Interview mit Thomas Kufus «Dieses Projekt hat Grenzen überschritten»

Was wäre 24h Berlin ohne Berliner? (Foto)
Was wäre 24h Berlin ohne Berliner? Bild: zero one film

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Thomas Kufus hat mit seiner Firma zero one film die 24-Stunden-Dokumentation 24h Berlin produziert. Im Interview spricht er über das Risiko solcher Projekte, Pannen beim Dreh und darüber, warum er dabei das ein oder andere Tränchen verdrückt hat.

Sie haben vor fast genau einem Jahr 80 Teams mit insgesamt 400 Mann durch Berlin geschickt und 24 Stunden filmen lassen. Wie nah komme ich der Realität, wenn ich mir das als heilloses Chaos vorstelle?

Kufus: (lacht) Da sind Sie weit weg von der Realität. Natürlich war unsere Zentrale hier oft ein Wespennest, aber am Drehtag selbst war es in der Produktion eigentlich recht ruhig, denn wir hatten das natürlich von langer Hand vorbereitet.

Was heißt in diesem Fall «von langer Hand»?

Kufus: Die konkreten Vorbereitungen haben ungefähr ein Jahr vorher begonnen und die Fertigstellung hat auch nochmal ein Jahr gedauert. Wir sind ja nicht einfach ausgeschwärmt und haben alles gedreht, was sich bewegt. Wir hatten sehr genau Protagonisten und Sujets ausgewählt. Welche Hartz-IV-Empfänger-Familie interessiert uns, welche Rentnerin, welcher Multiplikator, der jeden Tag mit Macht und Entscheidungen zu tun hat? Nehmen wir jemanden im Knast oder lieber nicht? Das ganze Prekariat wurde im Einzelnen abgeleuchtet, die normale Mittelstandsfamilie, die Schulen.

«24h Berlin»
«Wer die Normalität Berlins zeigen will, muss verrückt sein!»
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Ein Zwei-Jahres-Projekt mit einem solch immensen Aufwand ist mit Sicherheit nicht ganz billig. Können Sie das Budget beziffern?

Kufus: Das Budget betrug etwa 2,8 Millionen Euro. Und für 24 Stunden Programm, die am Ende dabei herauskommen, war das schon haarscharf.

Das heißt, Sie sind gerade so hingekommen?

Kufus: Wenn Sie so genau fragen, ja.

Wer trägt denn das finanziell?

Kufus: In allererster Linie liegt das natürlich auf den Schultern der Sender, also des RBB und Arte. Dann gibt es noch das Medienboard Berlin-Brandenburg und den Hauptstadtkulturfonds. Und meine Firma selbst natürlich, ich musste auch investieren.

Making-of «24h Berlin»
Ein Tag im Leben Berlins
Video: Zero One 24 GmbH/Jander Voigt

Wie waren die ersten Reaktionen bei einem so teuren Projekt?

Kufus: Naja, man fällt ja nicht mit der Tür ins Haus. Ganz zu Anfang weiß man noch nicht, wie viel das kostet, so ein Budget errechnet man ja nicht eben mal an einem Nachmittag. Aber man muss es natürlich rechtzeitig kommunizieren. Ansonsten machen sich die möglichen Finanziers und Partner Hoffnungen und dann klappt es nicht.

Wenn Sie Hoffnungen sagen, klingt das aber danach, als sei Ihr Vorschlag durchweg gut angekommen?

Kufus: Ja, ich muss wirklich sagen, dass es bei allen drei genannten Hauptfinanziers wirklich sehr schnell ging. Natürlich kann auch ein Sender heute nicht mehr so schnell alleine entscheiden, zumindest nicht der erste Ansprechpartner. Aber hier gab es sofort sehr große Begeisterung und in einem Fall hat die Zusage sogar nur eine halbe Stunde gedauert.

Können Sie sagen, in welchem Fall?

Kufus: (lacht) Nein, das will ich in diesem Fall mal ausnahmsweise nicht.

Man fragt sich bei einem solchen Projekt natürlich, wie jemand auf die Idee kommt. Manch einer denkt da vielleicht an die Serie 24. Gibt es solche Vorbilder für 24h Berlin?

Kufus: Nein, ein wirkliches Vorbild gibt es nicht. In diesem Fall sind wir schon Pioniere gewesen, was ja auch ein hartes Brot ist. Man kann sich im Prinzip auf nichts verlassen. Dieses Projekt hat wirklich Grenzen überschritten und manchmal auch gesprengt. Von daher haben wir schon auch eine gewisse Vorsicht oder ein gewisses Risikobewusstsein dafür entwickelt, was alles schieflaufen kann.

Und wieviel ist schiefgelaufen?

Kufus: Es gibt es immer mal kleine Fehler, bei uns aber haben die glücklicherweise nie das Projekt gefährdet. Aber man macht sich keine Vorstellung, an was man alles denken muss. Ein Beispiel: Wenn der künstlerische Leiter schon zwölf Stunden geschnitten hat und gerade den Rohschnitt der 13. Stunde beginnt, fängt zeitlich parallel und woanders gerade die Tonmischung für die ersten Stunden an. Wer soll das abnehmen? Den künstlerischen Leiter können wir ja nicht klonen. Unser Team arbeitet aber glücklicherweise schon viele Jahre zusammen und so konnten wir das gut ausbalancieren. Aber das hat uns schon ein paar Wochen echte Schweißperlen auf die Stirn gebracht.

Und während der Dreharbeiten?

