Literatursendung «Die Vorleser» Geplauder mit Hochgeschwindigkeit

Zwei «Vorleser»: ZDF-Literaturshow floppt (Foto)
Boten als «Die Vorleser» alles andere als eine Glanzleistung: Amelie Fried und Ijoma Mangold. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Christian Vock
Knapp neun Monate nachdem das ZDF Heidenreichs Literaursendung den Stecker heraus gezogen hatte, startet nun der Nachfolger «Die Vorleser». Amelie Fried und Ijoma Mangold jagten eine halbe Stunde lang Zuschauer und Bücher durch ihre Sendung.

Was war das doch damals für eine Aufregung, als Marcel Reich-Ranicki sich bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises über die Qualität des Fernsehens mokierte. Die Aufregung am Leben hielt im Anschluss Elke Heidenreich, die unaufgefordert gegen ihren eigenen Arbeitgeber, das ZDF, polterte. Die Folgen sind bekannt: Ihre Sendung Lesen! verschwand aus dem Programm und Heidenreich mit ihrer Literatursendung in den Weiten des Internets.

Inzwischen ist der Groll längst verflogen und man hat sich beim ZDF um Ersatz bemüht. Moderatorin und Schriftstellerin Amelie Fried übernahm zusammen mit dem stellvertretenden Feuilletonchef der Wochenzeitung Die Zeit, Ijoma Mangold. So konnten Die Vorleser in aller Ruhe die Nachfolge von Lesen! antreten. Beziehungsweise hätten in aller Ruhe antreten können, denn was da gestern zu sehen war, glich einer Fahrt mit einem Schnellzug. Ganze sieben Bücher stellten Amelie Fried und Ijoma Mangold in ihrer Debütsendung vor. Dazu durfte Schauspieler Walter Sittler als Gast vorbeihuschen, ein kleiner Einspieler obendrauf und ehe man es sich im Fernsehsessel gemütlich gemacht hatte, war die Fahrt auch schon vorbei. Mit etwas Glück schaffte man es gerade einmal, sich die Titel der vorgestellten Bücher aufzuschreiben.

Zeit, sich ein wenig intensiver mit den vorgestellten Büchern zu befassen, blieb dann natürlich nicht. Dafür sorgte vor allem Amelie Fried, die die einzelnen Bücher, genauso wie ihren Kollegen, nur so durch die Sendung peitschte. Lediglich Mangold war sich offenbar seines eigenen Anspruchs bewusst und versuchte hier und da Literatur zu erklären und Fried Kontra zu geben, gar zu einer echten Diskussion anzustiften. Mit diesen Versuchen kam er bei Fried aber nicht durch. Eine auch nur in Ansätzen literaturkritische Auseinandersetzung, damit wollte sie an diesem Abend nichts zu tun haben. Jede Kontroverse wurde weggelächelt. Stattdessen demonstrierte sie Volksnähe und verfiel in den Plapperton eines Kaffeekränzchens. «Ganz toll geschrieben», «ungeheuer fesselnd», «tolle Sprache» war da zu hören. Warum, wieso, weshalb interessierte nicht. Hätte Fried gesagt «Das Buch finde ich toll, weil es mir so gut gefällt» - es wäre gar nicht aufgefallen.

Vorgelesen, wie der Titel der Sendung vielleicht suggerierte, wurde auch nichts. Nicht eine Zeile gönnte man dem Zuschauer, damit der vielleicht auch nur erahnen konnte, was ihn bei dem ein oder anderen Buch erwartet. Das war auch nicht wichtig, denn man verstehe sich als «Vorkoster», als jemand, der eben die Bücher vor allen anderen gelesen hat und dementsprechend Empfehlungen abgeben kann. Warum aber ausgerechnet diese Bücher zur Verkostung ausgewählt wurden, darüber wurde nichts verraten. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Geschmeckt hat dabei nicht alles und so ließ sich Fried zu der fast schon gewagten Aussage über Per Olov Enquists Buch Ein anderes Leben hinreißen: «Man muss ja nicht alles toll finden.» Frau Fried, wie recht Sie haben.

Mangold schien bei dieser rasanten Fahrt wohl ab und an aus dem Fenster geschielt und die verdutzten Zuschauer an sich vorbeizischen gesehen zu haben. Wem das Ganze zu schnell ging, so riet er, könne sich all die vorgestellten Titel auch im Internet noch einmal in Ruhe ansehen. Bei allem Respekt, aber Fernsehen, das man sich besser im Internet noch einmal ansieht, brauchen wir nicht.

ham

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