Tatort Stuttgart Schnee im Kopf

Dieser Fall ist etwas für die stille Jahreszeit. Es geht um das Altern in unserer Gesellschaft, um die Kluft zwischen den Generationen. Altlasten packt ein wichtiges Thema mit viel Fingerspitzengefühl an. Leider passt das Sujet einfach nicht ins Krimi-Genre.

Tatort (Foto)
Der Stuttgarter Tatort befasst sich diesmal mit den Probleme der Alten. Bild: SWR

Eigentlich erstaunlich: Bevölkerung und Fernsehpublikum vergreisen rapide - und trotzdem mangelt es an Filmen, die sich ebenso ernsthaft wie unterhaltsam mit Alter, Krankheit und Tod auseinandersetzen. Gut, im Kino gab es unlängst Andreas Dresens mutige Tragikomödie Wolke 9, in der zwei Menschen weit jenseits der 60 leidenschaftlichen Sex haben. Doch im Fernsehen taugen Senioren meistens nur zum netten Opa oder zur Kuchen backenden Oma, zu stereotyp gezeichnete Nebenfiguren. 

Altlasten, der fünfte Fall des Stuttgarter Tatort-Duos Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) knöpft sich dieses zugegeben sperrige Thema wieder einmal vor. Gerade hat der Rentner Willy Schubert (Dieter Schaad) noch mit seiner Frau Brise (Bibiana Zeller) das Tanzbein geschwungen, wenig später liegt er tot auf einer Bahre im Krematorium. Deutscher Gründlichkeit ist es zu verdanken, dass Lannert und Bootz überhaupt ihren Fall bekommen. Kurz vor der Verbrennung hat der zuständige Amtsarzt an der Leiche Spuren entdeckt, die auf eine Vergiftung hinweisen. Willy Schubert starb keines natürlichen Todes - so viel ist sicher.

Lannert und Bootz suchen den Mörder im Familienkreis. Und der wartet mit den üblichen Verdächtigen auf. Tochter Eva Martens (Inka Friedrich) hat für die Pflege ihres Vaters ihre Karriere als Lehrerin unterbrochen und ist mit der Erziehung ihres behinderten Sohnes zu Genüge ausgelastet. Da erscheint es nicht abwegig, das Sterben ihres ohnehin schwer kranken Vaters ein wenig zu beschleunigen. Auch Schuberts Sohn Peter hat ein Motiv. Seine Galerie steht vor der Pleite. Mit dem Erbe ist er wieder liquide. Und schließlich gibt es noch Schwiegersohn Holger (Steffen Münster). Er lag mit Willy Schubert in Streit, weil er das Mandat für die Verteidigung eines Kinderschänders übernommen hatte.

Das Stuttgarter Duo, im vorherigen Fall noch mit der Klärung eines Prostituiertenmordes befasst, lässt es diesmal erheblich ruhiger angehen. Wie weiland Hercule Poirot versammeln die beiden die Verdächtigen im Wohnzimmer, wo sich auch prompt alle Spannungen entladen. Gelöst wird der Fall dadurch trotzdem nicht. Dafür gewinnt Lannert nach und nach das Vertrauen von Brise Schubert. Die ältere Dame hütet vor ihrer Familie ein Geheimnis: Vor kurzem hat sie die Diagnose Alzheimer erhalten. Ihre Welt versinkt immer mehr im Dunkel. «Es schneit in meinem Kopf und ich kann nichts dagegen tun», sagt sie zu Lannert. Bibiana Zeller ist großartig in dieser Rolle, lässt die Angst vor dem unaufhaltsamen Vergessen des Vertrauten genauso spürbar werden wie einst Götz George, der im Fernsehfilm Mein Vater ebenfalls einen Alzheimer-Patienten spielte.

Regisseur Eoin Moore und Drehbuchautorin Katrin Bühlig ziehen das Thema Altern auch in den beiden humoristischen Nebensträngen dieses Tatorts konsequent durch. Lannert leidet privat darunter, dass die von ihm verehrte Nachbarin Lona (Birthe Wolter) auf einmal einen jungen Liebhaber hat. Und Bootz wiederum erhält unerwünschten Besuch von seiner resoluten Schwiegermutter. In einer herrlich absurden Szene duellieren sich die beiden beim Mensch-ärgere-dich-nicht. Dazu erklingt Ennio Morricones berühmte Melodie aus Spiel mir das Lied vom Tod. Der Spaghetti- wird zum Spätzle-Western. Gar nicht schlecht.

Ein starkes Ensemble, eine wichtige Thematik – trotzdem fehlt diesem Tatort letzten Endes das Entscheidende: Spannung. Allzu bedächtig wird der Kreis der möglichen Täter abgearbeitet. Zu vorhersehbar kommt der sozialkritische Seitenhieb gegen die Zweiklassenmedizin und Ärzte, die ihren Patienten lebensnotwendige Medikamente vorenthalten, weil sie das erlaubte Budget überschreiten. Furchtbar brav und bieder ist auch das, was Bootz und vor allem Lannert diesmal abliefern. Nichts gegen sensible und mitfühlende Polizisten, die sogar als Altenpfleger aushelfen. Nett ist aber auch furchtbar langweilig. Vielleicht sollte Lannert einfach mal wieder die speckige Lederjacke rausholen und seinen rostfarbenen Porsche umlackieren. Wir empfehlen Rot. Das wäre zumindest ein Anfang.

Tatort: Altlasten, Sonntag, 27.12., 20.15 Uhr, Das Erste

cvd/news.de

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