Udo Wachtveitl «Der Tatort ist kein Ackergaul»

Seit 20 Jahren geht Udo Wachtveitl gemeinsam mit Mirolav Nemec im Münchner Tatort auf Verbrecherjagd. Im Interview spricht der Schauspieler über den Quotendruck, über mangelnde Zeit beim Dreh und über die bayerische Konkurrenz.

Udo Wachtveitl (Foto)
Udo Wachtveitl ist seit 20 Jahren Tatort-Kommissar. Bild: NDR/BR

Wenn es ums Fernsehen geht, steht ganz oft die Einschaltquote im Mittelpunkt. Das ist auch bei der ARD nicht anders. Spüren Sie bei den Dreharbeiten zum Tatort den Druck der Quote?

Udo Wachtveitl: Wir spüren ihn beim Drehen nicht, aber wir wissen, dass es so ist. Ich finde, dass die ARD einen Riesenfehler macht, indem sie sich den gleichen Marktgesetzen unterwirft, wie die Privaten. Sie missverstehen ihren Auftrag, wenn sie so arbeiten. Andererseits kann man sich auch nicht wünschen, dass es so ein Fernsehen gibt, wie es zum Teil mal in den 70er, 80er Jahren war, im Windschatten der Öffentlichkeit, wo ein paar Fernsehspielmacher ihre Privatpupse lassen durften. Klar muss das Programm gesehen werden wollen, aber man muss nicht einer vermuteten Idiotenschar hinterher hecheln.

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Sehen Sie denn selber ab und zu auch einen Tatort im Fernsehen?  

Wachtveitl: Manchmal passiert's, dass man Sonntagabend zu Hause ist und nach den Nachrichten bleibt man hängen oder nicht. Das ist ein ganz gutes Kriterium. Wir gucken ihn nicht strategisch an, sozusagen zur Konkurrenzbeobachtung, wirklich nicht. Und manchmal schalte ich auch ab, so nach zehn Minuten. Dann gehe ich lieber aus, lese was oder schiebe eine DVD rein.

Sie sind jetzt seit 20 Jahren Tatort-Kommissar. Bekommt man da nicht Lust, sich selber eine Geschichte auszudenken?  

Wachtveitl: Ich hatte eine Idee, die könnte was taugen. Ich werde den Teufel tun und sie Ihnen verraten! Sie ist spannend, aus einem völlig anderen Grund, als man ihn sich vorstellen kann. Das könnte gut ein Tatort werden. Aber wenn ich es Ihnen sage, ist die Luft raus, wirklich.

Das Filmgeschäft hat sich sehr verändert in den vergangenen 20 Jahren, überall wird gespart. Deshalb ist auch die Zahl der Drehtage gesunken - die Filme müssen in sehr viel kürzerer Zeit fertig werden. Beeinflusst das Ihre Arbeit?  

Wachtveitl: Die filmformalen Anforderungen sind viel stärker geworden. Schauen sie sich heute einen von den legendären Schimanskis an: zwei Männer kommen mit dem Auto, steigen aus, gehen vorsichtig über die Straße, gehen in eine Kneipe, sagen Hallo zum Wirt, bestellen erst mal ein Bier, dann fragen sie, wo waren sie in der Nacht? Das ist ein Erzähltempo und eine Langsamkeit, oft auch eine Biederkeit gewesen, die man sich heute nicht mehr leisten kann.

Aber Zeit ist kostbar, vor allem beim Film.

Wachtveitl: Es ist idiotisch von der ARD, dass sie da spart. Der Tatort ist ein Rennpferd, und das muss man pflegen und darf es nicht nicht zum Ackergaul degradieren. Jetzt höre ich schon, dass manche Überlegungen dahin gehen, ja wenn es in 20 Tagen geht, dann geht's auch in 19. Das ist dumm! Die Leute, die so reden und das in diese Richtung lenken wollen, die müssen später, wenn der Tatort dann endgültig an die Wand gefahren ist, nicht die Zeche bezahlen.

Aufwendig sind ja auch die Motivwechsel, wenn also nicht alles an einem Ort gedreht wird. Das ganze Filmteam muss dann umziehen.

Wachtveitl: Werden solche Erfahrungen gemacht, kann es sein, dass der Produktionsleiter sagt, können wir das nicht an einem Motiv drehen? Das betrifft die Bebilderung der Welt, in der der Zuschauer sich auch ganz gern wiederfinden möchte. Tatort ist eins der wenigen Millieus, wo noch realistisch Deutschland gezeigt wird. Diese Bebilderung wird immer armseliger und unterliegt immer mehr dem Rechenstift von Produktionslogistik statt künstlerischen Erwägungen. Das widerspricht dem Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

Möglicherweise bekommen Sie mit Kommissar Kluftinger einen bayerischen Kollegen im Allgäu. Was sagen Sie dazu?

Wachtveitl: Wenn es gut ist ­ ist es gut. Ich freue mich über gutes Fernsehen. Ich finde es ist keine andere Konkurrenz als die Kölner, die Berliner oder andere. Wenn wir uns um den gleichen Etat-Topf streiten müssten, dann wäre es eine andere Situation, aber das ist nicht so. Die Frage stellt sich gar nicht, denn man kann nicht für denselben Etat noch einen weiteren Tatort drehen. Und wenn sich rausstellt, wir wollen jetzt mit dem anderen weitermachen, dann war's das halt. Das kann immer sein.

Tatort: Die Heilige, 3. Oktober, 20.15 Uhr, Das Erste

 

car/news.de/dpa

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