«Hart aber Fair»
Der ungeliebte Blick in den Spiegel

Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein: Frank Plasberg fragte in Hart aber Fair, warum die Habsucht der Menschen keine Grenzen kennt. Die bunt zusammengewürfelte Runde diskutierte kontrovers – mit überraschendem Ergebnis.

Frank Plasberg Bild: ZDF

Der rechtskräftig verurteilte Betrüger Jürgen Schneider nahm kein Blatt vor den Mund: Trocken und in klaren Worten schilderte er, wie seine dreisten Immobilienspekulationen in den 1990ern Milliarden vernichtet hatten. Den Film, der einen Handwerker zeigte, dem durch Schneiders Projekte Verluste von einer Million D-Mark entstanden waren, kommentierte der einstige Baulöwe achselzuckend: «Schicksal. Das ist eben Marktwirtschaft».

Eben diese Marktwirtschaft und ihre vermeintlichen oder tatsächlichen Auswüchse standen zunächst im Mittelpunkt der Kritik: Journalistin Jutta Ditfurth bezeichnete Gier gar als «Kennzeichen des kapitalistischen Systems schlechthin». Energischer Widerspruch dagegen kam vom ehemaligen Präsidenten des BDI, Hans-Olaf Henkel: «Es ist unfair, aus Auswüchsen wie denen von Herrn Schneider allgemeine Schlüsse auf die gesamte Wirtschaft zu ziehen», betonte er. Henkel warnte eindringlich davor, wegen der Wirtschaftskrise das gesamte System in Frage zu stellen.

Auch Fernsehregisseur Dieter Wedel wollte Gier nicht per se verdammen: So gebe es beispielsweise journalistische Neugier oder Wissbegier. Außerdem sei doch Gier in jedem Menschen veranlagt und daher bis zu einem gewissen Grad positiv zu beurteilen.

Laute Managerschelte und Kritik an überhöhtem Renditestreben kamen von Jutta Ditfurth. Sie hatte insbesondere die Deutsche Bank mit ihrem Chef Josef Ackermann im Visier und unterfütterte ihre Aussagen mit inniger Empörung.

Für harte Fakten sorgte Matthias Sutter: Der Wirtschaftsprofessor der Universität Innsbruck berichtete von seinen Experimenten, die das Verhalten der Menschen im Umgang mit Geld erforschen und kam zu dem Fazit: «Gier treibt uns immer an – aber Betrug hat nichts mit Marktwirtschaft zu tun». Einigkeit herrschte in der Talkrunde jedoch darüber, dass eine Marktwirtschaft klare Regeln brauche.

Jeder Gast hatte zum Thema des Abends seine Meinung und ein paar kluge Sprüche mitgebracht. Das beste Statement aber kam von Jürgen Schneider: «Ich bin hier der einzige Praktiker, der das gemacht hat, wovon wir hier reden».

Aber warum kennt denn nun die Gier keine Grenzen? Und wer könnte eine solche Grenze festlegen? Mit Zwischenfragen wie diesen nahm Frank Plasberg seine Gäste immer wieder hart am Zügel, bevor sich die Diskussion zu sehr auf Details und Nebenschauplätzen verlagerte – etwa als Schauspieler Harald Krassnitzer über nachhaltige Renditen zu philosophieren begann. Nur Dieter Wedel plauderte so lange über seine Querelen mit einem Schweizer Vermögensverwalter, dass Moderator Plasberg ihn mit einer einstweiligen Verfügung des beschuldigten Bankhauses stoppen musste.

Dann aber ging es schnell ans Eingemachte: Plasberg lenkte die Debatte vom Besonderen ins Allgemeine – und hielt dabei sowohl seinen Gästen als auch dem Zuschauer einen Spiegel vor. «Überlegen Sie mal, ob Sie auch dabei gewesen wären», so sein schlichter Kommentar zu einem Video von der Erstürmung eines mit Sonderangeboten werbenden Media-Marktes. Er wagte damit den direkten Vergleich des zwanghaften Schnäppchenjägers mit dem gierigen Börsenspekulanten – mit Erfolg: Nicht nur seine Gäste verstummten angesichts der chaotischen Szenen. Auch die Zuschauerreaktionen waren nachdenklich: Wer ohne Schuld sei, möge den ersten Stein werfen, wurde gefordert. «Wir alle sind an der Krise schuld», lautete eine andere Stellungnahme.

Ernste Diskussion statt billiger Polemik: Mit der Aufforderung, das eigene Verhalten zu hinterfragen anstatt pauschal auf Manager, den Kapitalismus oder die Gier der anderen zu schimpfen, hat Hart aber Fair einen Nerv getroffen – und sich damit deutlich von durchschnittlichen Labertalkshows abgehoben. Bitte mehr davon!

mat/voc/nbr/news.de

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1 Kommentare
  • Willi Riebesehl

    25.01.2010 17:53

    Eine gelungene Wiedergabe der Sendung. Danke. Ich sehe jedoch einen erheblichen Unterschied zwischen der "Schnäppchen Gier" im Supermarkt und der Profitgier von Unternehmen, die, nach meiner Meinung, zwar dem Gewinn verpflichtet sind, sich jedoch auch eine gesellschaftliche Verantwortung zuweisen lassen müssen. Dieser Aspekt, schien mir, kam in der Sendung zu kurz. Denn, was bitte ist von den Menschen am Ende der "Fresskette" zu erwarten, wenn am oberen Ende fern wirkende Verhaltensweisen gepflegt und damit Lebens- und Einkommensverhältnisse geschaffen werden, die sich dann durch entsprechendes Verhalten unten widerspiegeln?

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