«Anne Will» Das traurigste Land der Welt

Pakistan (Foto)
Flutopfer warten in Pakistan auf Hilfe: Spenden trotz Korruption und Terror?, fragte Anne Will in ihrer Talksendung. Bild: dpa

Isabelle WiedemeierVon news.de-Redakteurin
20 Millionen Menschen sind vom Hochwasser betroffen. Pakistan braucht Hilfe, daran gibt es keinen Zweifel. Damit wir endlich Geld überweisen, wärmen Anne Will und ihre Gäste nochmal Vorurteile, Klischees und Wahrheiten auf. Und sagen ein paar wichtige Sätze.

Es ist der große Rundumschlag. Seit zehn Tagen wabert sie durch die Informationswelt, die Frage, warum so wenige diesem Land helfen wollen, diesem Pakistan, wo jeder achte Mensch von der Katastrophe getroffen ist. «Warum», fragt auch Anne Will - aber vor allem: Wie überzeugen wir Sie, dass dieses Land Ihre Hilfe dringend braucht? Wenn die Sendeanstalten schon keine große Spendengala veranstalten wollen, dann möchte Will ihre Sendezeit zumindest nutzen, um aufzuräumen, aufzurütteln und aufzufordern: Viermal wird die Kontonummer des «Bündnis Entwicklung hilft» eingeblendet.

Ganz nah ran will die Moderatorin an ihre Zuschauer, und ihr erster Satz ist sorgfältig gewählt: «Pakistan gilt als das vielleicht gefährlichste Land der Welt, im Moment ist es aber eher das traurigste.» Damit ist viel von dem gesagt, was noch kommt, denn viel Neues erfahren wir nicht in dieser Stunde. Deshalb ist es gut, dass Professor Bernd Domres, der als Nothelfer in Pakistan war, gleich am Anfang und ganz allein zu Wort kommt und Außenminister Guido Westerwelle zwar auch allein, aber erst ganz am Ende, in einem vor der Sendung aufgezeichneten Interview. Denn er hat dann wirklich nichts mehr hinzuzufügen. Außer, dass wir Deutschen uns bitte erinnern sollen, dass uns ja schließlich auch geholfen wurde nach dem Zweiten Weltkrieg.

Pakistan
Ein Land versinkt im Wasser

Doch da haben die meisten innerlich ohnehin schon abgeschaltet. Aufmerksam und vor allem neugierig, wie Anne Will es schaffen will, das Blatt zu wenden, sind wir noch, als sie Bernd Domres vorstellt und diese so naive Frage aufwirft, was wir machen würden, wenn wir diese 20 Millionen betroffenen Menschen direkt anschauen könnten. Domres hat das getan, er hat ihr Leiden gesehen: «In Haiti schrien die Menschen, aber hier ist es still. Die Menschen leiden.»

Ohne Hilfe ist das Volk nicht lebensfähig

Von der Diskussionsrunde später bleiben vielleicht ein, zwei Sätze hängen, doch das, was Domres erzählt, dringt ein. Von der Frau, die sich mit ihrem Mann und drei Kindern durch die Fluten kämpfte, um auf die Landstraße zu gelangen. Wie der Mann sich auszog, um mit der Kleidung den Stacheldraht zu bedecken, der früher einmal Straße und Weide getrennt hatte, und die Kinder rüberhob - bevor ihn die Flut mitriss. Bis heute hat die Frau kein Lebenszeichen von ihm. Das sehen wir jetzt vor uns. Und Anne Will stellt ihm noch eine dieser Aufrüttel-Fragen: «Was passiert, wenn wir nicht helfen?» Ganz einfach: «Cholera ist tödlich. Und ohne Trinkwasser, Zelte, Ernährung ist das Volk nicht lebensfähig.»

Statt von den Taliban spricht der Präsident der Stiftung des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin lieber über die überraschte Dankbarkeit der Menschen darüber, dass Europäer ihnen helfen. Und von der Verehrung für die Deutschen.

Diese Deutschen, die so viele Fragen stellen, bevor sie spenden wollen. Bärbel Diekmann, die Präsidentin der Welthungerhilfe, findet gut, dass die Leute fragen, doch wie die Moderatorin versucht, diese Fragen der Deutschen durch die Diskussion zu boxen, wirkt holzschnittartig. Zumal ihre Gesprächspartner immer lieber etwas anderes erzählen wollen.

