produzierte Format häufig Zeitverschwendung und nur an besonderen Sonntagen sehr sehenswert ist. Diese Woche fällt ein solch besonderer Sonntag bereits auf den Samstag. Denn Wolfsfährte ist ein dicht und hochspannend erzählter Krimi, der in seiner Dynamik an gute amerikanische Thriller erinnert. Das gleiche gilt für die Besetzung, die ausnahmslos gelungen ist. Neben Peter Lohmeyer sticht wiederholt der verblüffend wandelbare Hinnerk Schönemann (Dr. Psycho) als Polizeineuling Henk Hermann heraus.

Am Ende, das es schafft, furios zu sein ohne überdramatisch zu werden, weiß man nicht so recht, wohin mit seinen Gefühlen: glücklich sein über diese schmerzhaft konsequent zu Ende erzählte Gesichte oder traurig darüber, dass es nun vorbei ist?

Wobei, einen Haken gibt es doch: Mit Wolfsfährte ist der zweite Jan-Fabel-Roman von Craig Russell als erstes verfilmt wurden. Am Anfang ist es deshalb verwirrend, dem Ende von Liebschaften zuzusehen, von denen man naturgemäß nichts wissen kann. «Die ARD wollte mit dem Märchen-Krimi anfangen, weil das gut zu Deutschland passt», erklärte Regisseur Urs Egger zur Frankfurter Buchmesse den chronologisch verdrehten Umstand. Doch wahrscheinlich werden die offenen Fragen sowieso bald beantwortet: Egger und Russell wollen weitere Romane verfilmen, die ARD auch – bei entsprechender Quote. Aber auch schon angesichts der schlichten Großartigkeit von Wolfsfährte bleibt den Verantwortlichen gar keine andere Wahl, als Ja zu sagen.

Titel: Wolfsfährte


Regie: Urs Egger

Darsteller: Peter Lohmeyer, Lisa Maria Potthoff, Hinnerk Schönemann, Marie-Lou Sellem, Marcus Boysen, Lars Rudolph, David Scheller
Sendetermin: Samstag, 30. Oktober, 20.15 Uhr, Das Erste

car/news.de

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