«Maischberger»
Wer wird hier gesteinigt?

Für mehr Verständnis zwischen den muslimischen Einwanderern und dem säkularisierten Deutschland wollte sie sorgen. Doch stattdessen schürte Sandra Maischberger in einer hochchaotischen Sendung diffuse Ängste vor der islamischen Bedrohung.

Der Koran musste bei Sandra Maischberger einiges aushalten. Bild: ddp

Sandra Maischberger beging gestern Abend viele Fehler. Bei einem der harmloseren war es kurz nach Mitternacht. Gerade hatte die gebürtige Syrerin Nourig Apfeld davon erzählt, wie sie dem Mord von Vater und Cousins an ihrer Schwester Waffa beiwohnen musste. Voller Abscheu sprach sie über diesen «Ehrenmord», der geschah, weil Waffa für den Geschmack ihrer Familie zu westlich lebte.

Was hätte wohl der umstrittene Islam-Prediger Pierre Vogel, der vorher in der Sendung schon allen Nicht-Muslimen die Hölle vorausgesagt und sich gegen die Gleichberechtigung der Frauen ausgesprochen hatte, zu der Geschichte gesagt? Er wollte reden, hob an, aber Maischberger scheute sich vor dieser größtmöglichen Konfrontation. Sie bedeutete der weitaus weniger streitbaren islamischen Soziologin Irmgard Pinn darüber zu sprechen, was «Ehrenmord» mit dem Koran zu tun habe. Nichts, beteuerte diese und Vogel nickte nur.

FOTOS: Sandra Maischberger Ochsentour bis ins Erste

Dabei wäre die Konfrontation für Maischberger die einzige Chance gewesen, eine völlig unzumutbare Sendung noch irgendwie über die 70 Minuten Sendezeit zu retten. Ihre Redaktion hatte ihr dafür ein scharfes Süppchen widerstreitender Meinungen angerührt. Neben den perfekten Gegenpolen Nourig und Vogel saß da noch Udo Ulfkotte, ehemals FAZ-Redakteur und nun Urheber von Sätzen wie: «Das Endziel von Herrn Vogel und Frau Pinn ist die Islamisierung Europas.»

Wie schrecklich ist dieser Islam denn nun?

Doch Maischberger schaffte es nicht, diese Suppe löffelweise zu verfüttern, schnell saß man arg bekleckert da. Regelmäßig wollten alle Gäste gleichzeitig reden und wenn wirklich mal einer was zu sagen hatte, wie Nourig Apfeld zu dem Unterschied zwischen Kopftuchzwang im Iran und Kopftuchverbot in Frankreich, dann mahnte Maischberger, mit dem Chaos um sie herum völlig überfordert, zum Schweigen. Die Frage, die nicht nur Pierre Vogel gerne erörtert gehabt hätte, blieb unbeantwortet, weil gerade ein neuer Einspieler auf dem Sendeplan stand.

VIDEO: Die spielen rechts außen
Video: news.de

Mit dem kriegerischen Thema «Kopftuch und Koran - hat Deutschland kapituliert?» wollte Maischberger, die in der vergangenen Woche einen Integrationsslot ausgelassen hatte und über Wessis und Ossis reden ließ, die Frage diskutieren, wie wir in Deutschland trotz unterschiedlicher Religionen friedlich zusammenleben können. Sie wiederholte diese Maxime auch mehrmals, aber war die einzige, die daran glaubte - wenn sie das überhaupt tat. Denn tatsächlich moderierte sie in eine völlig andere Richtung: Statt darum, wie gegenseitige Vorurteile abgebaut werden können, ging es darum, ob der Islam denn nun eigentlich diese schlimme und furchtbare Religion sei, wie man immer hört. Passend dazu drohte eine vollverschleierte Schaufensterpuppe aus dem Dunkel der Kulisse.

Und passend dazu sprach Maischberger auch wirklich nur die drängensten Probleme an, die Europäer mit dem Islam haben: Die Steinigung zum Beispiel, oder die BurkaDie Burka ist ein Ganzkörperschleier, der von muslimischen Frauen getragen wird. Die Burka bedeckt den gesamten Körper, nur für die Augen gibt es einen kleinen Schlitz. In einigen europäischen Ländern, beispielsweise in Belgien und Frankreich, ist das Tragen der Burka verboten, weil darin ein Symbol der Unterdrückung von Frauen gesehen wird. . In Frankreich, wo diese Art der Verschleierung inzwischen verboten ist, trugen etwa 2000 Frauen Burka. 2000, in einem Staat mit 65 Millionen Einwohnern. Niemand sprach das an, Peter Scholl-Latour fand die Pariser Haltung schlicht gut, schon aus Sicherheitsgründen. In einer Burka könne ja immerhin auch ein Mann versteckt sein.

FOTOS: TV-Experten Der Bildschirm ist ihr Hörsaal

«Dann können wir eben keine Sendung mehr machen»

Statt also über die realen Probleme der Menschen zu sprechen, die sich in Bezirken wie Berlin Neukölln von jugendlicher Gewalt und Armut gleichermaßen bedroht sehen, bediente Maischberger diffuse Ängste vor einer gefühlt bedrohlichen Religion. «Ich habe nichts gegen das islamische Wertegefüge, sondern ich meine, dass es nicht zu uns passt», durfte Ulfkotte sagen, ohne, dass jemand endlich einmal die Frage stellte, ob verschiedene Kulturen eigentlich automatisch als etwas Gegensätzliches begriffen werden müssen.

Und die Steinigung untreuer Frauen? «Das passiert auch Männern», erklärte Prediger Pierre Vogel seine Religion. Ob dass denn nun aber im Koran stünde, diesem laut Ulfkotte durchaus verbrennungswürdigen Buch, wollte Maischberger wissen. «Das ist eine theologische Frage, die die ganze Sendung sprengen würde», sagte Soziologin Irmgard Pinn. «Dann können wir eben keine Sendung mehr machen», entgegnete Maischberger trotzig. Subtext: Wenn das so schwierig ist mit eurem Islam, dann müssen wir es eben lassen. Ob Deutschland vor Koran und Kopftuch kapituliert, ist also weiter ungeklärt. Sandra Maischberger hisste gestern aber schon mal die weiße Flagge.

bjm/news.de

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3 Kommentare
  • Stefan77

    24.09.2010 17:28

    Antwort auf Kommentar 1

    @Leela Anscheinend haben Sie die Analyse nicht verstanden. Lesen sie nochmals und kommentieren sie erneut. Setzen 6!

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  • Stefan77

    24.09.2010 17:27

    Antwort auf Kommentar 1

    @Leela Anscheinend haben Sie die Analyse nicht verstanden. Lesen sie nochmals und kommentieren sie erneut. Setzen 6!

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  • Leela

    22.09.2010 12:28

    Eine ziemlich gute Analyse der Sendung. Ulfkotte ist kein großer Rhetoriker, ihm fehlt die Schlagfertigkeit. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Dinge schonungslos zu benennen, die mit dem real gelebten Islam in Deutschland untrennbar verwoben sind und hierbei die zu erwartenden Widerworte von Pierre Vogel und der ungepflegt anmutenden Konvertitin als das zu entlarven, was sie sind: Verschleierungen und Beschönigungen. Dass laut Vogel zumindest bei Steinigungen wegen Ehebruchs im islamischen Recht, der Sharia, Gleichberechtigung der Geschlechter herrscht, machtdie Sache nicht besser.

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