Peter Scholl-Latour, an diesem Abend der Vertreter des Ältestenrates und als Pakistankenner hier, betont die Stärke der Taliban in der Sozialpolitik. Sabatina James, eine der Zwangsehe entflohene und von der Familie verstoßene Pakistanerin, will über ihr Schicksal und das der Frauen im Islam sprechen. Anne Will möchte von ihr aber doch vor allem eins wissen: Wie sie trotz allem zu Spenden für dieses Land aufrufen kann. «Das ist der Grundsatz der Nächstenliebe», sagt die konvertierte Christin, und: «Man braucht keinen politischen Grund, um für ein Kind in Pakistan zu spenden.» Endlich ist der Satz raus, Applaus im Saal.

Anne Will
Die Vorzeige-Frau des politischen Talks

Endlich Klarheit: Die Spenden gehen nicht an die Regierung

Der Versuch, die so skeptisch beäugte Seite Pakistans auszuleuchten ist ehrenvoll und notwendig. Doch Sabatina James bedient ein bisschen zu sehr die Rolle der vor dem bösen Islam in den Schoß des Westens geflüchteten Frau, als dass sie dieser Aufgabe gerecht werden könnte. Und unser Pakistankenner kommt nur einmal wirklich sinnvoll zu Wort: als er betont, wir dürften nicht erwarten, durch unsere Hilfe etwas an der religiösen Praxis im Land ändern zu können. Die Runde ist sich daraufhin einig, dass es gefährlich wäre, mit einer politischen Absicht im Hinterkopf helfen zu wollen - humanitäre Hilfe aber dennoch zu mehr Stabilität führen und das ansonsten drohende Chaos eindämmen könne.

Konflikte gibt es ohnehin wenige an diesem Abend. Nur darüber, ob wir Pakistan deshalb misstrauen, weil es ein islamisches Land ist, ist man uneins. Scholl-Latour und James finden, ja, Volker Rühe sieht eher das Schleichende der Katastrophe als Erklärung für die schwache Spendenfreude. Eine Lösung finden sie nicht, aber letztlich geht es ja hier auch nicht um den Grund, sondern um seine Überwindung.

Dankbar sein muss man Rühe, dem Verteidigungsminister a.D., weil er endlich klarstellt, dass unsere Spenden und die Bundesregierung nicht an die pakistanische Regierung gehen, sondern komplett an Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz oder die Welthungerhilfe. Die vielbeschworene Gefahr, dass Korruption und Taliban sich ihrer bemächtigen könnten, ist also äußertst gering. «Jeder Euro kommt an», den Satz sagt Bärbel Diekmann.

Ein bisschen Licht ins dunkle Bild von Pakistan hat Anne Will gebracht. Und vor allem hat sie uns nicht einen guten Grund gelassen, nicht für das Land zu spenden. Sei es, weil wir damit dazu beitragen, das Land vor noch größerem politischen Chaos zu bewahren. Sei es, weil wir davon ausgehen können, dass wir mit unseren Spenden nicht die Taliban finanzieren. Oder sei es, weil es einfach keinen Grund gibt, Kinder sterben zu lassen.

Spenden:
Bündnis Entwicklung hilft, Spendenkonto 51 51, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00, Kennwort: ARD/Pakistan

ivb/news.de

Leserkommentare (5) Jetzt Artikel kommentieren
  • Michael Gardeleben
  • Kommentar 5
  • 16.03.2011 02:20

ein mohamedanischer kollege erzählte mir mal das der islam liebe bedeute,wie man wieder sieht -eine schöne liebe-wo bleibt die liebevolle hilfe??????????????????????????

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  • Hommy
  • Kommentar 4
  • 24.08.2010 16:51

zu mindest gibt es etwas fuer die Pakistaner, aber ich mache mir grosse sorgen um die afghanische fluechtlinge dort an der pakistanschen Grenze. Sie bekommen gar nichts. Der afghanische Frauenverein hat sich fuer sie eingesetzt aber das Geld ist zu wenig und der Not zu gross.

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  • Felix Kroll
  • Kommentar 3
  • 24.08.2010 01:19

Die brauchen dringend Feldlazarette, Medikamente, Feldküchen, Zeltstädte, Transportmittel, Hilfspersonal und etwas Bargeld. Der Bedarf ist unabhängig ihrer Religions- Zugehörigkeit.

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