«Maybrit Illner» Wie MacGyver vor dem Zeitzünder

Illner (Foto)
Moderatorin Maybrit Illner. Bild: ZDF

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Wie geht es eigentlich weiter mit dem Gesundheitssystem? In einer munteren, teilweise unübersichtlichen Diskussion versuchten das Maybrit Illner und Gäste zu klären. Sie scheiterten wohl auch daran, dass das Thema zu komplex geworden scheint.

Wirft man einen Blick auf die Homepage von Werner Bartens, dem Leiter des Wissenschaftsressorts der Süddeutschen Zeitung, so findet sich dort im unteren Drittel eine Aufzählung seiner Fernsehauftritte zwischen 2003 und heute: Zehnmal Kerner, viermal Hart aber fair, je zweimal Münchener Runde, Nachtcafé und NDR-Talkshow, je einmal Anne Will, Menschen bei Maischberger und Beckmann und noch ein bisschen Kleinkram.

Seit gestern Abend ist diese Liste nun vollständig, und man kann eigentlich kaum glauben, dass der studierte Mediziner bislang noch nicht ein einziges Mal bei Maybrit Illner zu Gast gewesen sein soll. Doch 2010 beginnt gut für Bartens. Die Gesundheitsreform ist Dauerthema in deutschen Talkshows, und obwohl er bei der vergangenen Ausgabe von Hart aber fair einmal nicht auf dem Podium sitzen durfte - das Leben geht weiter, mit Sandra Maischberger im Januar und Maybrit Illner im Februar. Keine Panik.

Die Statistik macht es einmal mehr nötig, darüber zu reden, wie schutzlos Patienten nun wirklich sind. 90 Prozent aller Deutschen, so sagt diese aus, glauben, das deutsche Gesundheitssystem befinde sich kurz vor dem Kollaps oder stecke zumindest ziemlich tief im Dreck. Die Beiträge zu hoch, die Leistungen zu schlecht, und - das Jahr hat noch nicht einmal richtig begonnen - schon legen die Kassen wieder nach.

Wie Pat und Patachon

Neben Bartens hatte Illner sich weitere Experten ins Studio geholt: Daniel Bahr (FDP) etwa, den parlamentarischen Staatssekretär im Gesundheitsministerium, Bayerns Staatsminister für Umwelt und Gesundheit, Markus Söder (CSU), Thomas Bodmer, Vorstand der größten deutschen Betriebskrankenkasse BKK und Hinrich Romeike, Zahnarzt und Mitglied der deutschen Reit-Equipe (unter anderem Doppel-Olympiasieger bei den Spielen in Peking).

Da saßen sie sich nun also gegenüber, der Autor des Ärztehasserbuches Bartens, ein Nestbeschmutzer quasi, und Zahnarzt Romeike, der Vielseitigkeitsreiter. Klingt beides nach guten Voraussetzungen für eine Talkshow, ein bisschen Gift verspritzen auf der einen, ein paar kluge Manöver auf der anderen Seite? Von wegen. Man ging sich aus dem Weg, zunächst zumindest.

Wie Pat und Patachon hingegen, vielleicht auch aufgrund der angespannten Lage der Koalition in hübscher Zwietracht, machten es sich Bahr und Söder bei Illner dennoch gemütlich. Für Söder ging es nicht um Versicherungsmathematik, für Bahr nicht um Schuldzuweisungen, das Wohl der Patienten habe man im Sinn, und nur das. Und Romeike, der musste aufpassen, dass ihm da nicht die Pferde durchgingen. Das System der Zusatzbeiträge sei gewollt, darauf habe es die Große Koalition angelegt, die Guten ins Töpfchen, bei den Schlechten kommen am Ende die Patienten ins Kröpfchen.