Kufus: Uns sind zum Beispiel zwei, drei Protagonisten stiften gegangen, die waren plötzlich weg. Die bewegten sich zum Teil in halbillegalen Umfeldern. Und dann haben wir natürlich das Team spontan auf eine andere Person gesetzt, die wir noch in der Rückhand hatten. Aber es sind nicht wirklich irgendwelche Katastrophen oder Ausfälle passiert.

Nun bedeutet ja Pionier sein auch immer, dass es Menschen geben könnte, die ihr Projekt nachmachen wollen. Glauben Sie, so etwas lässt sich wiederholen und behält seinen Reiz?

Kufus: Ich kann mir das vorstellen, mal schauen, wie die Reaktionen sind. Da heutzutage auffällige Ideen ja schnell weiterverbreitet werden können, haben wir, soweit man das heute kann, dieses Format, diese Idee, auch schützen lassen, um sie später lizensieren zu können. Erste Interessen gibt es zum Beispiel aus Jerusalem und aus Tokio.

Sie kennen ja nun das Ergebnis schon. Wie nahe kommt denn der Film Ihrem Bild von Berlin?

Kufus: Also, er kommt dem nahe, aber ich kann nicht verhehlen, dass ich mein Bild durchaus korrigieren oder ergänzen musste. Man stößt einfach in Milieus vor, teilweise auch in Abgründe, teilweise auch in schöne Ereignisse, die man nicht alle Tage erlebt. Und das so extrem verdichtet, das ist schon sehr aufregend. Das Ergebnis ist zum Teil sehr turbulent, man hat schon viel zu tun beim Zuschauen, aber es ist auch sehr emotional. Und selbst bei mir ist das eine oder andere Tränchen geflossen. Manchmal vor Freude, manchmal vor Trauer.

Wo zum Beispiel?

Kufus: Es gibt einfach sehr brisante Szenen. Da werden Kinder geboren, da besuchen wir Menschen im Hospiz, es gibt ein Hochzeitspaar, das kurz vor der Hochzeit noch einen kleinen Eklat erlebt. Ganz viele eigentlich alltägliche Höhepunkte, aber wenn man die dann hautnah miterlebt, ist man schon ziemlich berührt.

Immer wieder hört man davon, dieser Film werde Fernsehgeschichte schreiben. Würden Sie diesen Satz unterschreiben?

Kufus: (zögert) Was den reinen Umfang angeht, würde ich ihn unterschreiben. Im Sinne von «höher, schneller, weiter», auch wenn wir das nicht als Ziel hatten. Wir wollten die Tür in eine neue Episode des öffentlich-rechtlichen Fernsehen öffnen und zeigen, dass man auch anders mit dem klassischen Programmverhalten umgehen kann, das uns ja oft sehr regelmäßig beschallt und berieselt. Unser Ziel war es, ein Fernsehereignis zu schaffen. Ob das dann Geschichte schreibt, müssen andere beurteilen.

Wo Sie gerade beschallen und berieseln sagen: Kann man sich von diesen 24 Stunden Berlin auch berieseln lassen oder muss man das Programm aufmerksam verfolgen?

Kufus: Berieseln ist beim Dokumentarfilm ja nicht so einfach. Aber wir haben uns natürlich nicht vorgestellt, dass sich jemand das 24 Stunden am Stück anschaut. Das Programm ist so gestaltet, dass man zwischendurch raus kann, um vielleicht einen Einkauf zu machen. Vielleicht entdeckt man ja auch abends die ein oder andere Person wieder, die man morgens gesehen hat. Das ist unser Ziel: den Zuschauer zu animieren, dass er vielleicht zwei-, drei Mal zurückkommt.

Gibt es denn unter den Protagonisten, die Sie begleitet haben jemanden, der Ihnen besonders am Herzen liegt?

Kufus: Ja, zum Beispiel ein junges Mädchen, Martha, die ist elf und lebt im Wedding. Sie ist von der Regisseurin von morgens beim Aufstehen bis abends zur Gute-Nacht-Geschichte begleitet worden. Da gibt es wunderbare Szenen zwischendurch. Normalerweise möchte ich da niemanden herausheben, aber die Martha ist einfach großartig.

Als Sie das Motto «höher, schneller, weiter» zitiert haben, musste ich kurz darüber nachdenken, was eigentlich nach so einem Film noch kommt. Sie werden ja wahrscheinlich erstmal nicht noch etwas Größeres planen, sondern vielleicht erst einmal zum klassischen Dokumentarfilm zurückkehren?

Kufus: Da haben Sie völlig recht. Erstmal halten auch wir inne, denn da haben wir uns jetzt ganz weit aus dem Fenster gelehnt und uns hoffentlich nicht die Schnute verbrannt. Jetzt müssen wir erstmal wieder Kraft und Ideen sammeln, es gibt, das kann ich verraten, natürlich schon ein paar Ideen, wie man das Ganze auch noch einmal in eine andere Richtung stoßen kann, ob das aber nochmal größer werden muss, ist eine andere Frage.

Können Sie von diesen Ideen schon etwas anreißen?

Kufus: Nein, das ist noch etwas zu früh. Auf jeden Fall glaube ich, dass die Zukunft des Fernsehens ereignishafter sein muss, da bin ich ganz sicher.

Wenn Sie jetzt, nach diesem Projekt, Berlin in einem Satz beschreiben sollte, wie würde der aussehen?

Kufus: (zögert) Ich finde, dass Klaus Wowereit vor einigen Jahren mit seiner salopp dahergesagten Einschätzung «Arm, aber sexy» gar nicht so falsch lag. Berlin ist wirklich arm. Das sieht man, das spürt man. Und sexy ist es auch und sicherlich so vielschichtig, wie man es eigentlich kaum erwarten dürfte.

voc/news.de

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