Der MDR in Vancouver «Es wird noch turbulent»

Zum ersten Mal übernimmt der MDR die Regie für die Übertragung der Olympischen Winterspiele. Sportchef Wolf-Dieter Jacobi spricht mit news.de über die Einführung von HDTV, die technischen Hürden und die Zusammenarbeit zwischen den ARD-Anstalten.

Wolf-Dieter Jacobi (Foto)
MDR-Sportchef Wolf-Dieter Jacobi. Bild: mdr/andreas lander

Herr Jacobi, Sie sind schon seit einigen Tagen in Vancouver. Wie ist die Situation vor Ort?

Jacobi: Wir haben unser IBCAls IBC (International Broadcast Centre, deutsch: Internationales Sendezentrum) wird ein Medienzentrum und die Zentrale für Rundfunk- und Fernsehübertragungen einer Großveranstaltung bezeichnet. hier in Vancouver eingerichtet, haben das Studio aufgebaut, Schnittplätze, Regie und Schaltraum. Jetzt geht es langsam mit dem Einleuchten des Studios los. Und das Gleiche gilt auch für unser Bergstudio oben in Whistler Mountain, auch da sind wir noch beim Aufbau, aber schon relativ weit. Natürlich laufen jetzt auch schon Vorberichte, wir produzieren ja für diverse Formate - Morgenmagazin, Mittagsmagazin oder Nachrichtensendungen - auch schon Beiträge.

Olympia: Die Sportstätten in Vancouver

Das klingt recht gelassen ...

Jacobi: Ja, das ist auch wichtig, denn wir haben eine Menge Programm zu machen und da sollte man nicht schon vorher in Hektik verfallen. Es wird dann eh noch turbulent, wenn wir pro Sendetag 18 Stunden in der ARD und parallel dazu noch Digitalprogramm machen müssen. Da wird es noch genug prickelnde Situationen geben, da müssen wir nicht vorher schon unsere Kraft verschießen.

Welchen Aufwand betreiben Sie, um das Vorhaben Olympia zu stemmen?

Jacobi: Wir haben für das Programm der ARD rund 270 Kollegen mitgebracht und senden an den ARD-Tagen von abends 18 Uhr bis 12 Uhr mittags am Folgetag. Das machen wir im Wechsel mit dem ZDF. Dazu kommen im gleichen Umfang zwei Digitalkanäle, EinsFestival und ZDFinfo, die etwa acht bis zehn Stunden täglich machen. In Summe kommen wir damit auf fast 600 Stunden.

Der MDR ist zum ersten Mal federführend für die Olympischen Winterspiele. Bisher hat das der Bayerische Rundfunk übernommen. Die größte Herausforderung in der Sendergeschichte?

Jacobi: Ja. Sicherlich hat der MDR in verschiedenen Bereichen schon große Produktionen gemacht, aber vom Umfang her, von den Dimensionen, ist es mit Sicherheit das größte Projekt. Vor allem, weil es sehr komplex ist und nicht nur Fernsehen umfasst, sondern auch Hörfunk und Online.

Haben Sie sich denn im Vorfeld Tipps vom Bayerischen Rundfunk geholt?

Jacobi: Absolut, natürlich. Wir haben ja schon vor Turin gewusst, dass wir in Vancouver dran sind und haben uns demzufolge die Spiele dort sehr genau angeschaut und analysiert. Zudem haben wir mit vielen Kollegen gesprochen. Nicht nur vom Bayerischen Rundfunk, denn das ARD-Team setzt sich aus Kollegen zusammen, die von Bremen bis München zu Hause sind. Wir setzen natürlich auf das Know-How, das wir im Wintersport haben – der MDR ist ja federführend für den gesamten ARD-Wintersport - und natürlich auf die Federführer der einzelnen Sportarten: Der Bayerische Rundfunk für Alpin, der SWR für das Skispringen, der RBB für Biathlon. Diese Sportartenexperten haben wir alle mit eingebunden und so ein sehr gutes Team zusammengestellt.

