«Eichmanns Ende» Technokrat des Todes

Eichmann (Foto)
Wirklich nur ein Schreibtischtäter? Adolf Eichmann (Herbert Knaup). Bild: NDR/Marion von der Mehden

Er gilt vielen noch als Inbegriff des Schreibtischtäters: Adolf Eichmann. Doch ist das nicht zynisch bei einem Mann, der die Vernichtung von 6 Millionen Juden organisierte? Der ARD-Film Eichmanns Ende zeichnet das Porträt eines bürokratischen Überzeugungstäters.

Adolf Eichmann. SS-Obersturmbannführer und Leiter des Referats IV B 4 des Reichsicherheitshauptamtes, zuständig für «Judenfragen». Was im menschenverachtenden Bürokratenjargon des Nazi-Regimes so technisch klingt, bedeutete in der Realität: Adolf Eichmann. SS-Obersturmbannführer und verantwortlich für die Deportation von 6 Millionen Juden in Ghettos und Konzentrationslager.

Schreibtischtäter. Diese Wort wird gerne gebraucht für die, die sich nicht selbst die Hände schmutzig machen. Für die, die «nur Befehle befolgt haben». Doch auch, wenn es so aussehen mag, Adolf Eichmann war alles andere als ein Schreibtischtäter. «Ich war kein normaler Befehlsempfänger, dann wäre ich ja ein Trottel gewesen. Sondern: Ich habe mitgedacht. Ich war ein Idealist gewesen», wird er später in Buenos Aires dem niederländischen Journalisten Willem Sassen ins Mikrofon sprechen.

«Eichmanns Ende»
Logistiker der Vernichtung
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Dieses Interview ist Dreh- und Angelpunkt des Films Eichmanns Ende. Liebe, Verrat, Tod, den die ARD heute Abend ausstrahlt. 1950 kommt Eichmann nach Argentinien, 1952 holt er seine Familie nach. Als Ricardo Clement lebt und arbeitet Eichmann in bescheidenen Verhältnissen in Buenos Aires, nach dem Zweiten Weltkrieg ein Ort der besonderen Art. Hier, weit weg von Deutschland fahren ausgewanderte Nazis und Juden mit dem gleichen Bus, Täter und Opfer. Was sie verbindet, ist die Unwissenheit der Geschichte des Gegenüber. Nur so ist es möglich, dass sich der Sohn des Naziverbrechers Eichmann in die Tochter eines seiner Opfer verliebt.

«Da strahlte kein Leben.»

Das ist die Spur, die schließlich zu Eichmanns Verhaftung führen wird. Silvia Hermann lernt den Sohn Eichmanns, mit dem sie zur gleichen Schule geht, im Bus kennen. Zuhause stellt sie ihrem Vater den jungen Mann vor. Lothar Hermann, der durch den Holocaust seine gesamte Familie verloren hat und seitdem Eichmann auf der Spur ist, nimmt sofort Witterung auf und informiert die deutschen Behörden. Eichmann ahnt noch nichts von dem Damoklesschwert, das über ihm schwebt. Er sitzt stattdessen bei Willem Sassen, einem Journalisten mit ebenfalls braunem Gedankengut und diktiert ihm seine Ansichten über seine wirklichen Aufgaben in Nazideutschland.

Das Sassen-Interview ist es, das das wahre Bild Eichmanns zeichnet und ihn als den besessenen Judenhasser entlarvt, der er war. Herbert Knaup spielt Eichmann in den Spielfilmszenen, die sich mit Zeitzeugeninterviews abwechseln, in einer erschreckend pointierten Weise. Ein dummer, menschenverachtender Unmensch, das was die Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt später als die «Banalität des Bösen» bezeichnen wird. Ein technokratischer Überzeugungstäter, das ist der Charakter, wie ihn Knaup interpretiert und was durch die Sassen-Protokolle und Zeitzeugenberichte bestätigt wird. «Ein eigenartiges Gesicht», wird Sassens Tochter über Eichmann sagen, wenn er für die Interviewsitzungen in das Haus der Sassens kam. «Da strahlte kein Leben.»

