Sommerloch Nur Fußball im TV - zum Gähnen!

TV-Sommerloch (Foto)
Nur Fußball im Fernsehen. Da gucken Fans von Serien und Spielfilmen in die Röhre. Bild: news.de/Istockphoto (Montage)

König Fußball diktiert derzeit das TV-Geschehen. Da gucken Fans von Serien, Spielfilmen, Krimis und Polittalk-Sendungen bei ARD, ZDF und RTL in die Röhre. Wir zeigen, wo sich das Einschalten trotzdem lohnt.

«Gegen Fußball lässt kein Sender neue Filme oder Serienstarts laufen. So gesehen ist die WM in Südafrika unsere vorgezogene TV-Sommerpause», sagt Burchard Röver von der ARD. Selbst Sonntags-Tatort und -Polizeiruf 110 sind Wiederholungen. Einzige Ausnahme ist der 4. Juli: An diesem Sonntag ruht der WM-Ball: spielfrei! Und das Erste sendet einen neuen ORF-rbb-Tatort: Operation Hiob mit Harald Krassnitzer als Kommissar Moritz Eisner (20.15 Uhr).

Dass Tatort und Polizeiruf 110 pausieren müssen, hat laut ARD nichts mit der WM zu tun. Tatsächlich sei es so, dass die ARD schlicht und einfach nicht über genügend neu produzierte Tatort- und Polizeiruf-110-Filme verfüge, um alle Sonntage eines Jahres mit Erstausstrahlungen bestücken zu können, erklärt Gebhard Henke, Fernsehspiel-Chef des WDR und ARD-Tatort-Koordinator. Das Jahr hat 52 Wochen, die ARD-Sender lassen 37 Tatorte und neun Polizeiruf-110-Filme produzieren. Ergo wird sechs Wochen lang am Sonntagabend aus der Konserve gesendet. «Nur sechs Wochen», betont Henke. Das sei in Zeiten klammer Kassen doch «geradezu sensationell».

Durchhaltevermögen müssen auch Telenovela- und Daily-Soap-Fans während der WM beweisen: Rote Rosen, Sturm der Liebe, Panda, Gorilla & Co, Verbotene Liebe, Marienhof (alle ARD) laufen nur Dienstag und Donnerstag – parallel dazu gibt’s Fußball im ZDF. Montag, Mittwoch und Freitag übertragen ARD und RTL Fußball – da kommen Hanna – Folge deinem Herzen- und Soko-Krimi-Gucker im ZDF wieder zum Zuge. «Es fallen ja keine Folgen aus, nur ein Tag Pause liegt jeweils dazwischen», tröstet Röver. Veränderte Sendezeiten sind auch bei Nachrichten und -Journalen zu beachten: Sie werden verkürzt in den Halbzeitpausen, vor und nach den Fußballspielen gesendet.

Will und Plasberg pausieren

Ein tragendes Format, der Polittalk, fällt in den Hauptprogrammen der WM-Sender ARD und ZDF komplett aus. Die Spitzenverdiener des Mediums haben noch vor dem Anpfiff in Südafrika ihre Schreibtische geräumt. Clever, wie die Moderatoren mit angeschlossener Produktionsfirma nun einmal sind, verbinden sie WM- und Sommerpause.

WM-Pause? In fester Überzeugung und senderübergreifender Allianz sind Maybrit Illner, Anne Will, Frank Plasberg oder Sandra Maischberger zu dem Schluss gekommen, dass das politische Leben pausiert, wenn sie pausieren. Die politischen Krisen pausieren jedoch nicht. Die Opposition im Bundestag ruft laut nach Neuwahlen, am 30. Juni wird gar ein neuer Bundespräsident gewählt. Das treibt viele um, aber nicht die Politiker-Flüsterer vom Ersten und Zweiten.

Anne Will weilt in den USA und lässt sich derzeit durch Mankells Wallander ersetzen. Auf Maischbergers Sendeplatz am späten Dienstagabend laufen Dokumentarfilme über Afrika im Aufbruch (15. Juni, 22.45 Uhr) und Russlands Mafia (22. Juni). Maybrit Illner kehrt, anders als Will oder Plasberg, erstaunlicherweise am 1. Juli, also noch während der WM auf den ZDF-Bildschirm zurück und talkt dann unverdrossen weiter bis zum 5. August, mit wem und worüber auch immer. Danach erst macht Illner drei Wochen «echte» Pause. Der Bundestag hat am 9. Juli seine letzte Sitzung. Ob Maybrit Illner ohne ARD-Konkurrenz Quote machen will?