Für die Kostenpläne nur Zettel und Bleistift

Doch wie nun weitermachen? Die Zusatzbeiträge stehen an, Ende des Jahres, prophezeite Bodmer, würden alle Kassen nachziehen, demnach bleibt soviel Zeit nicht. Oder sind die Deutschen einfach nur verwöhnt und überversorgt, wie die Statistik der Illner-Redaktion mit einigen Schlagzahlen vorrechnete? Romeike, selbst gesetzlich versichert, würde es schon genügen, Bürokratieabbau zu betreiben, um Kosten zu sparen. Er brauche für seine Kostenpläne Zettel und Bleistift, für seine Rechnungen eine Schreibmaschine. Mehr nicht. Bahr schüttelte zunächst den Kopf, stimmte dann aber zu. Und alleine schon die folgende Diskussion um die Verteilung der Gelder durch den Gesundheitsfonds, über Abläufe bei den Kassen, zeigte: So Unrecht hat Romeike offenbar nicht. Nur, ob dafür die Kassen verantwortlich sind, das glaubte nach der einen Stunde wohl niemand mehr.

Diese Komplexität und Intransparenz aber, für die es noch manches Beispiel gab, die sei gewollt, so Bartens. Es gehe schlicht um zu viel Geld, es gebe zu viele Interessengruppen, die an der Debatte beteiligt seien, das alles aber schade eben nur dem Patienten. Gerne hätte Bahr ihm zugestimmt, einzig, Bartens wollte das nicht glauben und fiel ihm ins Wort, wo immer er konnte. Als er dann wieder durfte, sagte Bahr, ihm gehe es eher darum, das zwar teure, aber auch gute Gesundheitssystem zu erhalten, anstatt es zu reformieren. «Andere Länder beneiden uns darum», sagte der FDP-Politiker.

Die Diskussion wurde munter, aber auch ein wenig unübersichtlich. Mit dem Schlagwort Populismus geißelte Bartens CSU-Mann Söder, es ging um Medikamentenzulassungen und gestrichene Leistungen der Kassen bei gestiegenen Beiträgen, es ging um das Einzelschicksal einer Putzfrau im Publikum und die Frage ob die Kassen die Zusatzbeiträge in guten Zeiten auch wieder an die Kunden zurückzahlen können. Mit Freude, sagte Bodmer da. Und ein paar gute Tipps für die Zuschauerin hatte er auch gleich noch parat.

«Sonst knallt uns nächstes Jahr das ganze System um die Ohren»

Einig war sich eigentlich die ganze Runde, dass die Qualität der ärztlichen Behandlung in Deutschland hingegen gut genug ist. Bartens und Romeike merkten jedoch an, und da war er dann doch noch, der Dialog zwischen den beiden Medizinern, ihre Zunft müsse zu oft betriebswirtschaftlich denken, und zu selten medizinisch.

Und schlussendlich durfte man sogar noch ein wenig schmunzeln bei einem Thema, das doch eigentlich so gar nicht zum Lachen ist. Doch als Bahr mit Blick auf Söder anmerkte, eigentlich sei sich die Koalition doch einig, er habe Söder bereits überzeugt, und der CSU-Kollege jedoch nur müde lächelnd den Kopf schüttelte, da spürte der Zuschauer, dass sich in Gesundheitsfragen eigentlich gar nicht so viel geändert hat seit der Großen Koalition. Zumindest nicht, was die politischen Prozesse angeht. Und schon gefror ihm das Lächeln im Gesicht.

Schlussendlich heißt das Zauberwort der Politik abwarten. Nur nicht zu lange, warnte Bodmer, «sonst knallt uns nächstes Jahr das ganze System um die Ohren». Und nun stehen Politik, Ärzte, Patienten und Krankenkassen, Lobbyisten und die Pharmabranche vor dem Gesundheitswesen wie MacGyver vor einem Zeitzünder. Der rote Draht oder der blaue? Oder vielleicht doch lieber den grünen? Doch MacGyer, der hätte einfach Kugelschreiber und Bindfaden aus der Tasche gezogen und ... Ach, lassen wir das.

hav/ivb/news.de

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