Von news.de-Redakteurin Nadine Fasshauer - 19.07.2010, 10.53 Uhr

Laiendarsteller im TV: Willige Billigjobber

Einmal ganz groß rauskommen, im Fernsehen entdeckt werden und das große Geld verdienen: Wer an einer Dokusoap oder einer Pseudo-Reality-Show teilnimmt, hat oft einen verklärten Blick auf die Wirklichkeit. Dennoch gibt es bereitwillige Kandidaten.

Wer sich die Super Nanny (Katia Saalfrank) ins Haus holt, bekommt einiges an Geld, muss aber auch kräftige Nerven haben. Bild: news.de-Archiv

Das Internet ist voller Aufrufe von Castingagenturen. Hier wird von der Familie mit spannendem Lebenslauf, Statisten für einen Krimi oder angehenden Brautpaaren eigentlich alle und alles gesucht. Wobei die Teilnehmer nicht kamerascheu oder schüchtern sein sollten.

Für Dokusoaps à la We are Family oder Frauentausch gilt: Man sollte eine außergewöhnliche, abgedrehte und spannende Geschichte erzählen oder sich eine ausdenken und darstellen können. Oft gehen die Geschichten über ein normales Maß und dem, was ein durchschnittlicher Mensch innerhalb seines Lebens erleben würde, deutlich hinaus. Eine Suchanzeige der Agentur Castingpartner liest sich dann auch wie ein schlechter Comedy-Beitrag:

FOTOS: TV-Gagen Soviel Kohle gibt's

«Familienstreit, ein brennender Tannenbaum, ein schrecklicher Unfall, Stromausfall, katastrophale Wetterverhältnisse oder eine Naturkatastrophe machten das Fest zur Hölle. Ihr Keller stand unter Wasser, es gab keine Geschenke oder Sie mussten Heiligabend auf der Autobahn im Stau verbringen? Der Restaurantbesuch endete im Gefängnis oder berufliche Weihnachtsfeiern lösten Fremdschämen aus?»

Man kann sich ungefähr vorstellen, wie die etwaige Dokusoap dazu aussieht. Dem Fernsehzuschauer wird zwar vorgegaukelt, dass die Kamera bei diesen Skurrilitäten rein zufällig dabei war. Pseudo-Dokusoap nennt man das heute. Da muss man als Laiendarsteller mit seinem Umzugskarton schon mal drei Mal ins Schlafzimmer und wieder hinauslaufen, bevor das richtige Bild im Kasten ist. Oder der Redakteur gibt den Text einfach vor, falls es am Set etwas zu wortkarg zugeht.

Der Aufwand ist gigantisch

Ganz umsonst lassen sich die meisten Darsteller nicht von einem Produktionsteam begleiten. Es gibt fast überall eine Aufwandsentschädigung. Nehmen wir als Beispiel Die Super Nanny mit Diplom-Pädagogin Katia Saalfrank. Hier bekommt die teilnehmende Familie laut RTL 2000 Euro Entschädigung. Das hört sich erst einmal viel an. Allerdings hat man dafür zehn bis zwölf Tage lang ein dreiköpfiges Team in seiner Wohnung, das einem auf Schritt und Tritt folgt und gerade in besonders stressigen Situationen die Kamera draufhält.

Schon bevor dieses Team überhaupt auftaucht, muss man sich bewerben. Dies tun immerhin 1200 bis 2000 Familien jährlich. Etliche Telefonate und Treffen mit Redakteuren folgen, bevor die eigentlichen Dreharbeiten starten. Katia Saalfrank selbst ist nur sechs Tage in der Familie anwesend - zusammen mit drei weiteren Psychologen im Hintergrund. Insgesamt arbeiten ungefähr sieben Menschen an der Produktion vor Ort - wer sich nicht in der Wohnung aufhält, arbeitet im Wohnwagen vor dem Haus. So bekommen auch die Nachbarn mit, dass hier gerade Dreharbeiten stattfinden.

Von der eigenen Familiensituation kann sich später auch der Rest von Deutschland überzeugen. Das Drehmaterial von zwölf Tagen wird auf eine knapp einstündige Folge zusammengeschnitten - und verwendet wird natürlich nur das spektakuläre Material. Wer will schon Kinder sehen, die brav schlafen, wenn man prügelnde kleine Monster zeigen kann. Und so kommt es, dass die jeweilige Familie stadtbekannt wird. Von den 2000 Euro kann die Familie dann vielleicht in den Urlaub flüchten, um diesem Hype zu entkommen.

Wer dennoch davon träumt, einmal Darsteller in einer Fernsehsendung zu sein, sollte sich vorher gut überlegen, welche Konsequenzen diese Teilnahme für das Privatleben haben könnte. Die Gagen von 20 Euro für eine kleine Rolle bei Die Schulermittler oder 500 Euro für Unsere erste gemeinsame Wohnung stehen nicht im Verhältnis zu dem Arbeitsaufwand und dem Bekanntheitsgrad, den man dadurch erlangt. Viele Fernsehzuschauer können zwischen Realität und Fernsehwelt nicht unterscheiden: Wer einen prügelnden Schüler darstellt, sollte sich vor der Produktion bewusst sein, dass es vor der Mattscheibe Menschen gibt, die glauben, diese Szene sei echt.

ruk/ivb/news.de

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