Mehr als nur «Hilfsarbeiter»

Leben. Ohnehin, so machen es die Protokolle klar, ein Wort, das für Eichmann nur dann mit Sinn erfüllt war, wenn es um das Leben des deutschen Volkes ging. Alles andere Leben, insbesondere das jüdische, wird durch seinen bürokratischen Vernichtungsjargon entweiht. «Wir haben unsere Arbeit nicht richtig getan ... da wäre mehr drin gewesen.» Es sind Aussagen wie diese, die einem das Blut gefrieren lassen. Aber sie zeigen auch die Intention, die Eichmann mit den Interviews verfolgte: Eichmann will beweisen, was seine wirkliche historische Rolle war und dass er nicht genug Juden vernichtet hat. «Ich habe schon einmal gesagt, dass ich ein lebender Aktenbock gewesen bin. Ich habe befehlsmäßig gehandelt. Aber: Ich habe mir selbst auch meine Gedanken gemacht, denn sonst wäre ich ja ein Hilfsarbeiter gewesen.»

Sassen (Ulrich Tukur) hingegen verfolgt mit den Interviews ganz andere Pläne: «Für mich ist diese ganze Judenfrage noch undurchsichtig», wird er versuchen, den Holocaust herunter zu spielen. Er will weg von der Vernichtung der Juden, hin zur nationalsozialistischen Idee. Macht, Geld, Einfluss, die Massen bewegen. Das ist es, was er mit der Veröffentlichung der Interviews will.

Vom Privatmann Eichmann erzählt Eichmanns Ende so gut wie nichts. Nur einmal, ganz am Ende, als Eichmann schon im Gefängnis in Israel sitzt und ihn seine Frau besucht, scheint es einen Moment menschlicher Regung zu geben. Es geht fast ausschließlich um seine politischen Ansichten, was aber mehr als genug über ihn als Mensch aussagt. So sieht es auch Gabriel Bach, stellvertretender Ankläger im Eichmann-Prozess. Für ihn liefern die Sassen-Protokolle die Antwort auf die Frage: Reue oder Nicht-Reue? Entscheidend für das Endresultat des Prozesses.

Bis dahin war es jedoch ein weiter Weg. Denn, und auch davon erzählt Eichmanns Ende, als Lothar Hermann (Michael Hanemann) dem hessischen Generalstaatsanwalt und Nazi-Jäger Fritz Bauer (Axel Milberg) nach Deutschland berichtet, welche Entdeckung er in Argentinien gemacht hat, traut dieser der deutschen Justiz nicht und informiert stattdessen Israel. Dennoch dauert es fast drei Jahre, bis Eichmann vom israelischen Geheimdienst verhaftet und nach Israel gebracht wird. Am 31. Mai 1962 wurde das Todesurteil gegen Eichmann vollstreckt.

Eichmanns Ende - Liebe, Verrat, Tod. 25. Juli um 21.45 Uhr im Ersten

amg/news.de

Leserkommentare (11) Jetzt Artikel kommentieren
  • adler
  • Kommentar 11
  • 26.07.2010 11:50

Die Schreibtischtäter gibt es bis heute,leider werden sie nie alle. Immer nur einseitige Aufarbeitung!!

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  • hpklimbim
  • Kommentar 10
  • 26.07.2010 05:59

Feindbilder und Schreckensszenarien oft genug allein aus wirtschaftlichen Gründen oder zur Verschleierung eigener Unfähigkeit(en) sind nur Mittel zum Zweck, und werden dem entsprechend gehegt und gepflegt. Dagegen ist nichts unangenehmer als ein Eingeständnis eigener Fehlerhaftigkeit oder eigenen Unvermögens. Das dürften wohl die wesentlichsten Gründe sein, warum man 65 Jahre nach dem Ende des Holocaust immer noch diese entsetzlichen Bilder in dieser mittlerweile sehr fragwürdigen Form wach hält. Das Mitgefühl für alle Opfer gleich an welchem Ort und aus welchem Grund darf nie enden.

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  • hpklimbim
  • Kommentar 9
  • 26.07.2010 05:35

Der größte bekannte Massenmörder in der Geschichte neuerer Zeitordnung war aber nicht Hitler, sondern bis zum heutigen Tag wohl Stalin. Da hatte alles beste Chancen dran zu kommen, was irgend wie anders geartet oder gerade nicht wohl gelitten war. Der hatte aber das Glück, auf der "richtigen" politischen Seite zu stehen. Und bei "Verbündeten" spricht man nicht über eigene Mißstände, weil sich derartiges da allenfalls um ein "Versehen" handeln kann. Das kann man dann in etwa auch vergleichen mit der Kritik an Mißständen in der deutschen Verwaltung. Alles Lug und Betrug, so weit das Auge reicht.

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