«Hart aber fair» Ossis und Wessis - zwei aussterbende Arten

Gregor Gysi (Foto)
Linken-Fraktionschef Gregor Gysi hat erhebliche Fehler bei der Wiedervereinigung beklagt. Bild: dpa

Von news.de-Mitarbeiter Torben Waleczek
20 Jahre nach der Wende plaudert Frank Plasberg mit seinen Gästen über deutsch-deutsche Befindlichkeiten. Die Diskussion zeigt: Die Kluft zwischen Ost und West ist immer noch da. Aber zum Glück gibt es eine junge Generation, die davon nicht mehr viel wissen will.

Will man den Stand der Wiedervereinigung an den deutschen Eliten ablesen, dann fällt die Bilanz ziemlich mies aus. Nicht ein Ostdeutscher befindet sich unter den Vorstandschefs der 30 Dax-Unternehmen, gleiches gilt für die Fußballtrainer in der Bundesliga, die Verfassungsrichter in Karlsruhe oder die Intendanten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Kein Ossi nirgends, alles fest in westdeutscher Hand.

Hat es 20 Jahre nach der Wende also immer noch nicht geklappt mit dem Zusammenwachsen von Ost und West? Pünktlich zum Jubiläum lässt Frank Plasberg unter dem Titel «Deutschland, einig Nörgel-Land?» die Wendezeit mitsamt ihren psychosozialen Spätfolgen Revue passieren. Der Befund: Jammer-Ossis und Besser-Wessis gibt es noch heute, aber sie werden zu aussterbenden Arten (dazu später).

Frank Plasberg
Der Harte, aber faire
Frank Plasberg Günther Jauch (Foto) Zur Fotostrecke

Gregor Gysi etwa gibt bei Plasberg den Advokaten all jener frustrierten Ostdeutschen, die die unbestreitbare Einseitigkeit der Einigung nicht verwunden haben. Auch die guten Dinge in der DDR, so diese Lesart der Geschichte, wurden mit der Wende kurzerhand abgeräumt - von Poliklinik und Kita bis zum Filinchen.

Der wahre Sündenfall im Einigungsprozess liegt für Gysi aber in der Art des Zusammenschlusses: Die Wiedervereinigung war keine echte Vereinigung mit neuer Verfassung und allem, was sonst noch dazu gehört - sondern ein Beitritt der früheren DDR-Gebiete zur Bundesrepublik.

Ostdeutsche fühlen sich als Bürger zweiter Klasse

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck hat für diesen Vorgang in einem Interview kürzlich den durch die NS-Zeit hinreichend kontaminierten Begriff «Anschluss» verwendet, was von einiger Verbitterung zeugt.

Aus Sicht der westdeutschen Politiker lässt sich gegen die Gysis und Platzecks einwenden: Es musste schnell gehen damals. Platzecks SPD-Genosse Peter Struck erklärt bei Hart aber fair, dass im Wendejahr ein enormer Zeitdruck bestanden habe. Schließlich strömten nach der Grenzöffnung Zehntausende Menschen von Ost nach West. Ein Exodus, der wohl nur gestoppt werden konnte durch eine rasche politische Lösung.

Dass viele Ostdeutsche sich überrumpelt und zu kurz gekommen fühlten, konnte dabei vielleicht nicht ausbleiben. Noch heute sehen sich 64 Prozent der Ostdeutschen laut einer Umfrage, die Plasberg in einem Einspieler zeigt, als «Bürger zweiter Klasse». So ist das Ost-Phänomen zu erklären, dass ein Landesvater dort immer auch Therapeut sein muss - einer, der seinen geschundenen Leuten neues Selbstbewusstsein einpflanzen will.

Ein notorischer Besser-Wessis will nicht mehr nörgeln

Der aus Ludwigshafen am Rhein stammenden CDU-Mann Kurt Biedenkopf zählt zu den profiliertesten Vertretern dieses Politikertypus. Biedenkopf war zwölf Jahre lang Ministerpräsident in Sachsen und rät den Ostdeutschen, stolz zu sein auf ihre Lebensleistungen - ausdrücklich auch auf die aus der Vorwendezeit. Auch in der DDR habe man ein glückliches Leben führen können, sagt Biedenkopf, in kleinen, privaten Kreisen, in der Familie und unter Freunden.

Für notorische Besser-Wessis wie den früheren Stern-Chefredakteur Michael Jürgs klingt derlei Gerede von der lauschigen DDR-Muckeligkeit naturgemäß mehr nach Idylle und Verklärung. Doch selbst einer wie Jürgs, der in seinen Glossen und Kolumnen immer wieder die Sehnsucht mancher Ostdeutscher nach dem alten DDR-Mief gegeißelt und mit der Rolle des arroganten Westdeutschen kokettiert hat - selbst so einer wird 20 Jahre nach der Wende allmählich milde. Er würde die Begriffe «Ossi» und «Wessi» heute nicht mehr gebrauchen, sagt Jürgs.

Darin klingt ein wenig der Wunsch mit, es möge nun endlich Schluss sein mit all den Klischees über Ost und West, mit Arroganz hier und Genörgel da.

Mauer aus dem Mittelalter?

Und wer weiß - vielleicht erledigt sich der Konflikt bald von selbst, auf demografischem Wege. Denn bei den jüngeren Deutschen verblasst allmählich die Erinnerung an die DDR und damit auch an die Ressentiments zwischen Ost- und Westdeutschen. Die Schauspielerin Saskia Valencia, 1964 in Rostock geboren und nach der Wende durch die Seifenoper «Gute Zeiten, schlechte Zeiten» bekannt geworden, berichtet, dass das Thema schon in ihrer Generation kaum noch eine Rolle spielt.

Gregor Gysi wiederum schildert seine Schwierigkeiten bei der zeitgeschichtlichen Unterweisung seiner 14-jährigen Tochter. «Wenn ich ihr in Berlin erzähle, wo die Mauer stand», sagt Gysi, «dann denkt die, das war im Mittelalter».

cvd/news.de

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • debema
  • Kommentar 2
  • 28.10.2010 17:51

Die sogenannte OSSI-WESSI Polemik ist eine ausgemachte SED-PDS, DIE LINKE Disskusion, um die vermeintlichen Benachteiligungen der Ostdeutschen zu kultivieren. Vor dem Hintergrund des vergeigten Sozialismus in Ostdeutschland eben durch die Gysi-Partei und poltischen Eliten soll ein uneiniges Klima geschürt werden, damit die LINKEN sich in eine Fürsprecherrolle der Ostdeutschen lanzieren. Damit wird offensichtlich weiter versucht, das der OSSI nicht denken soll, sondern die liebevolle Ideologie der LINKEN anerkennen soll, weil eben in der ehem. DDR nicht alles schlecht war.

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  • oliver
  • Kommentar 1
  • 30.09.2010 13:19

Ich weis nicht was diese Kommentatoren eigentlich wollen, das Merkel ist doch Kanzlerin und somit eine Ostdeutsche in Führungsposition. Die deustche Krankheit heist wohl Gleicheritis Sozialitites.

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