Von news.de-Mitarbeiter Tobias Köberlein - 15.09.2009, 14.19 Uhr

Sat.1-Komödie «Barfuß bis zum Hals»: Im Adamskostüm wiedervereint

Dienstagabend bei Sat.1: Ein Sender gibt sich die Blöße – mit den immergleichen Romantic Comedies für die Kuschelzielgruppe. In Barfuß bis zum Hals macht sich Sat.1 nun richtig nackig. Und zeigt dabei ungeahnte Stärken.

Anführer des Nudistencamps Helmut Steiner (Martin Brambach) ist Barfuß bis zum Hals. Bild: Sat.1/ Gordon Mühle

«Jegliches hat seine Zeit», singen die Puhdys in Hansjörg Thurns Film. Die Zeit von Helmut Steiner (Martin Brambach) ist irgendwie abgelaufen. Die DDR, der Staat, in dem er aufgewachsen ist, gibt es nicht mehr. Seinen erlernten Beruf auch nicht. Die alten Feindbilder sind weg und die ungestörte FKK-Freiheit an der Ostsee ebenso.

Der Nudismus bedeutete für Helmut und seine Frau Sabine (Stefanie Höner) seit jeher mehr als gelebte Körperkultur. Frei schwingende Penisse und ungezügelt wogende Brüste symbolisieren für den ehemaligen Systemabweichler den letzten Hort persönlicher Freiheit. Im «Sportverein zur Freiheit» im Brandenburgischen darf er sie mit Gleichgesinnten ungestört leben – barfuß bis zum Hals.

So viel Nacktheit war selten im Fernsehen. Und schon gar nicht zur besten Sendezeit. Wie selbstverständlich bewegen sich die Schauspieler im Adamskostüm vor der Kamera und spielen dabei so, als seien sie angezogen. Das nötigt Respekt ab, zumal hier keine durchtrainierten Adonis-Körper gezeigt werden, sondern der ganz normale nackte Leib mit all seinen Makeln. Doch auch Sat.1 hat Anerkennung verdient. Barfuß bis zum Hals ist in seiner Konsequenz mutig, dabei aber weder peinlich oder voyeuristisch.

Barfuß bis zum Hals ist aber auch eine Ossi-Wessi-Komödie und gehört damit fast schon einem Sub-Genre im deutschen Fernsehen an. Helmuts Wessi-Antipode heißt Dieter Lohe (Christoph M. Ohrt), ist Bayer, CSU-Mitglied und Katholik – «praktizierend», wie ein Nudisten-Kollege anmerkt. Ein Treppenwitz, dass Lohe sein Geld auch noch als Textilfabrikant verdient und damit für Nudisten-Ossi Helmut endgültig die Personifikation des Bösen darstellt.

Ausgerechnet dieser Lohe hat nun der Treuhand das Gelände des «Sportvereins zur Freiheit» abgeschwatzt. Er will dort sein Jagdrevier einrichten. Bei den Nackedeis schrillen die Alarmglocken. Es geht um ihren Pachtvertrag. Den wollen sie auf jeden Fall verlängert haben. Und weil sie dem Bayern die Lederhose nicht ausziehen können, beschließen sie, selbst eine anzuziehen. Die Vorspiegelung einer textilen Normalität soll den Spießer aus München milde stimmen.

In Barfuss bis zu Hals prallen zwei Weltanschauungen ungebremst aufeinander. Umso bemerkenswerter, dass der Film die gängigen Ost-West-Stereotypen in der Schublade gelassen hat. Es darf gelacht werden, mit- und übereinander. Helmut und Dieter – die vermeintlichen Antipoden – entdecken wider Erwarten viele Gemeinsamkeiten. Die größte: der Generationenkonflikt mit dem Nachwuchs. Dieters adrette Tochter Natalie (Diane Willems) hat sich von ihrem Workaholic-Papa völlig entfremdet, während Helmuts Sprössling Jakob (Constantin von Jascheroff) die Nudisten-Nummer seiner Eltern gehörig auf den Senkel geht.

Das Revoluzzertum des Sohnes reißt bei Helmut alte Wunden auf. Und plötzlich kommt in diesen Film, der als eher leichte Sommerkomödie begann, ein großer Ernst. Der einstige DDR-Oppositionelle hat sich mit seiner Nudisten-Kolonie eine Gegenwelt zur Realität geschaffen, in der es sich wohlig leben lässt. Im «Sportverein zur Freiheit» lebt die alte, die bessere DDR im Kleinformat noch einmal auf.

Martin Brambach spielt diesen Helmut als innerlich zerrissenen Typen, als Schwadroneur und selbstgefälligen Vater, aber auch als launigen Ostalgiker und liebenswerten Halodri. Brambach, der leider viel zu selten in Hauptrollen im Fernsehen auftaucht, findet das Heitere im Ernsten und umgekehrt, tariert beides gekonnt aus. Christoph M. Ohrt wiederum hat es als glatter Unternehmer mit rosa Hemd und dickem Geländewagen schon wieder schwerer, seinem Charakter Konturen zu verleihen.

Gegen Ende hin holpert die Geschichte ein bisschen, verliert ihren Drive. Der Vater-Sohn-Konflikt geht zugunsten der Romeo und Julia-Geschichte zwischen Natalie und Jakob ein wenig verloren. Trotz alledem: Barfuß bis zum Hals zeigt den richtigen Weg für Sat.1. «Jegliches hat seine Zeit», heißt es bei den Puhdys. Zeit für mutige und unterhaltsame Filme wie diesen darf der Sender aber ruhig öfter einplanen.

Barfuß bis zum Hals, Sat.1, 15.September um 20.15 Uhr.

voc/ped/news.de

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