«Tatort: Blutgeld» Schuld und Sühne

Tatort (Foto)
Marc Simon (Stephan Kampwirth) im Verhör: Hat er seine eigene Familie umgebracht? Bild: SWR/Stephanie Schweigert

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Ein Banker verliert erst sein Geld, dann seine Familie und schließlich die Kontrolle. Der Stuttgarter Tatort: Blutgeld wandelt sich geschickt vom intimen und anrührenden Krimi-Drama zum packenden Thriller. Und das ganz ohne Banker-Bashing oder erhobenen Zeigefinger. Große Kunst.

Wo andere zu wenig haben, da hat Marc Simon (Stephan Kampwirth) von allem ein wenig zu viel: Er hat zwei Frauen, zwei Kinder und zwei Häuser, und er hat offensichtlich genug Geld für zwei Leben. All das mag für manchen klingen, wie ein Traum. Doch für Simon wird es - spätestens am 42. Geburtstag seiner Frau - zum Albtraum.

An diesem Abend nämlich liegt sie mit der gemeinsamen Tochter erschossen im Wohnzimmer. Doch als die Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) am Tatort aufkreuzen, ist Simon verschwunden - und die Reaktionen auf das grausame Verbrechen sind verwirrend: Simons Schwiegervater (Eric P. Caspar) bricht mit einem Herzinfarkt zusammen und bringt gerade noch die Sätze «Er ist Schuld. Marc ist an allem Schuld» über die Lippen. Und André Lindner (Hans-Jochen Wagner), der Freund der Familie, rastet förmlich aus, als er die tragische Botschaft bekommt und schmeißt Lannert kurzerhand aus der Wohnung.

«Tatort: Blutgeld»
Ein doppeltes Drama

Es ist von Beginn an ein hoch emotionaler Fall, den Bootz und Lannert da lösen müssen und spätestens, als der Bankangestellte nach 24 Stunden völlig verstört wieder auftaucht, merken sie, dass Simons Leben alles andere war als ein Traum. «Wissen Sie, was das Schlimmste ist, was einem passieren kann?», fragt er Bootz im Verhör. «Dass Sie eine andere Frau kennenlernen, die Sie genauso lieben, das ist die Hölle. Egal, was Sie machen, Sie verletzen die Menschen, die Sie am meisten lieben. Sie verletzen sie und zerstören sie. Und sie können es nicht mehr ändern.»

Zwei Kommissare greifen tief in die Trickkiste

Und noch etwas scheint die Hölle zu sein. Wieder raus zu müssen ins Leben, dem vermeintlichen Freund Lindner und diesem dubiosen Anwalt ausgeliefert zu sein, der vorgibt, ihm helfen zu wollen. Simon scheint Angst zu haben, panische Angst. Doch vor wem? Nach und nach wird den Kommissaren klar, dass in diesem Leben offenbar einiges schief gelaufen ist. Erst musste sich der Banker Geld von den Schwiegereltern leihen, später, als auch das nicht mehr gereicht hat, bediente er sich bei der Unterwelt.

«Tatort»
Die Kommissare im Überblick

Macht die ihm nun das Leben schwer? Ist Simon in die Mühlen des organisierten Verbrechens geraten? Oder war es doch eine Familientragödie? Immer weniger scheint dafür zu sprechen, denn immerhin kann Eifersucht als Tatmotiv offenbar ausgeschlossen werden: Die beiden Familien wussten voneinander - seit drei Jahren. Als Simon jedoch den Spieß umdreht und vom Gejagten zum Jäger wird, müssen Bootz und Lannert ganz tief in die Trickkiste greifen, um diesen Fall zu einem guten Ende zu bringen - wenn man nach derart ergreifenden Tragödien überhaupt noch von so etwas sprechen kann.

