Kampusch-Doku Streifzug durch den Folterkeller

Natascha Kampusch (Foto)
Im Fokus der Öffentlichkeit: Natascha Kampusch. Bild: ARD

Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Beklemmende Aufnahmen aus dem Verlies: Eine Dokumentation rekonstruiert den Fall Natascha Kampusch. Und gibt ihr drei Jahre nach der Entführung die Chance, einige Dinge klar zu stellen.

Ihre Stimme ist brüchig und stockt, als sie sagt: «Erst wollte ich die Straßenseite wechseln, aber dann nahm ich mir vor, weiterzugehen.» In der Dokumentation Natascha Kampusch. 3096 Tage Gefangenschaft geht Natascha Kampusch noch einmal in Gedanken zu dem Moment zurück, der so schicksalshaft für ihr Leben sein sollte: Ein weißer Kastenwagen parkt am Straßenrand. Daneben steht ein Mann. Dass sie es ist, auf die der Unbekannte wartet, ahnt die damals Zehnjährige da noch nicht. Was seitdem geschah, versuchen die Macher des Films, der heute um 21 Uhr im Ersten ausgestrahlt wird, nachzuzeichnen. Kampusch selbst, ihre Mutter und der Freund des Entführers kommen dabei zu Wort.

Der NDR macht daraus kein reißerisches Stück, sondern räumt Natascha Kampusch viel Raum ein, um ihre Sicht der Dinge zu schildern. Angefüttert mit der Rekonstruktion der Polizeiermittlungen, beklemmenden Aufnahmen aus dem Verlies, in dem der Entführer Natascha Kampusch achteinhalb Jahre lang festhielt und quälte. Die Macher haben gottlob nicht den Versuch unternommen, die Ereignisse mit Schauspielern oder gar der echten Kampusch nachzustellen. Ruhige Aufnahmen von verschimmelten Wänden, rotierenden Ventilatoren und dem Geräusch der zufallenden und sich öffnenden Verliestüren geben dem Zuschauer eine Ahnung von dem Grauen, das sich dahinter abgespielt haben muss, lassen Natascha Kampusch aber auch ihre Würde. Welche Details sie preisgibt, bleibt bei dieser Dokumentation in ihren Händen.

Natascha Kampusch
3096 Tage in Gefangenschaft

Die Art und Weise, wie Kampusch über ihre Gefangenschaft spricht, erzählt ohnehin genug: Die Qual, die es ihr bereitet haben muss, das alles noch einmal in Worte zu fassen, ist geradezu greifbar. Ihre Stimme klingt gepresst, der Blick flackert, hin und wieder entgleitet die Mimik.

Natascha Kampusch will Missverständnisse ausräumen

Kampusch nutzt diesen Film, um einige Dinge klar zu stellen: Sie wehrt sich gegen Spekulationen über Sado-Maso-Verbindungen und Kinderporno-Ringe, die an ihrer Passion beteiligt gewesen sein sollten. «Man mag das Schreckliche nicht einfach lassen, man muss es immer noch weiter ausschmücken und verbrämen», sagt sie. Dabei wirkt sie aufgeräumter, als in dem Interview, das sie kurz nach dem Ende ihrer Entführung gegeben hatte.

Die Kamera nimmt Kampuschs Perspektive ein: Sie liegt in dem weißen Kastenwagen und zeigt den Blick aus dem Fenster auf die vorbeirasenden Baumwipfel, wie sie das zehnjährige Mädchen am Tag ihrer Entführung gesehen haben muss. Der Film zeigt außerdem die ersten Kameraaufnahmen aus dem Kellerverlies. Zaghaft bewegt sich das Kameraauge in den beklemmenden Räumen, zeigt schnarrende Ventilatoren, billige Baumarktlampen, heftet sich an die dicke Betontür. In der Wohnung des Entführers: Die elektrischen Rolladen fahren herunter und lassen Licht nur noch durch kleine Schlitze herein. Dramatische Musik soll andeuten, was nicht gezeigt werden kann.

Einige Szenen schildert Kampusch auch detailliert: Wie Priklopil ihr das Weinen verbot, ihr die Tränen mit dem Handrücken in die Wange einrieb – er wollte nicht, dass die salzige Flüssigkeit die Badezimmerfliesen beschädigt. Sie spricht über den Polizisten, der bei einer Verkehrskontrolle die verzweifelten Blicke des Mädchens nicht zu deuten wusste.

Der Drehbuchautor und Journalist Peter Reichard konnte ihr Vertrauen gewinnen, zwei Jahre lang blieb er am Ball, bis sich Natascha Kampusch bereit erklärte, mit ihm diesen Film zu machen. Sie will damit Missverständnisse ausräumen und das Geschehene «ins richtige Licht rücken». Und vor allem will sie eines: nicht mehr Opfer sein, auch nicht ein Opfer der Medien.

Facettenreiches Psychogramm des Täters

Natascha Kampusch zeigt mitunter auch Verständnis für ihren Peiniger: Was er getan habe, müsse aus einer tiefen Verletzung heraus geschehen sein, mutmaßt sie. Wenn sie ihm nicht immer wieder verziehen hätte, sei diese Zeit für sie nicht auszuhalten gewesen, sagt sie.

Mit Aufnahmen aus der Wohnung des Wolfgang Priklopil und den Erzählungen seines Freundes, Ernst Holzapfel, zur Persönlichkeit des Täters ergibt sich ein facettenreiches Psychogramm Priklopils. Klar wird, wie sehr er das Mädchen terrorisiert und manipuliert haben muss, so sehr, dass sie lange selbst nicht glaubte, dass ihr jemals die Flucht gelingen könnte. Und so erklärt sich auch, wie der Täter das Mädchen in seine Wohnung lassen und sie auf Ausflüge mitnehmen konnte, ohne, dass es ihr gelungen wäre, sich aus seinen Fängen zu befreien.

Ein Handyanruf sollte dem Entführer zum Verhängnis werden: Die junge Frau saugt sein Auto aus, er geht wegen der Lautstärke ein paar Schritte in den Garten – Natascha Kampusch rennt. Zurück bleibt der dröhnende Sauger im Auto.
 

Natascha Kampusch. 3096 Tage in Gefangenschaft, Montag, 25. Januar, 21 Uhr, Das Erste

bla/reu/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • IPA Wien
  • Kommentar 1
  • 26.01.2010 16:37

Das schreckliche Verbrechen ist verknüpft mit schrecklichen Polizeifehlern, die erst nach ihrer Selbstbefreiung bekannt wurden. Die amtliche Evaluierungskommission missbrauchte ihren Auftrag dazu, um mit einer regelrechten Medienkampagne und ständig neuen voyeuristischen Unterstellungen das Opfer zu attackieren und die Polizeifehler mit lächerlichen Begründungen herunterzuspielen. Diese Doku hat ihr ihre Würde wiedergegeben und das amtliche Verbrechen des Rufmordes an ihr als das entlarvt, was es ist, begangen von Repräsentanten des Staates, der sie eigentlich schützen sollte.

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