Dominik Graf «An die Quote denke ich nicht»

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Dominik Graf macht sein Ding - und das mit großen Erfolg. Bild: dpa

Von von Paul Barz
Grimme-Preis und Deutscher Fernsehpreis: Der Mehrteiler Im Angesicht des Verbrechens ist ein im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichnetes Krimidrama. Im Interview äußert sich Regisseur Dominik Graf über die Geschichte der Serie und die Faszination der Unterwelt.

Herr Graf, Sie bezeichnen die Krimi-Serie Im Angesicht des Verbrechens als Familienserie, wobei man eher an Diese DrombuschsDiese Drombuschs ist eine Familienserie (Autor: Robert Stromberger), die in den Jahren 1983 bis 1994 im ZDF ausgestrahlt wurde. oder Die Unverbesserlichen Die Unverbesserlichen ist eine deutsche Fernsehserie der 1960er und frühen 1970er Jahre. In der Serie geht es um den Alltag und das Leben der eher kleinbürgerlichen Berliner Familie Scholz. denkt als an eine Geschichte übers organisierte Verbrechen. War das Ironie oder gezielte Provokation?

Dominik Graf: Weder noch. Es war der Versuch, darzustellen, wie jede Figur in diesem Film eine Familie hat, manche haben sogar mehrere. Der Polizist Marek Gorsky hat seine jüdische Familie, die wiederum an die Grenzen der Familie russischen organisierten Verbrechens rührt. Er gehört aber auch zur Polizeifamilie. An den Schnittpunkten beginnen die Konflikte.

«Im Angesicht des Verbrechens»
Die Darsteller

Man darf also an Karl KrausKarl Kraus (1874 bis 1936) war ein österreichischer Schriftsteller und scharfer Kritiker der Presse und des Hetzjournalismus. und sein Wort denken: «Im Wort Familienbande steckt ein gewisser Hintersinn»?

Graf: Schon. Nur dass die von Kraus gemeinte Familie die sicher noch harmloseste ist.

Woher kam Ihr erster Impuls zu diesem Film?

Graf: Wie so oft vom Autor Rolf BasedowRolf Basedow, geboren 1947, ist ein deutscher Drehbuchautor. . Von mir aus würde ich zum Beispiel, wie beim ARD-Film Hotte im Paradies"Hotte im Paradies" ist ein Fernsehfilm von Dominik Graf aus dem Jahr 2002. , nicht so rasch auf die Idee kommen, etwas über Luden am Stuttgarter Platz zu machen. Basedow ist ein Autor, der seine Bücher von der Recherche her aufbaut und dabei von der einen spannenden Figur zur nächsten findet, bis sich ihm ein Kosmos eröffnet hat, der ihm erzählenswert erscheint. Für den Regisseur ist es toll, ihm dorthin zu folgen.

Worin beruht eigentlich die Faszination der Unterwelt auf eher bürgerlich behütet aufgewachsene Menschen wie Sie und mich?

Graf: Man sieht in diese Welt wie in einen überscharfen dunklen Spiegel. Dort gelten die gleichen Gesetze wie in unserer Welt auch, nur um vieles gnadenloser und direkter. Allerdings beschränkt sich meine Faszination auf den Film. Beim Drehen kann eine Schlägerei oder Verfolgungsjagd großen Spaß machen. Gerät man in der Realität in eine solche Situation hinein, wünscht man sich weit weg. Gewalt im Film ist etwas anderes als wirkliche Gewalt.

Sie wählen hier, gemessen an anderen Krimis, zum Teil recht kühne Erzählweisen, während das traditionelle Krimi-Publikum, lehrt die Erfahrung, mehr konservativ ist. Sind Sie dieses Risiko bewusst eingegangen?

Graf: Das sind bei mir keine bewussten Absichten. Ich drehe, was im Buch steht, und denke nicht daran, ob ich Zuschauer über 70 überfordere. Auch an die Quote denke ich nicht. Meine Sehnsucht ist, die Freude und Spannung, die ich selbst bei einem Drehbuch empfunden habe, ans Publikum weiterzugeben.

Doch ohne Publikum und damit ohne Quote geht es nicht. War in dieser Hinsicht die Vorab-Sendung bei Arte etwas bedenklich im Sinn eines verzettelten Publikuminteresses?

Graf: Ich glaube nicht. Arte sehen Leute, die von der ARD gerade noch die Tagesschau mitnehmen. Man erreicht dort ein Publikum, das man sonst bei der ARD gar nicht gehabt hätte.

Ein trauriger Punkt: Der Produzent Marc Conrad warf Ihnen vor, Ihr Film hätte seine Firma ruiniert und in die Insolvenz getrieben. Wie berechtigt ist dieser Vorwurf, wie sehr hat er Sie verletzt?

Graf: Verletzt gar nicht. Es war in der deutschen Filmbranche immer schon wichtig, Schuldige zu suchen. Ich hatte Conrad so verstanden, dass er nicht mich, sondern die Sender angegriffen hat, die wiederum ihre eigenen Argumente haben dürften.

Sie haben also nicht, wie Ihnen unterstellt wurde, ein Budget durch übersteigerte Ansprüche überzogen?

Graf: Ich habe gedreht, was im Buch steht. Aktion kostet aber nun mal viel Geld und Zeit. Und wenn man sie billiger haben will, sieht man ihr das meist auch an. Vorwürfen, ich persönlich hätte den Film überzogen, könnte ich entgegenhalten, Conrads Film habe nicht richtig kalkuliert, was in diesem Buch stand. Aber ich will keine Vorwürfe machen. Denn so unerfreulich alle Querelen waren: Man muss Marc Conrad lassen, dass er das ganze Ding überhaupt erst möglich gemacht hat, und er muss nun auf seine Kappe nehmen, dass es so viel gekostet hat, wie es im Buch steht. In mir bleibt jedenfalls für ihn trotz allem auch ein Rest von Dankbarkeit.

Gab es da für Sie Phasen der Resignation?

Graf: Eigentlich nicht. Als die Insolvenz kam, fehlten nur noch drei Drehtage und die Postproduktion. Die Kosten dafür waren vor dem Hintergrund des Gesamtbudgets nur der berühmte Wassertropfen. Die ARD hat den fehlenden Rest gemeinsam gestemmt, und ich hatte immer gehofft, dass sie solch ein großes Projekt nicht kippen würde.

Dominik Grafs Zehnteiler Im Angesicht des Verbrechens läuft ab dem 22. Oktober freitags ab 21.45 Uhr im Ersten. Die Serie wurde mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet.

car/pfj/news.de/dpa

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