Autor und Regisseur Martin Eigler hat mit diesem Tatort, dem sechsten für die Bienzle-Nachfolger, viel gewagt und noch mehr gewonnen. Er hat ihn mit Stephan Kampwirth und Lisa Martinek, die Simons Freundin Cornelia König spielt, erstklassig besetzt. Er hat mit Christoph Schmitz einen Kameramann an der Seite gehabt, der den Spagat zwischen Nähe und Distanz, zwischen Bedächtigkeit und Tempo durch den ständigen Wechsel zur wackeligen Handkamera perfekt beherrscht. Und er hat es geschafft, die 180-Grad-Wende vom intim gedrehten Krimi-Drama zum handfesten Thriller ohne Glaubwürdigkeitsverlust zu bestehen. Und das zu einem großen Teil auch dadurch, dass er dieses Drama nicht zu einem der Finanzkrise macht, dass er den Fall um einen gefallenen Banker nicht mit erhobenem Zeigefinger abwickelt.

Hinter der Wohnungstür warten Frau und Kind

Zudem geben Müller und Klare inzwischen ein derart eingespieltes Team ab, dass selbst eingefleischte Bienzle-Fans den eigenbrötlerischen Schwaben kaum noch vermissen dürften. Zwar ist den Stuttgarter Tatort-Folgen seit dem Ausstieg des Trollinger trinkenden Ermittlers viel Lokalkolorit verloren gegangen, zumindest in diesem Fall aber versucht das Hans-Jochen Wagner als schwäbelnder André Lindner ein wenig wieder gut zu machen.

Nicht umsonst haben die beiden Stuttgarter Ermittler seit ihrem Start 2008 mehr als solide Quoten. Wohl auch deshalb, weil ihre Fälle immer am Gefühl rütteln, weil man spürt, dass sie jeden Abend etwas von ihrer Arbeit mit nach Hause nehmen, dass Bootz nicht einfach auf der Fußmatte abschütteln kann, dass da gerade eine Familie zerstört wurde - schließlich warten hinter der Wohnungstür Frau und Kind. Und Lannert? Der hat neben dem skrupellosen Mord auch noch mit seinem Arbeitgeber zu tun, der ihn zu Schießübungen verdonnert. Ein verdammt ungünstiger Zeitpunkt, findet Lannert. Dabei wird er das Schießen noch gut brauchen können in diesem Fall.

Es sind - neben dem hervorragenden Drehbuch und der bemerkenswerten Leistung Stephan Kampwirths - auch diese Nebenschauplätze, die Blutgeld zu einem außerodentlichen Tatort machen. Streckenweise aufwühlend, von wechselndem Tempo getrieben und bis zur letzten Minute packend, und dazu noch auf höchst unterhaltsame Weise menschlich. Keine Selbstverständlichkeit für einen Fall, bei dem es eigentlich um einen Banker und seine Misswirtschaft geht.


Tatort: Blutgeld, Sonntag, 25. April, 20.15 Uhr, Das Erste

hav/ivb/news.de

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Friedrich Schlenker
  • Kommentar 2
  • 01.05.2010 15:08

Ein Horrorfilm mit Schäuble als Ghoul od. Catweazle wär spannender, aber auch billiger: Man spart sich die Maske! Interessant wäre z.B. The Munsters reloadet mit Angie als Besenkammer Diva, die sich in derselben verbarrikadiert, weil sie Angst vor Hausstaubmilben hat und natürlich mit der übrigen Brut von Nachtschattengewächsen aus Politik und Dekadenz (Prominenz).

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  • filmkritiker
  • Kommentar 1
  • 28.04.2010 12:51

Der Tatort Lannert und Bootz "Blutgeld" war enttäuschend. Da hätte man sich wirklich mehr erhofft. An der Geschichte lag es nicht, sondern an der Erzählweise. Der Anfang war zu lahm, die Schauspieler leider mal wieder zu cool, außer S. Kampwirth der als einziger überzeugen konnte. Die 2 Kommissare ähneln sich zu arg - Bootz hat zwar Familie (die diesmal auch nicht vorkam) aber das war es auch schon... Die Kameraführung war dann am Ende auch noch Schuld, dass einem beinahe schwindelig wurde, obwohl man solange durchgehalten hat...ich frage mich nur was die Zooms bewirken sollten?Mehr Spannung?

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