Wie ist es denn eigentlich zu der Entscheidung gekommen, dass der MDR die Übertragung von Vancouver übernimmt?

Jacobi: Der MDR hatte sich schon um Turin beworben. Damals ist allerdings entschieden worden, da Turin ja auch relativ dicht an Bayern oder zumindest näher als an Mitteldeutschland liegt (lacht), dass der BR Turin noch macht und dann in Vancouver der MDR dran ist, weil wir mit dem BR der Sender sind, der in der ARD am meisten Wintersport überträgt. Wir haben alle großen Sportarten bis auf Alpin bei uns im Sendegebiet: Biathlon in Oberhof, Skispringen in Klingenthal, Bob und Rodeln in Altenberg und Oberhof, ebenso wie Langlauf und Tour de Ski, Nordische Kombination, Eisschnelllauf in Erfurt, jetzt hatten wir auch noch Shorttrack in Dresden. Wir haben also so etwas wie kleine Olympische Spiele immer bei uns im Sendegebiet. Deshalb macht es auch Sinn, dass wir uns das mit dem Bayerischen Rundfunk teilen. Jetzt haben wir Vancouver, Sotschi macht dann wieder der BR.

Gibt es eine Konkurrenz unter den Sendeanstalten?

Jacobi: Insofern nicht, als dass wir uns die Federführung klar aufgeteilt haben. Da müssen wir nicht konkurrieren, weil das langfristig besprochen ist. Der WDR macht die Euro 2012, der SWR die Fußball-WM, der NDR die Olympischen Sommerspiele und BR und MDR teilen sich halt den Winter. Das ist eigentlich sehr entspannt und Konkurrenz würde auch gar nicht gehen, weil wir an jedem Wochenende zusammenarbeiten, wenn ganz viele Sender unter einem Dach die Winterwochenenden machen. Das ist so anspruchsvoll und kompliziert, auch, weil der Winter nur bedingt planbar ist, dass man extrem gut zusammenarbeiten muss.

Sie selbst sind eigentlich Boxexperte. Welchen Zugang haben Sie persönlich zum Wintersport?

Jacobi: Boxen ist mein Steckenpferd, und selbst als Reporter bin ich auch nur dort tätig. Aber ich bin natürlich seit vielen Jahren am Wintersport interessiert. Als Zuschauer habe ich von Kindheit an vor dem Schirm gesessen, nicht nur bei Olympia, sondern auch bei der Vierschanzentournee oder ähnlichen Übertragungen. Von den frühen 1970ern an bin ich dabei und gerade in den letzten Jahren bin ich natürlich durch die Arbeit bei vielen Sachen vor Ort gewesen.

Welche besonderen Herausforderungen gibt es für den MDR in Vancouver?

Jacobi: Unser Hauptthema ist natürlich die Einführung von HDHigh Definition Television (HDTV, englisch für hochauflösendes Fernsehen). . Das war für die Techniker vor allem in der Planung und jetzt im Aufbau eine sehr große Herausforderung, weil es das so in dieser Form noch nie irgendwo gegeben hat. Das ist wirklich ein echter Neustart. Wir haben zwar Tests gehabt und auch die Leichtathletik-WM in Berlin, aber so, in dieser Dimension, auch noch mit scharfem Sendestart, ist das was ganz Besonderes. Das spürt man auch bei den Kollegen.

Der zweite Aspekt ist die Logistik mit der Entfernung von Vancouver nach Whistler. Wir haben praktisch zwei Teams an zwei getrennten Orten, die sich nie begegnen und die auch nicht shuttlen können, weil man fast drei Stunden unterwegs ist. Und dann gibt es noch dieses lustige Thema mit der Zeitverschiebung, an die wir uns jetzt langsam gewöhnt haben. Wir haben auch einen großen Zettel an der Wand: Vancouver-Zeit, deutsche Zeit, damit man den Überblick hat, wie es zu Hause aussieht.

Können Sie etwas darüber sagen, was das ganze Projekt kostet?

