«Markus Lanz» Bis einer weint

Lebendiger Käse und scharfe Chili-Kreationen bei Markus Lanz – schweißtreibende Angriffe auf die Geschmacksnerven verschlugen selbst dem Moderator die Sprache.

Markus Lanz (Foto)
ZDF-Talker Markus Lanz. Bild: dpa

Markus Lanz windet sich vor Schmerzen; das Publikum grölt. Auch Bernhard Hoëcker freut sich diebisch. Noch. Dem Comedian soll allerdings gleich selbst das Lachen vergehen. «Hoëcker, siehst du scheiße aus!» frohlockt Lanz, als sein Studiogast sich kurze Zeit später die Tränen aus den trüben Augen wischt. Am Ende der Sendung quetschen sich Hoëcker und Lanz merklich lädiert in trauter Zweisamkeit und kichernd wie zwei Schulbuben auf einen Stuhl, die Moderationskarten sind mittlerweile sowieso egal, und «Painmaker» Ralf Nowak konstatiert lakonisch «Sie merken jetzt, wie Sie allmählicher immer lustiger werden.»

Was bitte war da denn los?

Eigentlich hatte der Abend alles andere als lustig begonnen. Zu Beginn der Sendung begrüßt Markus Lanz Andreas Biermann vom FC St. Pauli, der offen über seine beiden Selbstmordversuche sowie seine stationäre psychiatrische Behandlung spricht. Neben Biermann sind Eleonore Weisgerber, Schauspielerin und Gründerin der In-Balance-Stiftung für bipolare Störungen, und der Psychiater und Autor Manfred Lütz zu Gast.

Jörg Pilawa und Kollegen: Die mit dem Zahnpastalächeln

Es geht also um Depressionen, und damit um ein Tabu im Leistungssport und in der Leistungsgesellschaft. Ein ernstes und wichtiges Thema, sicher. Man spricht - natürlich - über Robert Enke und die Pressekonferenz seiner Witwe, über den «Druck» der Gesellschaft und über das Leiden der Angehörigen. Und doch hat man den Eindruck, das alles irgendwie schon mal gehört zu haben. Schwer zu sagen, warum das Gespräch trotz scharfsinniger Fragen von Lanz seltsam klinisch an der Oberfläche verbleibt und nicht recht an Fahrt gewinnen will.

Vielleicht, weil sich im Grunde alle sowieso einig sind und nur noch gegenseitig die Stichworte soufflieren: Depression ist eine Krankheit, über Depression muss man sprechen, Depression muss man beim Namen nennen. Vor allem natürlich öffentlich, und allein deshalb verdient der Auftritt Biermanns vermutlich Respekt. Den muss man in diesem Fall gerechterweise aber auch dem Moderator zollen: Denn Lanz tappt begrüßenswerterweise nicht in die Kerner-Falle und zerfließt in öliger Anteilnahme, sondern schlägt durchaus auch kritische Töne an, hakt nach und hinterfragt. Aufatmen tut man dennoch, nachdem der erste Block vorbei ist.

Schmerzhafter zweiter Teil

Mit lebendigem Milbenkäse und feurigem Action-Food geht es im zweiten Teil der Talk-Show dann um etwas völlig anderes, so dass Lanz nicht einmal den Versuch einer Überleitung unternimmt. Es wird eingedeckt, ruckzuck kommen Biergläser auf den Tisch und die Kabarettisten Bernhard Hoëcker sowie Tetje Mierendorf versammeln sich nebst Käsemeister Helmut Pöschel um den selbigen. Später wird noch «Painmaker» Ralf Nowak hinzukommen, der seinen bezeichnenden Beinamen seinen ultrascharfen Chili-Kreationen verdankt.

Nun darf diniert werden, und während Lanz sich genüsslich ein Käseeckchen nach dem anderen in den Mund schiebt, erzählen Hoëcker und Mierendorf von ihrer Gourmetreise durch Deutschland und machen ein bisschen Cross-Promotion für ihre Sendung Was genießt Deutschland, die Ostern im ZDF ausgestrahlt wird. Pöschel anekdotet derweil charmant um den gruseligen Traditionskäse (die Nahaufnahme beweist: Hier webt und west es tatsächlich!) und Lanz sichert sich lieber noch rasch ein Schnittchen, bevor er auszieht, das Publikum zu knechten («Na, wer traut sich? Vielleicht der Herr da hinten…!»).

Bei den Chili-Kreationen des «Painmaker» hätte er den Mund allerdings besser nicht so voll nehmen sollen. Hoëcker und Mierendorf platzen fast vor Schadenfreude, als Lanz beherzt zur Schote greift. Ab diesem Moment hat die Talk-Show keinen Moderator mehr. Etwas weniger Effekt wäre Ralf Nowak dann vermutlich doch lieber gewesen: Seine grotesk zwischen den Hustenanfällen des schwitzenden und keuchenden Lanz platzierten Chili-Zoten über heilende Kräfte, drogenartige Rauschzustände und aphrodisierende Wirkung versanden jedenfalls ungehört. Lanz will jetzt von Milbenkäse nichts mehr wissen und verlangt Milch, Milch, Milch, während Hoëcker den Fortgang der Show improvisiert, Chilikostproben an das Publikum verteilt - und sich danach (ausgleichende Gerechtigkeit?) mit einer unachtsamen Augenwischerei selbst außer Gefecht setzt.

Freilich: Mit Talk hat das alles längst nichts mehr zu tun; vielmehr gleicht das einer Art Jackass für Anzugträger. Und warum auch nicht? Gegen Kurzweiligkeit, Improvisation und Komik ist prinzipiell nichts einzuwenden. Auch für ein bisschen Albernheit darf in einer ZDF-Talkshow mal Platz sein - vor allem, wenn sie so erfrischend uneitel und gutgelaunt daherkommt. Einziger Wermutstropfen bleibt jedoch die völlig unverbundene (und unüberdachte?) Themenwahl des Abends. Depression und absurde Delikatessen vertragen sich nicht besonders gut - selbst wenn beides schwere Kost ist.

cvd/ivb/news.de

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • moptop
  • Kommentar 1
  • 31.03.2010 11:51

"Jackass für Anzugträger"? Großartig! Das schaue ich mir beim nächsten Mal definitiv an.

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig