Rundfunkfinanzierung Das Fernsehen in der Zwickmühle

Fernsehen (Foto)
Wie kann der Nutzer von Medien zur Kasse gebeten werden? Die Frage beschäftigt die Branche wie keine andere. Bild: dpa

Von den news.de-Redakteuren Michael Kraft und Björn Menzel
Zwischen Smartphone, 3D-Kino und neuen Formaten im Internet: Droht durch die Reizüberflutung das TV in Zukunft zu verblassen? Und jetzt zerfleischt sich die Branche auch noch in einer weiteren Diskussion. Eine Analyse.

Jeder, der etwas auf sich hält, hat in diesen Tagen eine Meinung über Neo Rauch. Der Künstler aus Leipzig ist mehr als erfolgreich. Er malt mit vielen verschiedenen Farben großflächige Bilder. Und einige Betrachter behaupten: Auch wenn uns der Künstler nichts sagen will, er ist enorm kreativ. Vielleicht will uns Rauch ja doch etwas sagen. Fernsehmacher und -kritiker ahnen es, denn irgendwie geht es dem TV zurzeit genau wie den Bildern von Rauch. Keine Aussage, aber viel Kreativität.

Sie sind somit ein Spiegel des Aktuellen und zeigen das Notwendige. Denn die Branche jammert seit Jahren über ihre finanzielle Situation, egal, ob aus Richtung öffentlich-rechtlich oder privat. Das führt zu so verschrobenen Debatten wie jener über die Abschaffung der Nachrichten der Sendergruppe ProSieben/Sat1. Wer wenig Geld hat, braucht eben viel Kreativität. Und die (Nachrichten-)Aussage bleibt zuweilen auf der Strecke. Neo Rauch hat da zwei Vorteile. Erstens wird seine Rendite das Fernsehen nie erreichen und zweitens ist sein Medium zurzeit nicht im Verschwinden begriffen.

Medientreffpunkt
Redet über Inhalte!
Video: news.de

Internet und TV nähern sich immer weiter an. Bewegte Bilder, Videostreams und ganze Filme kommen über das Internet. Das Fernsehgerät hat einen Breitbandanschluss. Von den Möglichkeiten der neuen Handygeneration ganz zu schweigen. Und schon sind Debatten am Kochen, die den Konsumenten eines Ölgemäldes kalt lassen. Wie viel Angebot dürfen die öffentlich-rechtlichen Anstalten gebührenfinanziert ins Netz stellen? Und wie kann in Zukunft der Nutzer von Medien zur Kasse gebeten werden? Schwere Kost, die noch lange nicht gegessen ist. Am heutigen Donnerstag stellt Paul Kirchhof dazu seine Studie zur neuen Rundfunkgebührenordnung vor.

Hermann Eicher, Leiter der ARD-Clearingstelle gegen Schleichwerbung und Justiziar des SWR, schwärmt auf dem Medientreffpunkt Mitteldeutschland am Mittwoch in Leipzig noch von der «heilen Welt», die es im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gab, bis 1999 der böse Internet-Wolf über die Anstaltsgeißlein herfiel. Auch Carl Eugen Eberle, Justiziar des ZDF, sagt: «Es kommt darauf an, dass Angebote vorhanden sind.» Man könne nicht verlangen, dass sich die Finanzierung nach den Inhalten richte.

Peter Zimmermann, Sprecher der thüringischen Landesregierung, bringt die Perspektive des Publikums in die Debatte ein - wenn auch mit der bürokratischen Formulierung des «Mediennutzungsverhaltens». «Wir haben ein Wahrhaftigkeitsproblem», sagt er, und verklausuliert damit: Es leuchtet den Menschen nicht ein, dass sie für etwas bezahlen sollen, was sie nicht nutzen - egal, ob das per Steuer oder Abgabe geschieht, als GEZ-Gerätegebühr oder nun angestrebte Haushaltspauschale.

Zimmermann hat auch den Mut, von diesem Punkt aus den Schritt zum Programm zu machen. Wenn ARD und ZDF nicht so viel Schrott senden würden, könnten sie auch mit besserem Recht auf die Gebühren pochen, lautet seine Botschaft zwischen den Zeilen. Eicher hat dem nur ein Mahnen an die Tradition entgegenzusetzen. «Die Idee im öffentlich-rechtlichen Rundfunk war noch nie: Ich bezahle nur das, was ich auch nutze. Es gab schon immer ein Solidarmodell. Und ohne diesen Grundgedanken sehe ich schwarz.»

Auch das hat der Käufer von Neo-Rauch-Kunstwerken nicht zu befürchten. Ein ganz schwarzes Bild hat er noch nicht zu Stande gebracht. Ist es nicht eher so, dass die TV-Anstalten das Internet als Chance begreifen könnten? Der Präsident des Verbands Privater Rundfunk und Telekommunikation, Jürgen Doetz, fordert einmal mehr eine neue Medienordnung für Deutschland. «Es geht - etwa bei der Entwicklung im Internet - nicht um eine Welt von morgen: Wir sind drin», sagt er. «Chaos und Wildwuchs werden kommen», wenn die Politik keine Ordnung schaffe.

ZDF-Justiziar Carl Eugen Eberle versichert, dass «auch wir an einem starken dualen System aus beiden Säulen» interessiert sind, mit klarer Aufgabenteilung zwischen dem öffentlich-rechtlichen und dem privaten Rundfunk. Mit Blick auf den noch jungen Staatsvertrag für die öffentlich-rechtlichen Sender mit weitreichenden Veränderungen und Regeln für deren Internet-Angebote wünsche er sich aber «jetzt erst mal Ruhe an dieser Front». Da lächelt MDR-Intendant Udo Reiter und hat nichts dagegen, auf einer Stufe mit Neo Rauch zu stehen.

car/reu/news.de

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