ARD-Chefredakteur Thomas Baumann weiß immerhin, warum die Talker schweigen: «Dass ein neuer Bundespräsident gewählt werden muss, konnte man natürlich nicht vorhersehen. Sommerpausen von politischen Talkshows sind üblich, lange vorher geplant und orientieren sich an der parlamentarischen Sommerpause. Und in diesem Jahr kommt die Fußball-WM hinzu.»

Das bedeute jedoch nicht, dass die politische Berichterstattung still stehe. «Seien Sie versichert, dass wir jederzeit aus aktuellem Anlass Sondersendungen wie Brennpunkt oder Farbe bekennen ins Programm nehmen, zudem werden Verlängerungen der Tagesschau und Tagesthemen wie Sonderausgaben der Tagesschau dem politischen Geschehen gerecht.» Außerdem: Der Bericht aus Berlin (sonntags, 18.30 Uhr, Das Erste) kennt keine WM-Pause, der Presseclub (sonntags, 12.03 Uhr, Das Erste) muss dank der unentwegten Politjournalisten der Presse nicht ausfallen. Wer braucht da noch Talkshows?

Ein wenig Frischware im Programm

Wahr ist auch: Selbst während der WM serviert das deutsche Fernsehen gelegentlich Frischware. Die ARD, beispielsweise, startete am 14. Juni eine neue Staffel der Jungfilmer-Reihe«Debüt im Ersten». Neues Material bietet auch die Porträt-Reihe Legenden, darunter über Michael Jackson. Sie beginnt am 21. Juni. Am 6. Juli geht es weiter mit neuen Folgen der überraschend erfolgreichen Dienstagsserie Mord mit Aussicht.

Und das Zweite? Marietta Slomka vom Heute-Journal zeigt dem Publikum, als Ergänzungsprogramm zur WM, Afrikas Schätze. Der Zweiteiler ist am 15. und 17. Juni zu sehen. Der weggelobte Ex-Vize des Hauptstudios wartet mit einem neuen Talk auf: Peter Hahne plaudert erstmalig am 27. Juni. Kurz vorm WM-Finale, am 11. Juli, bittet Geigen-Popstar David Garrett zur Sommernachtsmusik. Bereits angelaufen ist die dienstägliche ZDF-Reihe Königliche Hochzeiten, die um die Trauung von Prinzessin Victoria herumgruppiert wurde.

RTL hält sich an «die geübten Sehgewohnheiten», wie Sendersprecherin Anke Eickmeyer erklärt. Am Wochenende gibt’s Kino, unter der Woche Lebenshilfe und Beratung, freitags die Chart-Show. Auf Kino im Fernsehen setzen auch ProSieben und Sat.1. Darunter befindet sich Erstausstrahlungen wie Acht Blickwinkel mit Dennis Quaid am 4. Juli bei ProSieben sowie Hairspray am 3. Juli bei Sat.1. Darüber hinaus schickt ProSieben zwei Shows mit verrückten Wettbewerben ins Quoten-Rennen: neue Folgen von Elton vs Simon und League of Balls, beide gehen am 1. Juli an den Start. Zudem offeriert Kabel Eins vom 15. Juni an ein vierteiliges Schluss mit Hotel Mama-Spezial.

«Eine ganze Menge also», findet ProSieben-Sprecher Peter Esch. Und er hat nicht ganz unrecht. Kenner der Fernsehgeschichte wissen: Noch Mitte der 1990er Jahre dauerte die jährliche Sommerpause bis zum Anfang des Oktobers.

car/amg/reu/news.de/dpa

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • SonyaFan
  • Kommentar 1
  • 15.06.2010 14:49

Die ARD und ZDF sollten sich was schämen.Hatten sie doch auch so gegen den Radsport gewettert.Aber in anderen Sportarten wurde auch gedopt nur haben sie das nicht aufgespielt und gleich das Deckmäntelchen des Schweigens darüber gehüllt.So was nenne ich nur oberfaul.Schliesslich zahlen auch Rad-Fans die GEZ nur wird es denen nicht gedankt.Sie hätten ja abwechselnd die Tour de Suisse übertragen können,aber da wird gespart damit sie Moderatoren aus den USA einfliegen können.Pfui ARD und ZDF schämt euch.

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