Jacobi: Nein, dazu geben wir keine detaillierte Auskunft. Es ist etwas mehr als in Turin, aufgrund der Logistik, der Entfernung und der HD-Einführung. Aber es hält sich im Rahmen, der bisher auch ausgebeben wurde. Wir haben im Aufwand an ein, zwei Stellen etwas reduziert, das wird aber der Zuschauer glaube ich nicht merken. Vor allem haben wir versucht, möglichst viele Synergien mit dem ZDF auszuschöpfen, in der Technikproduktion arbeiten beispielsweise 95 Prozent des Personals für beide Sender.

Wie viel Vorlauf vor Ort haben Sie gebraucht und wann werden Sie alles wieder abgebaut haben?

Jacobi: Mitte Januar ging es hier los mit dem Aufbau, mit den Technik- und Bühnenkollegen. Es standen ja praktisch nur die Pappwände vom Host-BroadcasterDie gastgebende Rundfunkanstalt, in diesem Fall die Olympic Broadcasting Services Vancouver. . Nach Vancouver werden wir dann den Standort hier zurückbauen bis auf den Schaltraum und werden dann nur noch aus Whistler die Paralympics machen. Auch das haben wir uns geteilt, da machen die ZDF-Kollegen die ersten Tage und wir den Abschluss.

Was für einen Eindruck haben Sie bis jetzt von der Organisation?

Jacobi: Bislang einen sehr guten, das war aber auch zu erwarten. Die Kanadier haben sich sehr viel Mühe gegeben und man spürt auch die Begeisterung, mit der sie dabei sind. Sie sind sehr freundlich und hilfsbereit. Bislang haben wir da sehr positive Eindrücke. Natürlich ist es bisher noch ein wenig ruhig, denn der große Ansturm steht ja noch bevor.

Gibt es einen Wettbewerb, auf den Sie sich besonders freuen?

Jacobi: Das ist bei Olympia immer schwer zu sagen, weil sich ja auch während der Spiele Dinge entwickeln und Helden geboren werden, mit denen man vorher vielleicht gar nicht gerechnet hat. Ich finde, schon der Start ist sehr spektakulär. Wir haben die Eröffnungsfeier mit der olympischen Nacht am Freitag ab 23.30 Uhr, davor schon die Skisprung-Quali ab 18 Uhr. Und den Auftakt am Samstag finde ich super, weil wir dort das erste Biathlon-Rennen haben und dann Skispringen und Abfahrt der Männer. Drei Geschichten, die absolut top sind, darauf freue ich mich riesig, auch weil vielleicht ein wenig Druck von den Kollegen abfällt, wenn man die ersten beiden Tage gemacht hat.

Wagen Sie eine Prognose, was die Medaillen angeht?

Jacobi: Nein, ich bin kein Freund von Länderwertungen und Erbsenzählerei. Ich finde, wenn dieses Ereignis an sich etwas transportiert und die Stimmung gut ist und wir tolle Leistungen und sympathische Athleten mit Sportsgeist sehen, dann ist alles erreicht, was man sich wünschen kann. Ich glaube, wir haben sehr viele Medaillenkandidaten, da ist mir eigentlich nicht bange.

 

Wolf-Dieter Jacobi ist seit 2005 Sportchef des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR). Der 39-jährige Journalist aus dem sächsischen Borna war Amateurboxer, studierte Journalistik und Sport in Leipzig und baute in Dresden das sächsische Regionalfernsehen mit auf. Mit Gründung des MDR 1992 wurde Jacobi Sportchef im Bereich Fernsehen des MDR Landesfunkhauses Sachsen, daneben war er Moderator des Sachsenspiegels. 2002 übernahm er die Leitung des Programmbereichs Fernsehen im Dresdner Landesfunkhaus. Ab dem gleichen Jahr kommentierte er die Boxwettkämpfe im MDR Fernsehen, seit 2004 gehört er zu den Box-Kommentatoren im Ersten.

kru/mas/ivb/news.de

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